Eine Liebeserklärung Ti amo, Butterbrezel

Eine Brezel ist eine ernste Sache. Foto: moerschy/pixabay
Eine Brezel ist eine ernste Sache. Foto: moerschy/pixabay

Dicker Bauch, dünne Ärmchen, fein bestrichen: Durch Zugabe von Butter wird die an sich schon perfekte Laugenbrezel zu einer unerreichten Delikatesse. Eine Liebeserklärung.

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Stuttgart - Sie ist die größte Konstante in meinem Leben. Meine Begleiterin im Kinderwagen, mit aufgeschürften Knien auf dem ersten Fahrrad, hinter dem Steuer meines klapprigen ersten Renault Clios, nach der Vorlesung oder vor dem Meeting. Sie empfing mich nach einem Urlaub in weiter Ferne und gab mir sofort ein Gefühl von Heimat und Zugehörigkeit. Sie ist auch nach all den Jahren immer für mich da, wenn ich sie brauche.

Die Schweiz der Backkunst

Morgens, mittags, abends, ganz egal: Die Butterbrezel ist egalitär, kennt keine Standesdünkel, keine Altersschranken, keine soziale Bevorzugung. Sie ist, wenn zur Perfektion gebracht, ein kurzer Einblick in eine perfekte, gerechte Welt. Eine Utopie zum Essen.

Jeder mag seine Laugenbrezel anders. Ich sage deswegen nicht, dass meine Idealvorstellung der Butterbrezel per Dekret festgelegt werden sollte; ich sage nur, dass sie es verdient hätte und jede*r gut daran tun würde, meinem Beispiel zu folgen. Nicht zu matt und nicht zu glänzend darf sie sein, nicht zu hell und nicht zu dunkel. Die Ärmchen müssen dünn sein und knusprig, aber bitte keinesfalls zu dunkel oder gar verbrannt. Frevel!

In inniger Umarmung

Ihre knubbeligen Enden müssen sich schon bei leichtem Rupfen vom Bauch der Brezel lösen, als hätten sie dort nur in inniger Umarmung verharrt. Der Bauch, der darf ruhig dick und rund sein, außen leicht knusprig, innen aber bitte von samtener Fluffigkeit. Und das Salz, das sollte höchst sparsam auf die Brezel aufgetragen werden. Keinesfalls zu viel, das Salz stört sonst die geschmackliche Raffinesse dieses göttlichen Wunderwerks der Backwaren. Vorsichtig aufgeschnitten, gibt die Brezel ihr Innerstes preis, um wohltemperierte Butter zu empfangen. Ich verbitte mir, die Brezel einmal komplett in der Mitte durchzuschneiden und dann ohne Sinn und Verstand mit Butter vollzuschmieren als würde man eine Wand mit Kleister tapezieren. Stattdessen bitte den Bauch vorsichtig aufschneiden, penibel genau darauf achten, dass die Laugenkruste dabei nicht in Mitleidenschaft gezogen wird, und dann Butter auftragen. Die darf natürlich nicht aus dem Kühlschrank kommen und muss von erlesener Qualität sein. Alles andere ist eine Beleidigung für den edlen Träger.

Gravitas und Demut

Es ist eine ernste Sache. Wer also schon beim Schlingen nicht mit der notwendigen Gravitas und einer ordentlichen Portion Demut vor diesem schwäbischen Backklassiker zu Werke geht, produziert am Ende alles, aber keine gescheite Brezel. Das wäre ja, als würde man ein österreichisches Gulasch kochen und dafür kein Wadenfleisch verwenden. Undenkbar! Wer demütig und ernst backt, aber nicht aus Schwaben kommt, verdient natürlich auch meinen Respekt und meine Anerkennung; man kann ja nichts dafür, wenn man nicht von hier ist. Die Krönung der Backwaren deswegen aber gleich Breze zu schimpfen, das geht dann doch etwas zu weit.

Sollen sich die Bayern und die Elsässer also weiterhin in die Tasche lügen und behaupten, die Brezel erfunden zu haben. Wir kennen die Wahrheit und ehren sie zu jeder Tageszeit mit einer frischen Laugenbrezel, zart liebkost von Butter und verputzt im Gehen, Stehen, Sitzen oder Liegen. Sie streichelt die Seele und transportiert die schwäbischste aller Tugenden: Bescheidenheit. Unaufgeregter wird Genuss nicht.

Die Legende von der Erfindung der Brezel

Der Sage nach wurde die Brezel im Jahr 1477 vom Bäcker Frieder aus Bad Urach erfunden. Der muss irgendetwas Furchtbares angestellt haben, um bei Graf Eberhard in Ungnade zu fallen. Sein Leben schien verwirkt, doch da der Bäcker dem Grafen zuvor gute Dienste geleistet hatte, sollte er eine allerletzte Chance bekommen: „Back einen Kuchen lieber Freund, durch den die Sonne dreimal scheint, dann wirst du nicht gehenkt, dein Leben sei dir frei geschenkt“, soll der Graf gesagt und ihm drei Tage zusätzliches Leben geschenkt haben. Der arme Bäcker war mit seinem Latein am Ende, seine Frau verschränkte vor Kummer ihre Arme. Tadaa, da war sie, die Idee für die Form der Brezel. Und als dann noch seine Katze das Backblech in einen Eimer mit Lauge stieß, war die Laugenbrezel geboren.




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