Einzelhandel sorgt sich Handel leidet unter Liefernöten

Von Kunden in Deutschland bestellte Ware steckt derzeit vielfach in Containern fest – etwa in einem Hafen von Shanghai (Bild) oder auf den Weltmeeren. Foto: dpa

Die Warenengpässe wegen der Lockdowns in China machen den Einzelhändlern immer mehr zu schaffen. Zudem verhindert die hohe Inflation eine Erholung der Branche, denn die Konsumbereitschaft ist stark gedämpft.

Politik: Matthias Schiermeyer (ms)

Der Einzelhandel hat sich von den Coronabeschränkungen noch nicht erholt, da wird er erneut in die Zange genommen: Einerseits dämpft die hohe Teuerungsrate die Konsumbereitschaft und löst stellenweise deutliche Umsatzrückgänge aus, andererseits zeigen sich die globalen Lieferengpässe verstärkt in den Regalen.

 

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Nach einer aktuellen Umfrage des Handelsverbandes Deutschland (HDE) berichten 92 Prozent der Unternehmen von Problemen bei der Beschaffung von Waren. In mehr als 45 Prozent der Fälle seien mehrere Produkte betroffen, oder es komme zu längeren Lieferverzögerungen. Dafür verantwortlich seien vor allem die Corona-Lockdowns in China.

„Die Störungen in der Containerschifffahrt aus China betreffen grundsätzlich alle Warengruppen, die in dieser Form transportiert werden“, sagte ein HDE-Sprecher unserer Zeitung. Gerade bei Unterhaltungselektronik, Spielwaren sowie in Bau- und Heimwerkermärkten würden Engpässe deutlich.

Das Wunschprodukt als Mangelware

Der Einzelhandel fange die größten Auswirkungen mit der Suche nach neuen Lieferanten und alternativen Lieferrouten ab. „Es ist nicht zu erwarten, dass über längere Zeit ganze Produktklassen knapp sind, leere Regale bleiben die absolute Ausnahme“, sagte er. Es könne aber sein, dass man nicht jederzeit exakt das gewünschte Produkt bekomme. Wenn etwa eine bestimmte Ausführung des Handys nicht lieferbar sei, „muss es auch mal ein Gerät in einer anderen Farbe tun.“

Dass bestellte Ware „auf den Weltmeeren herumschippert, ist momentan eine Herausforderung für uns“, sagt die Hauptgeschäftsführerin des Handelsverbands Baden-Württemberg, Sabine Hagmann. Mehr als 50 Prozent der Händler berichteten von Lieferproblemen bei mehreren Produkten. Es sei oft sehr schwer auszurechnen, wann die Ware eintreffe. „Hinzu kommt, dass der Vorlieferant sagt: Du kriegst die bestellte Ware – aber wir müssen einen Energieaufschlag von bis zu zehn Prozent vornehmen.“ Auf Dauer werde der Händler nicht davon absehen können, derlei Preiserhöhungen weiterzugeben.

Alle Spielwarenhändler sehen sich beeinträchtigt

Ein ähnliches Bild hat das Münchner Ifo-Institut in einer aktuellen Umfrage ermittelt. Demnach klagten im Mai 80 Prozent der Einzelhändler, dass sie nicht alle bestellten Waren liefern können. „Viele Waren stehen nicht im Regal, sondern im Container in einem Hafen in China“, sagt der Ifo-Experte Klaus Wohlrabe. So berichteten sämtliche befragte Spielwarenhändler von ausbleibenden Lieferungen. Auch in nahezu allen Baumärkten und Supermärkten bleiben vereinzelt Lücken im Regal. Den Fahrradhändlern fehlen teilweise einzelne Komponenten, um die Fahrräder fertig zu montieren. Der Mangel an Computerchips lasse die Auswahl bei Unterhaltungselektronik und Haushaltsgeräten schrumpfen. Und selbst Möbel sind von den Nachschubproblemen tangiert.

Lidl teilt dazu nur mit, dass es „bei einzelnen Artikeln unseres Non-Food-Sortiments wegen des Rückstaus im Seefrachtverkehr weiterhin zu Lieferverzögerungen kommt“.

Verstärkter Griff zu Eigenmarken

Einem Sprecher der Edeka Handelsgesellschaft Südwest zufolge „kann es in Einzelfällen bei bestimmten Produkten zu kurzzeitigen Lieferengpässen kommen“. Dies betreffe insbesondere Speiseöle, die zum Teil aus der Ukraine stammten. In solchen Fällen könnten die Kunden aber auf Produktalternativen zurückgreifen. Infolge der Lage auf den Weltmärkten ließen sich steigende Verkaufspreise nicht immer vermeiden, ergänzte der Sprecher. Aktuell stelle man fest, dass die Kundschaft stärker zu Eigenmarken greife.

Hagmann verweist auf den gefühlten Preissteigerungseffekt, denn vielfach sei der Einkauf nicht deutlich teurer geworden. Im Textilbereich etwa stünden die Preise schon länger fest – „da wird es irgendwann zu Preissteigerungen kommen, wenn sich höhere Energiepreise bei den Vorlieferanten niederschlagen“. Die Konsumbereitschaft habe sich im Mai zwar schon wieder etwas aufgehellt, doch verändere die Inflation bei vielen das Einkaufsverhalten. So würden etliche Kunden erst einmal nicht mehr teurere Bio- oder regionale Produkte auswählen. „Das ist ein großes Thema“, sagt Hagmann. „Da sind meine Händler ganz unglücklich.“

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