Eiswelt Die Leichtigkeit des Seins

Von Simone Bürkle 

Seit kurzem hat die Eiswelt auf der Waldau einen Eisgleiter. Damit können Rollstuhlfahrer beim Publikumslauf mitmachen. Monika Schmuck hat es ausprobiert.

Monika Schmuck hat den Eisgleiter zusammen mit dem städtischen Schlittschuhlehrer Günther Tiroler ausprobiert – und war begeistert. Foto: Simone Bürkle
Monika Schmuck hat den Eisgleiter zusammen mit dem städtischen Schlittschuhlehrer Günther Tiroler ausprobiert – und war begeistert. Foto: Simone Bürkle

Degerloch - Ein bisschen Tüftelei ist schon nötig, bevor es losgehen kann. „Normalerweise passen die Befestigungen immer“, sagt Harald Schröger fast entschuldigend. Der Chef der Eismeister auf der Waldau kniet auf dem Boden und macht sich mit einem Innensechskant-Schlüssel an den Arretierkeilen in dem schlittenartigen Gerät zu schaffen, das vor ihm auf dem genoppten Gummiboden steht.

Schrögers Aufgabe ist es an diesem Vormittag, den so genannten Eisgleiter für seinen Einsatz startklar zu machen. Seit ein paar Monaten gibt es den Untersatz für Rollstuhlfahrer in der Eiswelt auf der Waldau. Die Stadt hat ihn für rund 2000 Euro angeschafft – eine Investition, die sich die wenigsten Eisbahnen in der Region leisten, wie der Betriebsleiter der Eiswelt, Marcus Neidlinger, betont.

Eben jenen Eisgleiter möchte Monika Schmuck ausprobieren. Die 48-Jährige ist Spastikerin und sitzt im Rollstuhl. Wenn sie spricht, tut sie es langsam und mit einiger Mühe. Ihre Gliedmaßen gehorchen ihrem Willen nicht immer auf Anhieb. Als sie darauf wartet, dass Harald Schröger mit dem Anpassen des Eisgleiters an ihren Rollstuhl fertig wird, spiegelt ihr Gesicht Anspannung wider.

Mehr als nur ein Hilfsmittel

Immerhin bedeutet der Eisgleiter für Monika Schmuck mehr als nur ein Hilfsmittel. Er ist ihre Eintrittskarte zu einer Freizeitbeschäftigung, die den meisten Menschen banal erscheinen dürfte: der Publikumslauf auf einer Eisbahn. Monika Schmuck hingegen hat sich noch nie aufs Eis gewagt. Wie auch, mit Rollstuhl und ohne die passende Unterstützung? Dementsprechend aufgeregt ist sie vor ihrem ersten Ausflug auf die spiegelglatte Fläche.

Schließlich hat Schröger sein Werk beendet. Monika Schmuck nimmt Anlauf und rollt mit ein bisschen Hilfe auf den Eisgleiter. „Mit dem E-Rolli hätte das nicht geklappt“, sagt sie – der wäre zu breit für den schmalen Schlitten gewesen. Der Eismeister fixiert zum Abschluss noch die Räder des Rollstuhls mit Klettband am Eisgleiter. Sicher ist sicher, „ein Unfall würde uns gerade noch fehlen“, sagt Schröger.

Als alles sitzt und nichts mehr wackelt, steht Monika Schmuck vor einem Problem: Wer soll sie auf der Eisfläche vorwärts schieben? Sie kann sich selbst nicht mit Stöcken abstoßen. „Dafür bin ich zu zappelig, da haue ich mich selber“, sagt sie. Auch ihr Begleiter ist denkbar ungeeignet für das Vorhaben. Fabian Ungerer vom Körperbehinderten-Verein Stuttgart, der Monika Schmuck zur Eiswelt gefahren hat, kapituliert schon im Vorfeld: „Ich kann mich nicht mal selbst auf den Kufen halten.“ Für den Studenten springt schließlich einer ein, der auf dem Eis zuhause ist: Günther Tiroler. Der langjährige städtische Schlittschuhlehrer erklärt sich bereit, Monika Schmuck eine Runde übers Eis zu schieben.

Das ungleiche Paar zieht seine Kreise

Das tut er zunächst sehr gemächlich, ganz vorsichtig bewegt er sich mit seiner Passagierin vorwärts. Ein paar ältere Herrschaften ziehen ihre Kreise um das ungleiche Paar, eine Dame im gesetzten Alter übt Pirouetten. Und Monika Schmuck lächelt. Erst zaghaft, dann übers ganze Gesicht. Sie ruft Günther Tiroler etwas zu, der legt einen Zahn zu. Die beiden gleiten nun zügig durch die Halle. Harald Schröger gefällt, was er sieht: Eine Frau, die ihre neue Leichtigkeit sichtlich genießt. „Ich glaube, wir müssen eine Geschwindigkeitskontrolle machen“, sagt Schröger grinsend.

Solche Reaktionen kennt Marcus Neidlinger. „Ich habe bisher nur positive Resonanz auf den Eisgleiter bekommen“, sagt der Betriebsleiter. Das Gerät sei einfach zu bedienen, selbst Kinder könnten sich damit problemlos fortbewegen. Wie viele Rollstuhlfahrer den Schlitten schon genutzt haben, vermag der Herr der Stuttgarter Eisflächen nicht zu sagen. Ihm ist allerdings etwas anderes wichtiger als Zahlen: „Mit dem Gleiter bleiben Behinderte nicht außen vor, wenn Freunde oder Familie auf dem Eis sind.“

Zu den Klängern der Capri-Fischer übers Eis gleiten

Als Tiroler sich anschickt, Monika Schmuck wieder in Richtung Ausstieg an der Bande zu bugsieren, passiert etwas, mit dem keiner der Umstehenden gerechnet hat: Spontan erklären sich einige der älteren Stammkunden der Eisbahn bereit, noch ein paar Runden mit Monika Schmuck zu drehen. Die lässt sich nicht zweimal bitten. Zu den Klängen der Capri-Fischer gleitet sie verzückt mit wechselnden Anschiebern über das Eis.

Schließlich rollt sie vom Gleiter und sitzt kurze Zeit später in der Umkleidekabine der Eiswelt. Noch immer ist die 48-Jährige ein wenig außer Atem vor Aufregung. „Das war für mich fast so, als ob ich selbst Schlittschuh laufe“, erzählt sie. Und: „Es hat mir großen Spaß gemacht“ Letzteres freilich hätte Monika Schmuck nicht eigens erwähnen müssen: Ihr strahlendes Lächeln, das sie noch auf dem Weg nach draußen zum Parkplatz im Gesicht trägt, spricht auch so Bände.

InfoDie Eiswelt am Keßlerweg 8 ist mit Ausnahme des Karfreitags, 6. April, noch bis Sonntag, 15. April, geöffnet. Rollstuhlfahrer können den Eisgleiter kostenfrei benutzen, sie bezahlen lediglich den ermäßigten Eintrittspreis.
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