Frau Hagmann, Wie ist die Lage im Handel?
Untersuchungen der GfK belegen, dass der Textil-Einzelhandel in den ersten sieben Monaten im Schnitt 30 Prozent weniger Umsatz gemacht hat. Das heißt manche haben besser, manche schlechter abgeschnitten wurde. Aber in Teilsegmenten ist das Defizit noch größer.
Woran denken Sie?
Nehmen Sie die den Bereich Herrenkonfektion. Männer sind ohnehin Zielkunden. Aber jetzt fallen nicht nur die Anlässe, für die ein neues Outfit regelmäßig gebraucht wird, wie Hochzeiten etc., sondern auch die Anlässe in die Stadt zu gehen weg. Das Homeoffice verstärkt den Effekt. Daher kaufen Männer gerade deutlich weniger oder im Internet. Und gerade deshalb haben wir Angst um unsere Innenstadtlagen.
Rechnen Sie mit Insolvenzen?
Ja. Da das Insolvenzrecht geändert worden ist, werden wir zum Jahresende kaum Insolvenzen sehen. Das wird sich auf das kommende oder das übernächste Jahr verschieben – und da kommt es geballt. Das Problem dabei ist, dass diese Verschiebung der Insolvenzen gesunde Unternehmen mitreißen könnte. Erstens weil die insolventen Firmen ihre Verbindlichkeiten nicht mehr begleichen und den eigentlich gesunden Betrieben in dieser Übergangszeit Kunden weggenommen haben. Daher liefern viele Hersteller derzeit nur gegen Vorkasse.
Nehmen Sie doch mal die Rolle der Kassandra ein. Mit wie vielen Schließungen rechnen Sie?
Wir gehen im Land von bis zu 6000 Schließungen in den nächsten zwei Jahren aus. Das werden nicht alles Insolvenzen sein, sondern auch leise Schließungen. Die Händler sagen: Was wir gerade auf der Fläche verlieren, können wir online nicht wieder reinholen.
Welche Sparten sind derzeit besonders gebeutelt?
Textil, Schuhe und Leder. Aber auch Juweliere und die Beauty-Branche. Wie gesagt: Es fehlen die Anlässe. Es gibt kein Weindorf, keine Feste, keine Konfirmation, keine Bälle. Und damit fehlt die Basis für Lustkäufe. Aber gerade diese Sparten leben und profitieren vom Impulskauf. Eine Umfrage unter 1000 Händlern belegt es: Während nur 45 Prozent der Elektrohändler über eine enorme Verschlechterung des Geschäfts klagen, sind es im Bekleidungsbereich 90 Prozent. Und wissen Sie was?
Nein…
In Baden-Württemberg haben es die Bekleidungsgeschäfte besonders schwer.
Warum?
Es ist wohl eine Mentalitätssache, wie eine Studie sagt. Bei uns im Süden und Südwesten herrscht offenbar die Haltung vor, spare in der Zeit, dann hast du in der Not. Dazu kommen wohl auch die Sorgen um die Automobilindustrie und ihre Zulieferer.
Was kann Politik tun, um diesen Teufelskreis zu durchbrechen?
Unsere Wirtschaftsministerin bemüht sich derzeit stark, um ein 40-Millionen- Hilfspaket. Ziel des Förderprogramms ist es, dem Modehandel, der vor allem in der Innenstadtlage ist, ein Marketingzuschuss zukommen zu lassen, damit er den Kunden wieder in Erinnerung gerufen wird. Das kommt der Innenstadt zugute.
Wo sollen diese Mittel ansetzen?
Unser Leben und unsere Gewohnheiten haben sich in der Corona-Krise stark in Richtung Digitalisierung verändert. Das wirkt sich enorm auf unsere stationären Händler aus. Diese haben in Richtung Digitalisierung 5 Jahre verloren und sie sind aus dem Fokus der Kunden geraten.
Warum haben manche Händler gepennt?
Was heißt gepennt. Man muss wissen: Für einen Internet-Shop sind 200 000 Euro wie nix weg. Damit sind noch keine Kosten für die Pflege, Werbung und die Sichtbarkeit im Netz beziffert. Da braucht man einen langen Atem und externe Kompetenz. Da ist dieses Paket vom Land dringend notwendig. Ich hoffe, dass Frau Hoffmeister-Kraut sich dabei im Finanzministerium und Staatsministerium durchsetzt.
Manche Händler können es kaum erwarten, ob und wann das Land sich entscheidet. Sie sagen auch: die Zeit drängt, denn das Weihnachtsgeschäft naht. Welche Bedeutung hat dieses Weihnachten für den Handel?
Ehrlich gesagt: Vor Weihnachten haben wir einen Riesenrespekt, weil wir nicht wissen, was passiert. Wir können unseren Kunden gerade nicht einschätzen. Wir können nur hoffen und bitten, dass sie in die Innenstädte kommen und auch dort einkaufen und nicht nur im Netz, und dort eventuell nur bei internationalen Anbietern. Hinzu kommt: Wir wissen auch nicht, wie sich die Infektionslage im Herbst entwickelt.
Fürchten Sie einen zweiten Lockdown?
Daran glaube ich nicht. Zudem hat sich im Einzelhandel so gut wie niemand angesteckt. Auch dank der guten Hygienekonzepte. Dennoch hätte es Auswirkungen aufs Geschäft, wenn regional etwas passiert. Die Ängste werden dann größer.
Aus dieser Perspektive wird die lange geführte Diskussion um die Schutzmaske nun nachrangig.
Das stimmt. Die Maske ist derzeit das kleinste Übel, auch wenn sie sich gerade auf den Modehandel nach wie vor stark hemmend auswirkt.
Wie kann der Handel diese üble Situation meistern?
Wissen Sie, der Handelsverband hat ein Motto: Erfolg braucht Verbündete. In diesem Fall hoffe ich, dass alle an einem Strang ziehen. Politik und die Gesellschaft. Da kriegen wir das hin. Wenn die Landesregierung dem Modeeinzelhandel, vor allem in der Innenstadtlage, jetzt noch Rückenwind gibt, wäre das nicht nur eine konkrete Hilfe auf dem Weg zur Digitalisierung, es wäre auch ein Zeichen. Das würde meine Händler motivieren. Viele würden denken: Sie haben uns die Läden zwar zugemacht, aber sie sagen auch, wir unterstützen euch jetzt besonders.