Die Kundin sucht irgendetwas mit Feuerwehrmann Sam. Ein Fahrzeug vielleicht oder ein Buch. Aber Uschi Glaser- Scheiblhuber hat zu der Kinderserie nicht viel auf Lager. Ein Set mit Feuerwehrstation, Figuren und Einsatzwagen für 99 Euro ist der Frau zu teuer, Puzzle und Bücher sind ab vier Jahren empfohlen, aber sie sucht ein Geschenk für ein älteres Kind. Uschi Glaser-Scheiblhuber ist Sam-technisch nicht gut sortiert, weil die Plastikwelt des animierten Kinderhelden nicht mehr so gefragt sei wie vor ein paar Jahren. „Ach so“, sagt die Kundin und will sich nun lieber noch ein bisschen im Laden umsehen.
Wie und womit spielen Kinder? Was hat sich verändert? Und wo findet ein kleines Spielwarengeschäft sein Auskommen zwischen großen Ketten und Onlinehandel? Wer könnte das besser beantworten als Uschi Glaser-Scheiblhuber. Sie ist Inhaberin und – neben ihrem Ehemann und ehrenamtlichen Hausmeister Uwe Scheiblhuber – die einzige Mitarbeiterin von Spielwaren Glaser in Bad Cannstatt. Der Laden in der Altstadt ist einer der wenigen noch inhabergeführten mit diesem Sortiment in Stuttgart.
Im Minutentakt geht die Türe auf
Um zehn Uhr hat die Chefin die Glastür aufgesperrt und das rot gefasste Schild mit dem Hinweis, dass sie neuerdings auch Schreibwaren verkauft (der Kaufhof am Wilhelmsplatz hat ja dichtgemacht), in den Weg der Passanten gestellt. Die Marktstraße ist schon gut besucht. Vor der griechischen Konditorei sitzen rauchende Männergrüppchen beim Kaffee, beim Erbsenbrunnen ratschen Frauen mit grauen Kurzhaarfrisuren, am Arm die Taschen vom Wochenmarkt.
Markttage bringen auch Spielwaren Glaser mehr Kundschaft. Im Minutentakt geht die Tür jetzt auf. „I hätt’ gern a Pupp!“ – „Was gibt’s für an Fünfjährigen von Lego?“ – „ Ich nehm ein Buch mit Glitzer, eins mit Has’ drauf.“ – „Die koschten was?“ – „Da muss ich erst meine Frau fragen, ob das recht ist.“ Uschi Glaser-Scheiblhuber kennt fast alle mit Namen, berät schwäbisch-unaufdringlich, aber kompetent und mit klarer Haltung zu den Dingen. Vor Puppen mit Batterie graust es ihr zum Beispiel.
Vor gut 100 Jahren hat Uschi Glaser-Scheiblhubers Großvater diese Cannstatter Institution eröffnet. Das genaue Gründungsdatum kennt die Enkelin nicht, aber sie weiß, dass der Opa neben Spiel- auch Galanteriewaren anbot. Dinge, die das Leben in den 20er Jahren des letzten Jahrhunderts schöner machten: Knöpfe und Armbänder, Schnallen, Tücher und Bänder. Auch Rasierzubehör bekamen die Herren bei ihm. Als Uschis Eltern Oskar und Johanna Glaser übernahmen, holten sie Lederwaren ins Sortiment. Gürtel, Portemonnaies, Rauchsets und Drehaschenbecher im Ledermäntelchen – todschick für die Couchtische der 60er Jahre. Später stellten sie ganz auf Spielsachen um.
Schon als Kind hilft sie im Laden
Die Tochter, 1960 geboren, hilft als Kind mit, legt Papierbögen zum Einwickeln der Einkäufe bereit, packt Brettspiele, Jo-Jos, Kuscheltiere aus und klebt Preisschilder darauf. Wenn sie freihat, schiebt sie den Puppenwagen mit einem Stoffkrokodil durch die Marktstraße, in der Autos vor Parkuhren stehen, in die man Zehnerle schmeißt.
Das Geschäft brummt damals nur so. Sechs Verkäufer in Vollzeit stehen in den Gängen und Nischen. An manchen Adventstagen müssen sie zusperren, so dicht drängeln sich die Kunden auf den hundert Quadratmetern. Im hinteren Teil, unter dem roten Märklin-Schild in der Modelleisenbahnwelt, thront ihr Vater im Anzug, berät und reicht Loks, Waggons und Schienen aus den Regalen. Manchmal sieht ihn die Tochter in der Erinnerung noch dort sitzen.
Als sie Anfang der 80er ins Geschäft einsteigen will, ist der Chef nicht begeistert. Das Töchterle soll lieber was Gescheites lernen, Feierabende haben und freie Wochenenden. Aber Uschi Glaser-Scheiblhuber macht trotzdem eine Ausbildung zur Einzelhandelskauffrau bei Spielwaren Heiges in Esslingen und beginnt danach im Familienbetrieb. Als der Vater kurz darauf stirbt, führt sie das Geschäft mit der Mutter weiter.
Die Tochter hat vieles von den Eltern übernommen und belassen. Etwa das Prinzip, nur ein Exemplar pro Artikel in die Auslage zu stellen. Die anderen warten im Lager, das den zweiten und dritten Stock des Hauses einnimmt, auf ihren Einsatz. Auch die Einrichtung und Aufteilung des Ladens stammen aus dem großen Umbau der Eltern in den 60er Jahren: Zwei schmale Gänge führen durch den lang gestreckten Laden, ausgelegt mit grauem PVC. Rechts und links wachsen Regale und Vitrinen bis zu den Wandpaneelen, darin Lego-, Playmobilschachteln, Puppen, Tierfiguren, Puzzles, Spiele, Barbies, Rasseln, Was-ist-was-Bücher, Roller, Kaufladenzubehör, Krimskrams. Kein Kinderfingernagel passt dazwischen.
Elektronik hat sie nicht mehr im Programm
Von der großzügigen Holzbodenoptik moderner Ladenkonzepte, in denen Spielwarenpreziosen auf Präsentierinseln drapiert sind, ist Spielwaren Glaser so weit entfernt wie Cannstatt von Stuttgart-West. Das weiß auch die Inhaberin, aber sie sagt: „Wir können nur überleben, indem wir ein breites Sortiment auf kleiner Fläche anbieten ohne weiteres Personal.“ Und dem quietschbunten kindlichen Chaos-Charakter kommt ihr Laden wohl ohnehin näher, als es einer der Hipster-Holzspielzeug-Läden je könnte.
Es ist nicht so, dass Spielwaren Glaser aus der Zeit gefallen wäre. Ihre Ware ist aktuell. Uschi Glaser-Scheiblhuber informiert sich auf Messen, hält Kontakt zu den Herstellern. Aber sie trifft auch klare Entscheidungen. Als Spielkonsolen das große Ding wurden, stellte sie zunächst welche in den Laden, dazu Fernseher zum Ausprobieren. Aber dieser Markt sei flüchtig, ständig dränge Neues auf ihn. Die Leute suchten solche Produkte anderswo. Da strich Uschi Glaser-Scheiblhuber die Elektronik aus ihrem Programm.
Sie hat durch die Jahrzehnte vieles kommen und gehen sehen. Vor der Tür auf der Marktstraße: Handyläden, Backfactorys, Nail-Art-Studios. In ihrem Reich: Trends wie den Gameboy, Tamagotchis oder sprechende Puppen. Auch den Wandel ihrer Branche hat sie begleitet. Vor ein paar Jahren nahm sie Modelleisenbahnen, einst der Kassenschlager, aus dem Sortiment, weil sich das platzraubende Geschäft nicht mehr rentierte. Viele der Firmen aus der Region, die rund um den Göppinger Märklin-Kosmos existierten, gibt es ohnehin nicht mehr – oder die Produktion ist ins Ausland verlagert.
Made in Germany wird wieder geschätzt
Auch die kleinen Kunden hätten sich verändert, sagt Uschi Glaser-Scheiblhuber. Spielen wollten Kinder noch immer, aber: „Das hört heute schon so mit zehn Jahren bei vielen auf, dann übernimmt das Smartphone.“ Andererseits kämen manche Dinge zurück. Zum Beispiel die Schildkrötpuppen, made in Germany, die würden immer öfter nachgefragt. Ebenso wie gut gearbeitete und schadstofffreie Figuren aus Holz. Auch an diesem Vormittag nehmen die Kunden Klassiker mit nach Hause: einen kleinen Bagger, eine Babypuppe, eine Lego-Planierraupe, zwei Tagebücher, ein Paar rote Dosenstelzen, ein Knetmasse-Set, eine Babyrassel. Und die Kundin, die Feuerwehrmann Sam suchte, entscheidet sich schließlich für das Schiebespiel „Rushhour“.
Uschi Glaser-Scheiblhuber ist 64 Jahre alt. Sie will mit Ehemann Uwe weitermachen, solange sie kann. Vielleicht treibt sie an, dass dieses Stück Familiengeschichte mit ihr zu Ende gehen wird. Der Sohn studiert Elektrotechniker, das Geschäft will er nicht übernehmen. Die Mutter versteht das, geahnt hat sie es früh. Mit drei Jahren wollte der Sohn in Technikmuseen. Spielsachen hätten ihn schon damals nicht interessiert.