Eine Liebeserklärung Ti amo, Kaltental!

Jede Menge Grün und trotzdem stadtnah: das macht Kaltental aus. Foto: Lichtgut/Leif Piechowski

Keine Supermärkte, kaum Kneipen, nichts los: Bei unserer Umfrage Heimat-Check wurde Kaltental heftig kritisiert. Dabei hat der Stadtteil in Stuttgart-Süd Qualitäten, die es sonst kaum irgendwo gibt. Eine Liebeserklärung von zwei Autorinnen, die dort wohnen.

Schon klar, Kaltental ist nicht Stuttgart-West und auch nicht Berlin-Friedrichshain. Stadtvillen mit hohen Decken, angesagte Kneipen oder Supermärkte, die bis Mitternacht geöffnet haben – nichts davon findet man in dem dörflichen Stadtteil, der zum Bezirk Süd gehört. Dafür aber bietet Kaltental Dinge, die es sonst so kaum irgendwo in Stuttgart gibt. Doch zuerst zur Kritik.

 

Kaum Läden, steile Berge

Bei unserer Umfrage Heimat-Check kam heraus, dass der Frust bei einigen Bewohnern in Kaltental groß ist. Da ist etwa die Rede von „abgehängtem Stadtteil“, weil dort nach und nach alle Läden schließen. Metzgerei, Apotheke, Obst- und Gemüsegeschäft: sie alle haben in den vergangenen Jahren dicht gemacht. Für größere Einkäufe muss man entweder nach Vaihingen oder nach Heslach fahren. Vor Ort bekommt man nur das Nötigste.

Auch für Menschen, die mit Kinderwagen, Rollstuhl oder Rollator unterwegs sind, ist Kaltental aufgrund der steilen Hügel und vielen Treppen eine echte Herausforderung. Und ja: aufregend geht es in Kaltental in aller Regel nicht zu, Jugendliche dürften sich dort mitunter langweilen. Wer dennoch nach Kaltental zieht, findet dort aber einen Stadtteil vor, in den man sich wirklich verlieben kann.

Im Sommer angenehm kühl, im Winter Schnee

Zunächst einmal hat Kaltental so ziemlich die beste Luft von ganz Stuttgart, weil es inmitten der Haupt-Frischluftschneise liegt. Im Sommer kann man dort immer noch tief durchatmen, während man in der Innenstadt mitunter verzweifelt nach Bäumen und Schatten sucht. Im Winter bleibt in Kaltental der Schnee liegen, während er ein, zwei Kilometer entfernt in Heslach sofort schmilzt. Der Name Kaltental kommt nicht von ungefähr – und in Zeiten der Klimaerwärmung sind diese paar Grad weniger oft ein Segen.

Darüber hinaus ist Kaltental der perfekte Kompromiss für Menschen, die die Natur und Bewegung lieben, aber zugleich das Urbane schätzen. Denn man hat dort direkten Zugang zum Wald, innerhalb kurzer Zeit spaziert man zum Heslacher Waldheim oder zu den Heslacher Wasserfällen. Bei einem etwas längeren Spaziergang kann man fast durchgehend im Wald bis zum Birkenkopf im Westen, zum Santiago-de-Chile-Platz in Degerloch oder zum Teehaus im Weißenburgpark laufen.

Wald, Felder und ein verwilderter See

Außerdem sind die Felder zwischen Sonnenberg und Möhringen nur einen kurzen Stich bergauf entfernt. Dort kann man wunderbar joggen gehen, Inliner fahren – oder sich selbst im Gemüseanbau versuchen auf den Mietäckern von Meine Ernte. Und wer sich nach völliger Ruhe und Einkehr sehnt, sollte den Eissee in Kaltental besuchen. Anwohner bezeichnen den verwilderten See als Kraftort. Direkt dahinter beginnen kleine Gärten, außerdem ist dort ein Hang, an dem Kinder im Winter Schlitten fahren.

Trotzdem hat Kaltental mehr zu bieten als Natur und gute Luft: Der Stadtteil hat drei Stadtbahnhaltestellen (Linie U 1), außerdem fährt der Nachtbus am Wochenende. Mit der Stadtbahn ist man in zehn Minuten am Marienplatz, in weniger als einer Viertelstunde am Charlottenplatz. Und je nachdem wo man in Kaltental wohnt, ist auch die S-Bahn-Haltestelle Österfeld nur einen kurzen Spaziergang entfernt. Trotzdem kann man dort nachts problemlos auch mit geöffnetem Fenster schlafen, weil so gut wie nie betrunkene Menschen durch die Straßen ziehen oder es Hupkonzerte gibt wie anderswo.

Auch für junge Familien hat Kaltental jede Menge zu bieten. In dem Stadtteil gab es in den vergangenen Jahren einen Generationenwechsel. Das bekommt insbesondere die örtliche Grundschule zu spüren, die großen Zulauf hat und derzeit erweitert wird. Für die Kinder ist es ein Glücksfall, dass sie die ersten vier Klassen in ihrem Stadtteil absolvieren können. Sie können die Schulwege allein zurücklegen, für die Erstklässler organisieren die Eltern Laufgruppen. Die Freunde wohnen vor Ort, spontane Besuche sind möglich, ohne dass Mama oder Papa den Nachwuchs chauffieren muss. Beim Bäcker oder in dem kleinen Gemischtwarenladen machen die Kinder ihre ersten eigenen Einkäufe. Und fast jedes Mädchen und jeder Junge im Ort sportelt mal beim VfL Kaltental, der sowohl in der Grundschule als auch in seinem Vereinsheim im Kohlhau Kurse anbietet. Und weil Kaltental ein Dorf ist, helfen sich die Eltern untereinander aus, wenn es mal bei der Betreuung des Nachwuchses eng wird oder man anderweitig Unterstützung braucht. Das hat nicht zuletzt die Coronazeit gezeigt.

Und auch wenn Kaltental noch weit davon entfernt ist, ein hipper Stadtteil zu sein, so tut sich dort durchaus etwas: Ende 2021 hat beispielsweise der Kaffeeladen Cortégas an der Engelboldstraße aufgemacht. Die Kunden können dort Bohnen kaufen, vor Ort mahlen und nach Wunsch in ein mitgebrachtes Gefäß einfüllen lassen, sie können aber auch neben der mannshohen Espressomaschine im Belle-Epoque-Stil ein Heißgetränk zu sich nehmen. Eine Auswahl an Maschinen und Zubehör gibt es ebenfalls.

Seit Kurzem wird außerdem vor der Bäckerei Schrade samstags auch Obst und Gemüse verkauft, sodass die Menschen sich vor Ort wieder besser versorgen können. In der evangelischen Thomaskirche gibt es ein neues Bücherregal, das so gut sortiert ist, dass man dort echte Schätze findet. Und Kaltental ist Sanierungsgebiet; dort wird also Geld in die Hand genommen, um den Stadtteil für die Zukunft attraktiver zu machen. Bleibt nur zu hoffen, dass Kaltental seinen Charakter als Dorf in der Stadt behält. Denn genau das ist es, was den Stadtteil so liebenswert macht.

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