Eislingen Die kleinen Dinge des Lebens

Von Sabine Riker 

In ihrem neuen Buch „Inventarium“ würdigt Tina Stroheker Gegenstände, die sie durch die Jahre begleitet haben. An ihrem 70. Geburtstag an diesem Mittwoch stellt sie das Buch vor.

Tina Strohekers neues Buch „Inventarium“ ist eine poetische Autobiografie und zeichnet das Bild einer ganzen Generation. Foto: Ines Rudel
Tina Strohekers neues Buch „Inventarium“ ist eine poetische Autobiografie und zeichnet das Bild einer ganzen Generation. Foto: Ines Rudel

Eislingen - Gegenstände sind nicht nur tote Objekte. Vielfach sind sie aufgeladen mit Erinnerungen, Erfahrungen und Empfindungen. Mit diesen Dingen des alltäglichen Lebens beschäftigt sich die Eislinger Schriftstellerin Tina Stroheker in ihrem Neuling „Inventarium. Späte Huldigungen“, mit dem sie sich und ihre Leser zu ihrem 70. Geburtstag beschenkt. An diesem Mittwoch, ihrem Ehrentag, liest sie aus diesem Buch in ihrer Wahlheimat Eislingen.

Bunt ist es geworden, das neue Buch, das der Tübinger Verlag Klöpfer & Meyer druckfrisch zum 13. Juni vorlegt. Der Göppinger Fotograf Horst Alexy hat die Gegenstände, um die Strohekers Gedankenwelt kreist, mit seiner Kamera in Szene gesetzt. Daneben stehen die Texte – biografische Splitter, leichtfüßig gesetzt und dennoch mit Tiefgang. Denn so unbedeutend die Dinge auch erscheinen mögen, für die Autorin sind sie Teil eines gelebten Lebens. Von A wie Arche bis Z wie Zeugnis entfaltet sie in dem Band den Kosmos dessen, was war und was ist.

Ihr wohl persönlichstes Buch

Obwohl sie in dem Vorgänger „Luftpost für eine Stelzengängerin – Notate vom Lieben“ eine biografische Erfahrung verarbeitet hat, ist das „Inventarium“ ihr wohl persönlichstes Buch. Es lässt die Kindheit und Jugend aufscheinen, die Konflikte und Erfahrungen, die sie zu dem gemacht haben, was sie ist: ein kritischer Geist, eine Streiterin für das Wort, ein Mensch, dessen Herz – ja, auch wenn das jetzt altmodisch klingt – links schlägt. Ein Kapitel hat das SPD-Mitglied Stroheker denn auch ihrem Parteibuch gewidmet, dessen „blaue Plastikhülle“ sie einst enttäuschte. Sie ist dabei geblieben, weil die SPD „keine letzten Wahrheiten verkünden, doch die Hoffnung auf eine bessere Gesellschaft nicht aufgeben will“. Diese bessere Gesellschaft will sie mit ihrer Waffe „erstreiten“, dem Wort. In Eislingen lädt sie seit Jahren zu zweisprachigen Lyriklesungen, der Poetenweg mit Gedichten aus aller Welt geht auf ihre Initiative zurück, um nur zwei Beispiele ihres unermüdlichen öffentlichen Wirkens zu nennen.

Am 13. Juni 1948 in Ulm geboren, kommt Tina Stroheker schon früh in Berührung mit Büchern. Unter dem Titel „Bücher“ schreibt sie jetzt, dass ihre „Buch-Libido“ schwächer geworden sei, dass sie „jetzt“ Bücher weggebe, um, „bittere Arbeit“, das Abschiednehmen zu üben. In den wenigen Sätzen dieses nicht einmal eine Seite füllenden Kapitels packt sie ein Thema an, über das es ganze Bände gibt: das Altwerden und das Loslassen. Sie tröstet sich, dass es im Haus noch „viele, viele Bücher“ gebe und das Lesen trotzdem weitergehe.

Die Brille als Verbündete

Ein Buch bekommt unter dem Titel „Faustpfand“ ein eigenes Kapitel: Die Tagebücher von Kierkegaard. Doch der Wert dieses zerlesenen Bandes bemisst sich weniger am Autor als an der Vorbesitzerin, die ihren Namen handschriftlich auf dem Vorsatzblatt notiert hat: Sofie (sic!) Scholl. Für Tina Stroheker ist die Widerstandskämpferin gegen die Nationalsozialisten, Ulmerin wie sie, Vorbild und Mahnung zugleich. „Sie starb“, schreibt sie, „wir müssen richtig leben, so einfach ist das, so schwer.“

Prägend wie die Bücher ist auch die Brille. Man sieht sie vor sich, die kleine Tina, die wie ihr Zwillingsbruder im Alter von drei Jahren die erste Brille auf die Nase gesetzt bekommt und das als „Buckel“ empfindet. Doch ihr Eigensinn lässt sie schließlich zu diesem Stigma stehen. „Seit damals gehören Brillen wirklich zu mir“, schreibt sie, „sie machen keine Höflichkeitsvisite wie mancher Gegenstand, sie wollen Verbündete sein.“

Der letzte Badeanzug ihrer früh verstorbenen Mutter, eine Blechdose, eine Fliegenklatsche, eine Beißschiene, Stofftiere, Fotografien und auch Espadrilles kommen in diesem „Inventarium“ zu Ehren, und so melancholisch manches Kapitel auch anmutet, macht dieses Buch Lust, ein eigenes Inventarium zu erstellen.

Geburtstagsfeier mit Buchpräsentation

Die Schriftstellerin Tina Stroheker stellt ihr neues Buch an ihrem 70. Geburtstag an diesem Mittwoch, 13. Juni, in der Stadthalle in Eislingen vor. Auch der Göppinger Fotograf Horst Alexy ist anwesend. Für den musikalischen Rahmen sorgen die Jazzmusiker Martin Schrack (Piano) und Axel Kühn (Kontrabass). Nach der Lesung, die um 19.30 Uhr beginnt, laden die Volkshochschule und die Stadtbücherei zu einem Imbiss und Gesprächen ins Foyer ein. Der Eintritt ist frei, eine Anmeldung unter der Nummer  0 71 61/80 42 63 ist aber erforderlich.

Tina Strohekers neues Buch „Inventarium. Späte Huldigungen“ (ISBN 978-3-86351-464-8) ist im Tübinger Verlag Klöpfer & Meyer erschienen. Das Hardcover zählt 174 Seiten und ist mit 78 Farbfotos des Göppinger Fotografen Horst Alexy illustriert. Es kostet 34 Euro.




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