Einfluss von „Alternativen Medien“ auf EU-Wahl Die Macht der falschen Nachricht

Gerüchte und Verschwörungstheorien haben eine lange Tradition. Doch auf den sozialen Netzwerken entfalten sie eine ungeheure Dynamik. Foto: Friso Gentsch/dpa

Sie bezeichnen sich als „Alternative Medien“, aber was sie veröffentlichen, ist oft falsch. Welchen Einfluss haben Pseudonachrichten auf die EU-Wahl?

Psychologie/Partnerschaft: Florian Gann (fga)

Stuttgart - Auf Deutschlands Straßen herrscht Bürgerkrieg, das Land versinkt in sexueller Gewalt von Migranten gegen Minderjährige, Zeitungen lügen und Linksterroristen verüben serienweise Anschläge. So sieht die Welt aus, wenn man sich durch die Webseiten der sogenannten „Alternativen“ oder „Freien Medien“ klickt. Sie heißen beispielsweise PI-News, Journalistenwatch oder Epoch Times – doch das sind nur einige unter vielen.

 

Wie gehen diese Medien vor? Ein Team der Stuttgarter Hochschule der Medien (HdM) untersuchte knapp 500 Fake News – also Nachrichten, die bewusst verfälscht wurden – für eine noch unveröffentlichte Studie, die unserer Zeitung vorliegt.

Was sind die zentralen Erkenntnisse der Studie?

Bei den Inhalten auf den Pseudo-Nachrichtenseiten handele es sich eher um eine Verschiebung der Wahrheit als um reine Falschberichterstattung, sagt Katarina Bader, Professorin an der HdM und Mitautorin der Studie. Keine der Seiten streut ausschließlich Falschnachrichten. Ein typische Vorgehensweise ist, reale Ereignisse zu nehmen und Details hinzuzufügen. Häufig werde einem Täter die dunkle Hautfarbe hinzugedichtet oder aus einem Handydiebstahl ein sexueller Übergriff gemacht. Die Seite Philosophia Perennis listet in einem Artikel alle sexuellen Übergriffe von Migranten in Deutschland auf, ohne andere Tätergruppen zu nennen. Dadurch werde ein Bild von Migranten als Haupttäter gezeichnet, das statistisch nicht haltbar sei, sagt Bader.

Auch was die Politik-Berichterstattung auf „Alternativen Medien“ angeht, dominiert ein Sound: die „Elite“ ist das Feindbild Nummer Eins. Die Elite, das sind Politiker, etablierte Medien und Wissenschaftler. Wenn Angst vor Flüchtlingen geschürt oder neuerdings gegen Klimaschutz gewettert werde, ziele das darauf ab, Handlungsträger dieser Elite als unfähig darzustellen, Probleme zu lösen.

Was genau sind diese „Alternativen Medien“, wie berichten sie?

Diese Seiten ähneln oft den Nachrichtenseiten klassischer Medien – im Aufbau ebenso wie in den Themen. Das Ibiza-Video, das vor einer Woche den österreichischen Vize-Kanzler Heinz-Christian Strache zum Rücktritt zwang, ist auch auf einschlägigen Seiten ein Thema. Dort ist Strache aber eher Opfer als Täter. „Die Themen werden so verarbeitet, dass sie das eigene Weltbild stärken“, sagt Lea Weinmann, Studentin an der HdM.

Auch die Arbeitsweise klassischer Medien wird imitiert: Die professionelleren der Pseudo-Nachrichtenseiten verweisen auf Quellen, die aber häufig andere „Alternative Medien“ sind – oder Zirkel wie der offen anti-muslimische Expertenrat Gatestone, der ebenfalls oft falsche Meldungen verbreitet.

Wer steht hinter den Portalen?

Fake News sind laut der HdM-Studie fast nur auf rechtspopulistischen Seiten zu finden. Linkspopulistische Seiten sind nur für 3,5 Prozent der Falschmeldungen verantwortlich. Nicht immer lässt sich ein Verantwortlicher ausmachen. PI-News etwa führt kein Impressum an, auch eine Kontaktadresse oder ein Ansprechpartner ist nirgendwo angegeben. Hinter Journalistenwatch steht der „Verein für Medienkritik und Gegenöffentlichkeit“, in den Impressen anderer Seiten sind auch Privatpersonen angegeben.

Die Betreiber der Seiten vernetzen sich, etwa vor zwei Wochen beim „Kongress der Freien Medien“, der auf Einladung der AfD im Bundestag stattfand. Die Macher der Pseudonachrichtenseiten sparten dabei nicht mit Kritik an der ihnen nahestehenden AfD. Deren Politiker übernähmen statt der „alternativen“ Nachrichten immer noch zu viele Inhalte etablierter Medien, wie der Tageszeitung „Die Welt“. „Spannend, dass man sich als freie Medien ausgibt und sich dann so offen hinter eine Partei stellt“, sagt Bader. Trotz der Kritik: die AfD sei immer noch ein großer Verbreiter von Fake News.

Welche Wirkung erzielen Falsch-Nachrichten?

„Für die EU-Wahl gibt es leichte Entwarnung“, bilanziert Forscherin Katarina Bader. Weniger als vier Prozent der auf Twitter kursierenden Meldungen zur EU-Wahl waren laut einer aktuellen Untersuchung der Universität Oxford Falschnachrichten. Auch auf Facebook überwiegen seriöse Meldungen mit Links zu klassischen Medien bei weitem. Allerdings ist die Erregungskurve bei Falschnachrichten deutlich höher als bei der seriösen Konkurrenz, was man an der Zahl der Kommentare und „Gefällt-mir-Reaktion“ sieht. Der Einfluss von russischen Staatsmedien und Trollfabriken sei bei dieser EU-Wahl ebenfalls gering. Tweets und Facebook-Einträge seien aber nur ein Teil des Ganzen, warnen die Wissenschaftler aus Oxford. Denn welche Meldungen und Fake News auf verschlüsselten Messenger-Diensten wie WhatsApp und Telegram verbreitet werden lasse sich kaum ausmachen.

Zwar verbreiten auch unseriöse Portale rund um die EU-Wahl nicht nur Falschmeldungen. „Doch es gibt eine Agenda, und die ist eindeutig EU-kritisch“, sagt Lea Weinmann, die für die HdM Meldungen von Pseudo-Nachrichtenseiten auswertet.

Wie erkenne ich Fake-News-Seiten und falsche Nachrichten?

Oft reicht schon ein Blick auf die Überschrift oder die ersten Zeilen. Auch wenn einschlägige Portale oft journalistische Methoden imitieren, gebe es bei der Qualität eine große Spannweite, sagt Bader. Nur 38 Prozent der 500 untersuchten Artikel hätten eine professionelle journalistische Überschrift und 55 Prozent enthalten unbelegte Mutmaßungen.

Vorsicht sei generell auch geboten, wenn Meldungen besonders reißerisch formuliert würden, heißt es in den Handlungsempfehlungen der Hochschule der Medien. Falsche Nachrichten würde wesentlich stärker als klassische Medien die Ereignisse skandalisieren, über die sie berichten. Und: Die meisten Falschmeldungen würden über echte Menschen weitergegeben und nicht über Social Bots, heißt es in dem Ratgeber weiter. Das heißt auch: Menschen müssen entscheiden, welche Inhalte sie in den sozialen Medien teilen. Wer Zweifel an der Seriosität hat, sollte sich eher zurückhalten. Und wer auf auf Falschmeldungen stößt, sollte sie der Plattform melden.

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