Eine Talkshow feiert Jubiläum "Wir stellen keine völlig doofen Fragen"

Von Fragen von Josef-Otto Freundenreich 

Die Sendung "SWR 1 Leute" von Stefan Siller und Wolfgang Heim ist 25 Jahre alt und beweist, dass Rundfunk kein Gedudel sein muss.

Der Sensible und der Kantige? Heim (vorne) und Siller lehnen solche Typisierungen ab. Foto: Stoppel
Der Sensible und der Kantige? Heim (vorne) und Siller lehnen solche Typisierungen ab. Foto: Stoppel
Stutttgart - Wenigstens ein Bild von Nina Hoss. Aber nicht einmal das. Stattdessen der übliche Bürokram. Schreibtisch, Computer und ein Pappbecher Kaffee. Das einzig Ungewöhnliche ist die Tafel an der Wand, auf der die Namen der mehr oder weniger Prominenten stehen, die in den nächsten Tagen, Wochen und Monaten zu hören sein werden. Hier ist also die Heimat der Sendung "Leute", dem Markenzeichen des SWR. Gemacht wird sie von Wolfgang Heim und Stefan Siller, die so unspektakulär daherkommen wie ihr Interieur. Ein Gespräch zum 25. Geburtstag von "Leute".

Herr Heim, Herr Siller, wären Sie so freundlich und würden sich selbst anmoderieren.


Heim: Geboren 1955 in Offenburg, Abitur in Heilbronn, Lehrerstudium in Heilbronn, seit 1988 Moderator der Sendung "Leute".

Siller: Geboren 1950 in Herford, Volontariat bei der "Neuen Westfälischen" in Bielefeld, Politikstudium in Berlin, seit 1988 Moderator der Sendung "Leute".

Das treibt die Quote gewaltig nach oben.


Heim: Unsere Quote stimmt, deshalb hält sich der Druck in Grenzen.

Siller: Die Sendung heißt "Leute" und nicht "Heim & Siller".

Sie hätten doch sagen können: Moderatoren wie uns gibt es nur einmal.


Siller: Was haben wir davon, wenn wir uns hier auf die Schulter klopfen? Richtig ist, dass es von unserer Sorte nicht allzu viele gibt. Wir machen aber zunächst nichts anderes, als uns mit Menschen gesittet zu unterhalten. Und dafür kriegen wir wunderbarerweise auch noch Geld.

Heim: Ich habe keine Lust, gehypt und dann wieder demontiert zu werden. Was passiert denn mit einem Kollegen wie Johannes B. Kerner? Sat1 hat ihn als Quotenbringer eingekauft, und jetzt steht er als der Loser da. Kohletechnisch würde ich gerne mit ihm tauschen, aber nicht zu diesem Preis.

Wir sind gerührt ob dieser Bescheidenheit. Warum sagen Sie nicht: Wir haben eine Erfolgsgeschichte geschrieben, die es so im deutschen Radio nicht gibt.


Heim: In aller Bescheidenheit: der Umstand, dass wir die Sendung seit mehr als 20 Jahren machen dürfen, spricht dafür, dass sie nicht ganz erfolglos ist und wir keinen ganz schlechten Job machen.

Siller: Wir sind das erkennbarste Format mit dem größten Alleinstellungsmerkmal im SWR-Radio. Das hat wohl damit zu tun, dass wir so eine Art Heimat- und Familiengefühl erzeugen und keine völlig doofen Fragen stellen.

Im Gegenteil. Ihrem Kollegen Heim wird nachgesagt, dass er sich wie ein Psychiater in die Seele seiner Gäste schleicht.


Heim: Da kommt er wieder, der Betroffenheits-Heim. Ich kann das nicht mehr hören, das geht mir granatenmäßig auf den Keks. Ich bin kein Psychofreak. Heißt zuhören und einfühlsam fragen denn gleich betroffen sein? Mit Verlaub: es gibt eben Gäste, die ein brutales Schicksal haben. Einer Mutter, deren Kind ermordet wurde, kann ich nicht mit Brachialrhetorik kommen.

Der Kollege Siller gilt als der Kantigere.


Heim: Diese Typisierung stimmt doch auch bei Stefan nicht. Ich weiß, er soll der taffe, der direkte Fragesteller sein, der sofort auf Kampfinterview umschaltet. Aber das ist Quatsch. Wer uns auf diese Rollen reduziert, wird uns nicht gerecht.

Siller: Mag sein, dass Wolfgangs Affinität zu Schicksalsthemen größer ist als meine. Aber wir fahren beide keinen Kuschelkurs, um die Gäste wieder ins Studio zu kriegen. Wir müssen beide menschliche und politische Themen beackern. Anders wäre das Riesenpensum gar nicht zu schaffen. Wir haben zusammen immerhin fast 5000 "Leute"-Sendungen moderiert.

Schön, dass Sie sich so gut verstehen. Das ist bei alten Ehepaaren nicht immer so.


Heim: Wir buchen keine Doppelbetten, wir müssen aber auch keine Grundsatzdiskussionen mehr führen. Wir sind beide darauf angewiesen, dass sich der Gast öffnet. Deshalb geht man mit einem gewissen Wohlwollen aufeinander zu. Natürlich kann es passieren, dass ich einen Gesprächspartner sehe und sage: Mein Gott, das wird nix. Das ist eine Sache von Sekunden.

Sie denken jetzt aber nicht an Helmut Kohl.


Heim: Nein. Der Kanzler Kohl ist mir zum Glück erspart geblieben. Bei ihm konnte man nur verlieren. Wenn man ihn reden lässt, sagen die Kollegen: Aha, der rote Teppich ist ausgerollt. Wenn man ihn unterbricht, macht er dich drei Köpfe kürzer. Ich denke eher an einen großkotzigen Typen aus der New Economy. Rolex, Yacht, Blondinen, das ganze Programm. Ich hab's mit Ironie versucht, und es hat in diesem Fall funktioniert.

Siller: Die spannendsten Gespräche sind für mich immer die, bei denen man nicht einer Meinung ist.

Heim: Permanente Rede und Gegenrede sind anstrengend.

Siller: Da bin ich anderer Meinung. Egal, ob ein Gast ein Rechter oder Linker, Neoliberaler oder Kommunist ist - ich muss erst mal die Gegenposition beziehen. Das führt dann dazu, dass ich von den einen Hörern als Reaktionär, von den anderen als Linksradikaler beschimpft werde.

An wen erinnern Sie sich gern?


Siller: An Gerhard Mayer-Vorfelder, mit dem man sich wunderbar streiten konnte. Politisch trennen uns Welten, aber er hat geschätzt, dass er seine Meinung sagen konnte, und er hat sich meine angehört. Auch an Luxemburgs Premierminister Jean-Claude Juncker, mit dem ich mich über die privatesten Dinge unterhalten habe, obwohl wir nur per Leitung verbunden waren. Er hat erzählt, dass er abends zum Entspannen in den Keller geht und seinen Flipper malträtiert. Vielleicht ist das eines der Erfolgsgeheimnisse von "Leute": den Gast ernst nehmen und ihn seinen Satz zu Ende bringen lassen. Das schätzen sie und kommen wieder.

Heim: Ich will mal erzählen, an wen ich mich ungern erinnere: Es war der Journalist Will Tremper, der gerade seine Memoiren geschrieben hatte. Er kam und hat sich während der Sendung als Nazi geoutet. Es sei doch gleichgültig, wie viele Juden bei Hitler ums Leben gekommen seien, hat er gesagt, und KZs habe es auf Reichsgebiet auch keine gegeben. Wir haben uns nur noch angeschrien, worauf ich die Sendung abbrechen musste. Wir haben dann eine halbe Stunde Musik gespielt.

Da ist es doch eine Freude, wenn Nina Hoss zur Tür reinkommt.


Siller: Barbara Auer ist auch sehr, sehr schön. Neulich hatten wir eine Korrespondentin aus Arabien, die ebenfalls bildhübsch ist. Wir können uns auch auf diesem Gebiet nicht beklagen. Ich bleibe dabei: es ist ein Traumjob.

Heim: Die optische Attraktivität von Gesprächspartnerinnen spielt bei mir keine Rolle. Mir ist jemand lieber, der spannende Geschichten gut erzählen kann.

Siller: Da schau einer an.

Herr Siller, Sie wollen sich also zu Nina Hoss bekennen.


Siller: Ich habe Nina schon gesehen, als ich mir nicht vorstellen konnte, dass wir mal eine Sendung zusammen machen. Das war auf der Bank bei Paolo, dem Italiener in Heslach. Dort hat sie als kleines Mädchen geschlafen, während sich ihre Eltern die Köpfe heißgeredet haben. Ich hatte sie alle: Nina, ihre Mutter Heide Rohwedder und ihren Vater Willi. Die einzige Familie, die komplett bei "Leute" aufgetreten ist.

Sie finden das also in Ordnung, dass gequalmt und gesoffen wird, wenn nebendran ein Kind schläft?


Siller: Das mit dem Saufen weise ich in aller Schärfe und Entschiedenheit zurück. Das haben wir fast nie gemacht. Wir haben für eine bessere Welt gekämpft.

Heim: Wenn ich meinen Kollegen Siller darauf aufmerksam machen darf: ich habe auch schon eine komplette Familie im Studio gehabt. Die Schells. Maria Schell, ganz traurig. Eine alte, einsame Frau, hoch auf dem Berg zwischen Graz und Klagenfurt. Dann Maximilian, Karl und Marie-Therese, die Tochter von Maria, die den Kriterien von Herrn Siller optimal entspricht. Sie sieht blendend aus und kann gut reden.

Das kann man von Hannes Wader nicht behaupten.


Heim: Jetzt kommt wieder das Gerücht, ich würde auf Hannes Wader stehen. Manche Dinge verfolgen einen wahrscheinlich bis ans Lebensende. Tatsache ist, dass ich in unserem "Leute"-Buch ein paar persönliche Worte zu Wader geschrieben habe.

Wir zitieren: "Keiner sang so hart und so böse. Keiner so zärtlich und weich. Lieder gegen Spießer und für die vielen, die keine Chance hatten."


Heim: Wader war das Idol meiner Jugend, weil er so aggressive Texte geschrieben hat. Das war nach ein paar Jahren vorbei, und trotzdem geistere ich bis heute als Hannes-Wader-Verehrer durch die Welt. Demnächst wird wohl noch die Schublade Reinhard Mey aufgemacht, nur weil ich großen Respekt vor seiner Lebensleistung habe. Vielleicht sollte ich zur Sicherheit sagen, dass ich im Radio privat Programme mit hohem Wortanteil vorziehe - Deutschlandradio, Deutschlandfunk, Contra im SWR.

Siller: Ich höre wenig Radio. Wenn, dann eher jüngere Musik - etwa auf Das Ding.

Hören wir da eine leise Kritik am Dudelfunk heraus?


Siller: Wenn Sie damit den SWR meinen, dann hören Sie von mir ein entschiedenes Dementi. Ich mag nur Moderatoren nicht, die mir frühmorgens erklären, dass die Sonne scheint und die Vögel pfeifen. Die sich am Frühstückstisch neben mich drängen und mir die Marmelade aufs Brot schmieren wollen.

Heim: Ich kann diese Attitüde nicht leiden, mit der die Welt als großer Joke, als knallbunter Luftballon vorgeführt wird, und wer sich rechtzeitig meldet, kriegt ein lecker Bonbon. Das brauche ich nicht. Ich mag es nicht, wenn einer nach mir grapscht.

Wie hätten Sie's denn gerne?


Siller: Ganz einfach: ich möchte, dass die Leute um zwölf mehr wissen als um zehn. Das Internet liefert vieles, aber nicht die Ängste eines Menschen, die er hat, wenn Raketen neben dem Kindergarten seiner Tochter einschlagen. Aber um auch das klarzustellen: Wir sind nicht die Volkshochschule der Nation.

Heim: Es gab eine Zeit, in der Journalisten die Welt nicht nur erklären, sondern verbessern wollten. Da wurde agitiert, gekämpft und mit der Fahne der Gerechtigkeit durchs Land gelaufen. Irgendwann ist man zu dem Punkt gekommen, an dem man sich gefragt hat, was der Konsument will, um dann den nächsten Schritt zu tun und die Verpackung für wichtiger zu halten als den Inhalt. Aber das Pendel schlägt mittlerweile zurück in Richtung Qualität. Insofern müssen wir keine Volten schlagen.

Hat's schon Blumen vom Intendanten Boudgoust gegeben?


Heim: Keine Blumen, aber lobende Worte.

Siller: Wir sind schließlich auch noch die preiswerteste Sendung im SWR-Radio.

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