Eine Immobilienfirma in Neuffen und ihre fragwürdigen Methoden Die Entmieter

Das Treppenhaus ist desolat, die Dachfenster fehlen. Dennoch will Stefan Beuter nicht aus seiner Wohnung ausziehen. Foto: Stefanie Schlecht

Ein Firmenkonsortium in Neuffen scheint mit rabiaten Methoden Mieter aus billigen Altbauwohnungen zu drängen, um die Immobilien anschließend teuer zu verkaufen. Eine Reportage aus unserer Reihe "Lesenswert aus 2023"

Böblingen : Ulrich Stolte (uls)

Schwarze Folie hängt über den ausgebauten Dachfenstern in der Falkenstraße 8, Dreck bröselt ins Bad und ins Wohnzimmer, die Katze hat sich vor lauter Baulärm in den Schrank verkrochen.

 

Der Albtraum begann am 17. Februar mit einem handgeschriebenen Zettel, der an die Eingangstür geklebt wurde. Darauf stand: „Das Haus wird komplett kernsaniert. Die Renovierungen werden monatelang dauern. Wir bitten euch, eine neue Wohnung zu finden.“ Damals ahnten Stefan Beuter und seine Freundin schon, dass schwere Zeiten auf sie zukommen.

Dabei hatte doch alles so gut angefangen. Das Paar hatte sich am gemeinsamen Arbeitsplatz in Weil im Schönbuch kennengelernt, und beide wollten ausprobieren, ob sie zueinander passen. Sie richteten sich in dem betagten 50er-Jahre-Block ein. Karge Standardware aus dem Architekturbaukasten der Nachkriegszeit. Sechs Parteien pro Haus, Eingang in der Mitte, zwei Norm-Fenster pro Wohnung an den Längsseiten, eines in der Stirnseite, flache Satteldächer. Zwölf Parteien wohnten damals in den beiden Mietshäusern in der Falkenstraße 6 bis 8. Jetzt sind es nur noch neun.

Die Mietshäuser, einst gebaut, um der Wohnungsnot nach dem Krieg zu begegnen, blieben Jahrzehnte in privater Hand. Im Mai 2022 wurden sie an die Dresdner Treuhand, einen Monat später an die „F.O.M.O. Projekt Falkenstraße 6+8 Weil“ verkauft. Die Firma sitzt in der Kleinstadt Neuffen, Kreis Esslingen. Der Geschäftsführer ist Fatih Öztürk, der dort in der Hauptstraße 39 und 41 seine Geschäfte tätigt.

Kein Öl für die Heizung

Schon bald begann die F.O.M.O., den Mietern das Leben schwer zu machen: Mitte Januar fielen die Zentralheizung und der Warmwasserboiler aus, weil der neue Eigentümer kein Öl gekauft hatte. Stefan Beuter beschwerte sich bei Fatih Öztürk zum ersten Mal. Sechs Tage musste das junge Paar in der Wohnung zittern, bis Heizöl ankam. Das Spiel machte Fatih Öztürk das ganze Frühjahr über. Vier Mal versagte über mehrere Tage die Heizung, weil Öl fehlte.

Am 20. Februar kam eine Aufforderung per Post: „Somit bitten wir Sie, sich schnellstmöglich eine neue Wohnung zu suchen, da in den nächsten Tagen mit den Arbeiten begonnen wird.“ Abgesendet von der Hauptstraße 41 in Neuffen. Bauarbeiter rückten an, sie bohrten Löcher in die Böden und verlegten Heizungsrohre, entfernten Eternitplatten von der Fassade.

Am 8. Mai wurde einfach das Dach abgedeckt, die Dachfenster wurden ersatzlos ausgebaut. Stefan Beuter, ein ruhiger Mann, der über jedes Wort nachdenkt, bevor er es ausspricht, beschwerte sich zum zweiten Mal. „He, Fatih, was soll das“, will er gesagt haben. „So redest du nicht mit mir. Wenn du dich nicht zusammenreißt, breche ich dir alle Knochen“, soll Öztürk geantwortet haben. Trotzdem versprach Öztürk, das Problem zu lösen. Das hat er bis heute nicht getan. Stefan Beuter schaltete die Polizei ein. Nicht wegen der möglichen Bedrohung, sondern wegen der Fenster. Nachdem die Beamten mit der Staatsanwaltschaft gesprochen hatten, erklärten sie ihm, dass der Vermieter die Fenster ausbauen dürfe – wenn es von außen geschehe. Nur wenn die Bauarbeiter dazu seine Wohnung betreten wollten, dürfe er es verbieten. Stefan Beuter ist mit diesen Informationen zunächst überfordert. Dann beschließt er, einen Anwalt einzuschalten.

Inzwischen scheinen die Handwerker die Baustelle verlassen zu haben, jedenfalls wurde seit einem Monat an der Baustelle nichts mehr gemacht. In den Gebäuden verlaufen Heizungsrohre ins Nirgendwo. Überall sind Löcher im Gebäude. Manche Fenster kann man wegen der Heizungsrohre nicht öffnen, nach wie vor fehlen die Dachfenster, das Dach ist nur mit einer Folie und Latten bedeckt. Bei Unwetter regnet es rein. Im Haus 6 ist die Heizung ganz abgeklemmt, stumpfe Heizungsrohre ragen in den Keller.

Die Methode, durch in die Länge gezogene Bauarbeiten die Mieter zu zermürben oder durch gewollte Missgeschicke der Handwerker zu vertreiben, um die Wohnungen dann leer stehend und teuer weiterzuverkaufen, ist nicht neu. Bisher wurde sie eher in den städtischen Zentren praktiziert, wo die Immobilienpreise am höchsten sind. „Man kann mit dem Verkauf einer leeren renovierten Wohnung sehr, sehr viel Geld verdienen. Zumindest mehr als mit dem Verkauf einer vermieteten Wohnung“, sagt Rolf Gaßmann, der Vorsitzende des Stuttgarter Mietervereins.

Thomas Tellge gibt nicht auf

Eine Strategie, die Fatih Öztürk offensichtlich auch verfolgt, ebenso wie sein Geschäftspartner Berkay Dogan: die gleiche Häuserzeile aus den 50er Jahren am Ortsrand von Ebersbach, Kreis Göppingen. Hier in der Daimlerstraße stehen übrig gebliebene Werkswohnungen der ehemaligen Firma Südrad. Die Fabrikgebäude sind längst abgerissen. Wo der Autozulieferer einst Felgen für Mercedes und VW fertigte, steigen jetzt mächtige Staubwolken auf, ein Logistikzentrum wächst aus dem Boden, die vier Häuser wirken wie an den Rand gedrängt.

Hier lebten 24 Parteien, sechs sind bereits ausgezogen. Einer, der nicht aufgibt, ist Thomas Tellge. Er hat gekämpft, verloren und wieder gekämpft. Gegen den Krebs seines behinderten Sohnes, gegen seine inneren Dämonen und gegen seinen Vermieter, der ihm die letzte Sicherheit wegziehen will, die er noch hat: seine Wohnung. Noch als Personalsachbearbeiter bei Südrad war Tellge in die ehemalige Werkswohnung gezogen – und blieb da, als die Firma pleiteging.

Er baute sich eine neue Existenz beim Krähe-Versand für Berufsbekleidung auf, doch er wurde dort wieder entlassen. Er blieb auch in der ehemaligen Südrad-Wohnung, als sie Anfang September 2021 an die Firma LC Immobilien in Stuttgart verkauft wurde und danach im April 2022 an die „Projekt Ebersbach Daimlerstraße GmbH“ mit Adresse in der Hauptstraße 41 in Neuffen. Die Geschäftsführer waren im Jahr 2022: Fatih Öztürk und Berkay Dogan.

Schon wenige Tage später begannen die Umbauarbeiten, Fenster wurden rausgerissen, Heizungsrohre verlegt. Alle Bewohner des Hauses Daimlerstraße 12 litten unter enormem Lärm durch Bohrmeißel, Bohrhammer und andere Geräte, die eine gewaltige Menge Dreck in die Wohnungen trugen.

An Ostern 2022 gab es eine Woche lang keine Heizung und kein warmes Wasser, die Temperaturen sanken bei Tellge auf 15 Grad in der Wohnung. Anfang Mai gab es wieder kein warmes Wasser. Mitte Mai 2022 wurden die Fenster gewechselt. In die neuen Fenster sind elektrische Rollläden integriert, aber es wurden keine elektrischen Steuerungen eingebaut. Die Mieter mussten sich die Steuerungen im Internet kaufen.

Thomas Tellge hat sich selbst eine Apparatur gebastelt, um die Rollläden hoch- und wieder herunterlassen zu können. Es blieben große Löcher und Schlitze in den Wänden, die er provisorisch mit Lumpen zu stopfen versucht.

Anfang Juni 2022 klingelten Fatih Öztürk und Berkay Dogan an der Tür und verlangten, Tellge sollte Bauarbeiter in die Wohnung lassen, die Wände und Böden durchbrechen wollten für die Heizungsrohre. „Herr Dogan hat mir Herrn Öztürk als seinen Geschäftspartner vorgestellt“, sagt Thomas Tellge. Er sei ruhig geblieben, sagt er, aber Fatih Öztürk habe ihn angebrüllt: Er werde ihm das Leben zur Hölle machen, da helfe ihm auch kein Rechtsanwalt oder die Polizei. Tellge will darauf die Tür geschlossen haben – und Fatih Öztürk habe dann dagegengetreten. Wenig später stellte Thomas Tellges Rechtsanwalt Strafanzeige wegen versuchter Nötigung, doch die Staatsanwaltschaft stellte das Verfahren ein.

Der Bürgermeister schaltet sich ein

Mitte Juni wendet er sich schließlich an den Ebersbacher Bürgermeister und bittet um Hilfe. Dieser antwortet am 8. Juli, dass es für die Gemeinde aktuell keine rechtliche Handhabe gebe. Im Herbst 2022 tut die Heizung immer noch nicht, im Gegenteil: Handwerker trennen den Heizkessel von den Rohren ab. Am 16. November geht auch noch das Heizöl aus, somit gibt es kein warmes Wasser mehr. Tellges Anwalt stellt einen Antrag auf eine einstweilige Verfügung, die Heizung wieder instand zu setzen.

Tellge hat über Wochen keine Heizung: Im Wohnzimmer misst er elf Grad, im Schlafzimmer sinken die Temperaturen auf ein Grad über dem Gefrierpunkt. Tellge lebt allein. Normalerweise kommt sein behinderter Sohn am Wochenende aus einer Einrichtung zu ihm und übernachtet. Er braucht den Vater, besonders seitdem er an einer Krebskrankheit leidet. Thomas Tellge kann ihm aber nicht mehr zumuten, in dieser Eiseskälte bei ihm zu übernachten. Als er es gar nicht mehr aushält, zieht Thomas Tellge für einige Zeit zu seiner Tochter.

Nun schaltet sich doch der Ebersbacher Bürgermeister ein und lädt zu einem Treffen im Ebersbacher Rathaus. Der Mieterverein prüft die Sache, unsere Zeitung berichtet. Aber die Empörung verläuft im Sande.

Immerhin kann der Anwalt einen Teilerfolg vermelden: Das Gericht pfändet am 10. November 2000 Euro, um Heizöl zu kaufen. Berkay Dogan bestellt endlich Heizöl für das Warmwasser. Doch der Brenner tut nicht mehr. Der Heizungsbauer lehnt es aus Versicherungsgründen ab, die Heizung wiederherzustellen, aber er kann immerhin den Brenner für das Warmwasser reparieren. Vom Rest des gepfändeten Geldes kauft sich Thomas Tellge zwei Ölradiatoren. So kommt er irgendwie über den Winter.

Seitdem hat sich nichts mehr getan. Thomas Tellge sitzt an seinem Schreibtisch, die Fenster sind verdunkelt, von seinem Flur aus kann er durch die Bohrlöcher bis in den Keller blicken. Und dort im Keller knäult sich ein meterhoher Kabelsalat.

Auch in den meisten seiner Zimmer hängen Kabel von den Wänden. Dazwischen noch ein Rest von Wohnlichkeit: Familienbilder, zwei kleine Menagerien mit Modellautos und Kameras. Die Heizung funktioniert immer noch nicht. Die Wiese vor dem Haus wurde für die Renovierung aus unerfindlichen Gründen geschottert. Ein Apfelbaum vor dem Haus, Thomas Tellge hat ihn geliebt, wurde einfach abgeholzt.

Der Internetauftritt der F.O.M.O., die Stefan Beuter so viel Verdruss bescherte, wirkt solide und gediegen. Nur was die Abkürzung F.O.M.O. bedeutet, wird dort nicht aufgelöst. Von Esslingen bis Reutlingen hat die Firma etliche Objekte im Angebot. An dem einfachen Briefkasten der F.O.M.O. stehen knapp 20 Firmennamen, unter anderem auch das „Projekt Ebersbach Daimlerstraße“ sowie die „Dachstock Ebersbach Daimlerstraße“. Es sieht so aus, als würde Fatih Öztürk für jedes seiner Immobilienprojekte eine eigene GmbH gründen. Das ist nicht illegal, aber ungewöhnlich.

Weder Öztürk noch Dogan nehmen Stellung

In der Immobilienbranche ist Fatih Öztürk kein Unbekannter, bei seinen Kollegen vom Immobiliengeschäft hat er gewisse Verwunderung ausgelöst, weil er zumindest ab und an Objekte weit über dem Wert kauft. Eine Metzgerei im Beurener Ortsteil Balzholz, Kreis Esslingen, soll er für mindestens 30 bis 40 Prozent über Marktwert erworben haben, um dort dann Wohnungen einzubauen, sagt ein Brancheninsider.

Der Umbau erfolgte ohne Baugenehmigung, weswegen das Landratsamt einen Baustopp und die Gemeinde eine Veränderungssperre verfügte. Jetzt strebt Beuren an dieser Stelle einen Bebauungsplan oder einen städtebaulichen Vertrag an, um wieder zur Herrin des Verfahrens zu werden.

Fatih Öztürk selbst möchte sich telefonisch nicht zu den Vorgängen äußern, auch auf schriftliche Anfragen reagiert er nicht. Berkay Dogan teilt schriftlich mit, er werde keine Stellung nehmen.

Stefan Beuter wartet immer noch auf seine Dachfenster. Er plant jetzt, per einstweiliger Verfügung die Fenster wieder einbauen zu lassen und die Miete um 70 bis 80 Prozent zu kürzen. Alle Schikanen und alle Einschüchterungsversuche haben bei ihm nichts genutzt. Im Gegenteil, bei Stefan Beuter ist ein Widerstandswille erwacht. Er blickt seine Lebensgefährtin an, mit der er sich in der Falkenstraße ein Zuhause erschaffen wollte, und sagt: „Wir gehen hier nicht weg. Wir geben hier nicht auf.“

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