Eiscreme und Erinnerung Ein Sommer ohne Málaga? Undenkbar!

Von Rainer Moritz 

Wenn die Zunge über die kalten Bällchen gleitet, die Zähne die knusprige Waffel berühren, ist mit einem Mal alles wieder da: die Sonnentage der Kindheit, der Zehnmeterturm im Freibad, die ganze Süße des Lebens. Rainer Moritz erinnert sich.

Das einzig Wahre, wenn die Sonne vom Himmel brennt: ein Speiseeis Foto: dpa
Das einzig Wahre, wenn die Sonne vom Himmel brennt: ein Speiseeis Foto: dpa

Stuttgart - Wann merkte man, dass der Sommer da ist? Wenn es hitzefrei in der Schule gab? Wenn Mutter kein Sauerkraut mehr kochte, auf die Nylonstrümpfe verzichtete und Vater mit kurzärmeligem Hemd ins Büro ging? Der Sommer begann, wenn die Freibadsaison eröffnet wurde und die Lokalzeitung davon berichtete, welche Todesmutigen sich bei vierzehn Grad Wassertemperatur ihr erstes Bad nicht nehmen ließen. Der Sommer erreichte seinen Höhepunkt, wenn man sich nach der Schule, ohne an die Hausaufgaben zu denken, aufs Fahrrad schwang, um so schnell wie möglich ins altgediente Heilbronner Freibad Neckarhalde zu gelangen. Je nachdem, wie der Wind stand, begleiteten einen die Bouillondüfte der Firma Knorr, und man wunderte sich, wie es Menschen aushielten, direkt neben dem Unternehmenssitz zu wohnen und ständig Rindfleischextrakte in die Nase geblasen zu bekommen.

Und nichts gehörte so zum Sommer, wie von Mutter mit fünfzig Pfennig ausgestattet zu werden – mit einem kostbaren Schatz, der spätestens zwei Stunden später an der Freibadbude sinnvoll investiert wurde. In eine Cola manchmal, zwei Brause­tüten, eine Rolle Weingummi und vor allem in eine Kugel Eis für zehn Pfennige, in ein Waffelhorn gedrückt, das mal aus lascher Oblate und mal aus knusprigem Keks bestand. Mein Lieblingseis war Málaga-Eis, und bis heute ist es mein Lieblingseis geblieben, obwohl ich inzwischen nach Eis­cafés suchen muss, die es führen, dieses leicht dekadente Vanilleeis mit Rosinen, die im Idealfall in süßem Málaga-Wein oder zur Not in Rum eingelegt wurden.

Wer will schon Papaya- oder Rosenwasser-Eis?

Heute ist mein Málaga-Eis allenthalben neumodischen Farb- und Geschmacksvariationen gewichen, deren Namen ich kaum auszusprechen vermag und die so intensiv oder bunt sein mögen, wie sie wollen – die Geschmackssensationen meiner Kindheitseiscreme erreichen sie nie, und so wächst in mir ein wehmütiges Gefühl heran, wenn ich auf jene überladenen Eis­boxen blicke und mit Papaya- oder Rosenwassereis konfrontiert werde.

Dass es ein außergewöhnliches Gefühl ist, wenn sich die ersten Eisschlieren auf der Zunge verlieren, man unsicher ist, ob es sich ziemt, sich der Fraktion der „Beißer“ anzuschließen, also jenen groben Zeit­genossen, die ihre Schneidezähne nicht schonen und sie kraftvoll in eine pralle Kugel Pistazieneis rammen. Irgendwo in unserem Gehirn wird es Gründe dafür geben, warum sich der Geschmack von Eiscreme wie kaum ein zweiter mit der Erinnerung verbindet und uns Momente zurückruft, die wir längst vergessen wähnten.