Es waren spannende Stunden: Am Montag wurde ab 15 Uhr zeitgleich in den beiden Kreistagen von Calw und Böblingen um die einschneidenden Reformen innerhalb des Klinikverbund Südwest gerungen. Dieser verzeichnet in diesem Jahr ein horrendes Defizit von aktuell 57 Millionen Euro. Es drücken zudem notwendige Umstrukturierungen bei den medizinischen Vorhaltungen aufgrund des Fachkräftemangels. Jeweils zwei und damit insgesamt vier Beschlüsse waren in Böblingen und Calw notwendig, um sowohl die Neuordnung der medizinischen Angebote auf den Weg zu bringen als auch die vertiefte Fusion der beiden kreiseigenen Klinikgesellschaften.
Während es in Böblingen gegen 17.30 Uhr klare Mehrheiten für beide Tagesordnungspunkte gab, schaute man gebannt nach Calw. Dort war die Diskussion weitaus hitziger und es lagen zu diesem Zeitpunkt noch keine Beschlüsse vor. Die Sitzung war eigens in eine Halle nach Wildberg verlegt worden, um die Menge von geschätzt 200 Besuchern fassen zu können, ein Shuttle-Bus brachte die Zuschauer vor Ort. Nach langer Diskussion rangen sich die Calwer Kreisräte eine Zustimmung sowohl zum neuen Medizinkonzept als auch zur Fusion ab, wenn auch knapp.
Umwandlung in integriertes Gesundheitszentrum
Das Konzept sieht die Herabstufung des Herrenberger Krankenhauses zum integrierten Gesundheitszentrum vor. Dem fällt der hebammengeführte Kreißsaal sowie die Unfall- und Allgemeinchirurgie zum Opfer, außerdem die Intensivstation. Der Standort soll umgewandelt werden in eine Kombination aus medizinischem Versorgungszentrum mit einer Reihe von Praxen, einer geriatrischen Tagesklinik, Reha-Abteilung, Palliativstation und einer 24-Stunden-Notfallaufnahme. Doch Krankenhaus soll die Einrichtung nicht mehr heißen.
Das Krankenhaus in Leonberg soll die Gynäkologie und die Geburtshilfe verlieren, ebenso Calw. Im Verbund sollen künftig nur noch Kinder in Nagold und Böblingen geboren werden, was unter Medizinern umstritten ist, von den Räten im Kreistag jedoch als schmerzhafter, aber unumgänglicher Schritt angesehen wird.
Thomas Sprißler in der Schlüsselrolle
Aus den Böblinger Fraktionen kam überwiegend Zustimmung zu den Plänen. Eine Schlüsselrolle spielte der scheidende Herrenberger Oberbürgermeister Thomas Sprißler, der zugleich der größten Fraktion der Freien Wähler vorsitzt. Er hatte den Sommer über darauf hingewirkt, dass im Dialog mit der Klinik-Belegschaft und Betroffenen die ursprünglich noch radikaleren Pläne nachgebessert wurden und doch mehr Angebot in der Gäu-Stadt erhalten bleiben.
Der Calwer Oberbürgermeister Florian Kling (parteilos) hatte in der vergangenen Woche noch einmal Stimmung gegen die vertiefte Klinik-Fusion mit Böblingen gemacht, sah seinem Landkreis gar „die Pistole auf die Brust gesetzt“ und fürchtete, nach der Fusion nur noch „am Katzentisch“ zu sitzen. Tatsächlich erhält Calw in der gemeinsamen Gesellschaft nur die Minorität der Anteile, aber der Minderheitenschutz in wichtigen Fragen bleibt weitgehend erhalten.