Einheitsfeiern in Dresden Mit Goebbels argumentieren – wo ist das Problem?

Von  

Da ist zum Beispiel dieser kleine, ältere Herr, Karohemd, Sommerbräune, er hält ein Schild in die Höhe, eine säuberliche Heimarbeit mit Mutter und Unterlegscheiben an einem Stock befestigt. Zu lesen ist ein berühmtes Zitat des späteren NS-Propagandaministers Joseph Goebbels, erschienen 1931 im „Angriff“. Es geht, grob gesagt, darum, dass die Nazis keine Nazis, sondern Linke sind. Die Polizei, so erfährt man vom Besitzer des Schilds, hat das Ding kontrolliert – und zwar daraufhin, ob die Stocklänge die vorgeschriebenen zwei Meter überschreitet. Tat sie nicht.

Und wenn man sich dann mehr als 70 Jahre nach Kriegsende in einer Stadt, die damals in Schutt und Asche lag, weil die Nazis der Welt den Krieg erklärt hatten, weiter mit dem Schildbesitzer unterhält, dann erklärt er, dass er es gemalt hat, weil er keine Lust hat, als Nazi bezeichnet zu werden. Weil man mal über diesen Begriff reden muss. „Wissen Sie eigentlich, dass Adolf Hitler selbst sich bis zum Ende auf Karl Marx berufen hat?“ Der Versuch, das Thema etwas tiefer zu durchdringen, führt nach überraschend kurzer Zeit zu den Juden. Und da erklärt einem der Herr, dass auch da etwas nicht stimmen kann. Es gebe, so sagt der Mann, viele Quellen, die bewiesen, dass die Zahl der europäischen Juden sich im Dritten Reich sogar vergrößert habe. „Nicht verkleinert.“ Er sagt das wirklich so. Und man denkt sich: Katastrophen haben sie in Dresden genug.

Derweil gibt es wieder Gebrüll und Beschimpfungen, als die Festgäste den Gottesdienst verlassen und sich auf den Weg zu ihren Limousinen und zum Festakt in der Semperoper machen. Es ist ein Spießrutenlauf, den die Bürger ihren gewählten Repräsentanten bereiten. Die Frau des sächsischen Wirtschaftsministers Martin Dulig (SPD) kann die Tränen nicht mehr zurückhalten. So viel Hass.

Vorne am Theaterplatz, es regnet mittlerweile in Strömen, hat die Minderheit wieder Platz bezogen – ungehindert von der Polizei. Zwar gibt es einen Verhaltenskodex für das Veranstaltungsgelände, der zum Beispiel Trillerpfeifen verbietet, aber die Ordnungsmacht lässt die Protestierer gewähren. Darunter einen, der schon am Sonntag den Bürgermeister bepöbelt hat – anderswo hätte er vielleicht einen Platzverweis bekommen. Dort, wo Leute pfeifen und „Halt die Fresse“ brüllen, kann man also nicht hören, wie Sachsens Ministerpräsident Tillich sagt: „Beschämt erleben wir, dass Worte die Lunte legen können für Hass und Gewalt.“

Später hat Pegida zur üblichen Montagsdemo aufgerufen, ein zweites fremdenfeindliches Bündnis namens „Festung Europa“, eine Abspaltung, ebenfalls. Man hört natürlich wieder diesen Satz: „Wir sind das Volk.“ Die Männer schreien ihn laut. Ihre Ohren sind verstopft.