Einzelhandel in Stuttgart Innenstadt ist kein Magnet mehr für Kunden

In Pandemiezeiten kommen nicht mehr so viele Kunden auf die Einkaufsstraße. Foto: Konstantin Schwarz

Kaum noch Anlässe und die Sorge vor einer Corona-Ansteckung: Das ist eine Mischung, die laut Einzelhändlern und ihren Vertretern bald zu einem großen Ladensterben und einer Verödung der Innenstadt führen könnte. Breuninger glaubt dagegen weiter an den Standort.

Stuttgart - Es geht nicht um Panikmache, doch die Vertreter des Handels sind sich einig: Der Flurschaden, den die Auswirkungen der Pandemie vor allem in der Innenstadt anrichten, wird enorm sein. So spricht Citymanager Sven Hahn nur noch von „Schadenbegrenzung“ statt von Rettung vieler Geschäfte. Marjoke Breuning, IHK-Präsidentin und Chefin des Traditionsladens Maute Benger auf der Königstraße, ergänzt: „Die Lage des Einzelhandels in Stuttgart und in anderen Innenstädten ist sehr schwierig. Bisher haben sich die meisten Geschäfte vom Lockdown und dem damit verbundenen Ausbleiben der Kundschaft noch nicht wirklich erholt. Die Zentren sind überproportional davon betroffen, weil sie in der Regel kaum Waren der Grundversorgung bieten. Für viele Betriebe dürfte zurzeit nicht klar sein, wie lange sie diese Phase noch durchhalten können. Die Aussichten für die nächsten Monate sind für viele jedenfalls sehr bescheiden.“ Und Sabine Hagmann vom Handelsverband weist in der unaufgeregten Art einer Juristin darauf hin: „Der Einzelhandel in den Innenstädten ist angezählt. Wenn wir keine Geisterstädte wollen, müssen wir den Handel jetzt, wo es geht, unterstützen.“

 

Tatsächlich weiß Hagmann, dass diese Unterstützung für viele Händler, die ihre letzte Hoffnung auf ein gutes Weihnachtsgeschäft setzen, zu spät kommen könnte. Gemeint ist jene Hilfe, die Wirtschaftsministerin Nicole Hoffmeister-Kraut (CDU) in Form eines Fördertopfs von 40 Millionen Euro für Marketingzuschüsse für Modehändler in den Innenstädten angefordert hat. Angeblich fehlt der Ministerin dafür bisher die Unterstützung. Nicht nur aus diesem Grund rechnet Hagmann damit, dass es in den kommenden zwei Jahren zu rund 6000 Ladenschließungen im Land kommen wird.

Existenzangst geht um

Eine Zahl, der Sven Hahn nicht widerspricht: „Ich mache mir große Sorgen, manche schaffen es gerade mal, aus dem Minus zu kommen, aber um viel mehr habe ich direkte Existenzangst.“

Die Gründe der gesunkenen Kauflust der Menschen und des Rückgangs der Passantenfrequenz muss man aus Sicht der Experten nicht lange suchen. Einerseits hat die Innenstadt aufgrund fehlender Anlässe ihre Funktion als Magnet und Sammelpunkt verloren. Andererseits scheuen offenbar viele Menschen die City aus Furcht vor einer Ansteckung. „Ganz gleich, ob es sich um Handel, Kultur, Veranstaltungen, Dienstleistungen oder Gastronomie handelt“, sagt Hahn, „es fehlt das Publikum.“ Erst kürzlich habe ihm ein Veranstalter folgende Rechnung aufgemacht: „In Veranstaltungen, zu denen früher 1000 Leute kamen, sind heute nur noch 250 erlaubt. Aber tatsächlich kommen aus Angst vor Ansteckung nur 60. Das ist das Dilemma.“ Daher sind die Klagen gegen die Ordnungspolitik bei den Interessensvertretern des Handels leiser geworden. Hahn spricht lediglich noch davon, den Sicherheitsaspekt hochzuhalten und die Maßnahmen nachvollziehbar zu gestalten. Auch Breuning meint moderat: „Kommunen müssen begreifen, dass mit dem Verschwinden des inhabergeführten Einzelhandels die Prosperität der Innenstädte stark bedroht ist. Und was einmal weg ist, kommt nicht wieder.“

Vor diesem Hintergrund wünscht sich der Handel Weihnachtsmärkte und verkaufsoffene Sonntage, die zur Schadenbegrenzung beitragen könnten. Denn eine jetzt veröffentlichte Blitzumfrage des Verbands unter 200 Kommunen zeigt: In 30 Prozent der Gemeinden und Städte wird es keinen Weihnachtsmarkt geben, bei 40 Prozent aller Befragten ist noch keine Entscheidung gefallen. „Für diese wegfallenden verkaufsoffenen Sonntage und Weihnachtsmärkte benötigt der Einzelhandel in den Gemeinden und Städten dringend Ersatz“, sagt Hagmann. Denn damit fielen überlebensnotwendige wirtschaftliche Perspektiven der Händler in diesem Jahr unter den Tisch, für die Händler sind das echte Horrornachrichten.“

Breuninger glaubt ans stationäre Geschäft

Positiver klingt die Kunde aus dem Traditionshaus Tritschler am Marktplatz: „Natürlich machen wir uns Sorgen um die Innenstadt. Natürlich ist der Lockdown, der zehn Prozent des Umsatzes ausmacht, auch an uns nicht spurlos vorübergegangen“, sagt Geschäftsführer Thomas Breuninger, „aber wir haben in den Haushaltswaren Produkte, die man nach dem Lockdown und auch jetzt eher kauft.“ Damit stützt Breuninger die Beobachtung, dass die Menschen derzeit weniger zum Bummeln in die Innenstadt kommen und sich stattdessen zu Hause „an schönem Geschirr oder anderen nachhaltigen Dingen erfreuen“.

Gleiches hört man vom Stuttgarter Platzhirsch, dem Traditionskaufhaus Breuninger. Auch dort ist man weit von früheren Umsätzen im stationären Bereich entfernt. „Wir sind erstens nicht zufrieden und zweitens deutlich unter den Vorjahreswerten. Das ist kein Geheimnis“, sagt Konzernsprecher Christian Witt. Allerdings komme es auch bei Breuninger aufs Sortiment an: „Natürlich kauft derzeit kaum einer ein Dirndl oder Abendmode für ein Event, aber dafür laufen die Bereiche Wohnen, Sport und Casual sehr gut.“ Breuninger habe zudem den Vorteil, dass „wir im Online-Geschäft gut aufgestellt sind und dort expandieren“. Trotz des Wachstums im E-Commerce will Christian Witt der Innenstadt und dem stationären Handel nicht das Totenglöckchen läuten: „Wir glauben weiter an die Innenstädte und investieren in den stationären Handel.“

Streitpunkt Sonntagsöffnungen

Sonntagsverkauf Verkaufsoffene Sonntage erwirtschaften nach Berechnungen des Handelsverbands etwa 0,5 Prozent des Jahresumsatzes eines Händlers und sicherten daher dessen Existenz und Arbeitsplätze. Daher hätten sich sich laut Sabine Hagmann (Handelsverband) anlässlich eines Runden Tischs im Wirtschaftsministerium die Mehrheit der Teilnehmer der Diözese Rottenburg-Stuttgart sowie der evangelischen Landeskirche, Verbänden und Politik für eine befristete Duldung von anlasslosen verkaufsoffenen Sonntagen ausgesprochen.

Kritik Gegen eine befristete Ausnahmeregelung bei den verkaufsoffenen Sonntagen haben sich neben Verdi die beiden Stuttgarter Stadtdekane Christian Hermes und Søren Schwesig positioniert: „Eine Sonntagsöffnung hilft dem Handel nicht, schadet aber der Gesellschaft.“ Der evangelische Stadtdekan Schwesig konkretisiert seine Haltung: „Die Argumentation zieht nicht: Weil die Anlässe, die eine Sonntagsöffnung ausnahmsweise rechtfertigen können, wegfallen, muss die Sonntagsöffnung auch ohne Anlass möglich sein. Es ist genau umgekehrt: Ohne Anlass gibt es eben keine Ausnahme.“ Der Sonntagsschutz dürfe nicht wirtschaftlichen Interessen geopfert werden.

Weihnachtsmärkte Hoffnung in Sachen Weihnachtsmärkte macht sich der Handelsverband aufgrund einer Mitteilung der Landesregierung. Danach sollen Kommunen selbst über Weihnachtsmärkte entscheiden.

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