Elena Tzavara leitet die Junge Oper Stuttgart Der beste Raum für Experimente

Von Susanne Benda 

Barbara Tacchini geht, ab Januar folgt ihr Elena Tzavara als Leiterin der Jungen Oper nach. Bis 2013 hat die gebürtige Hamburgerin das Programm der Kölner Kinderoper gestaltet. In Stuttgart setzt sie auf Experiment und Vernetzung.

Elena Tzavara würde gern herausragende junge Regietalente für die Kinderoper engagieren. Foto: Lichtgut/Max Kovalenko
Elena Tzavara würde gern herausragende junge Regietalente für die Kinderoper engagieren. Foto: Lichtgut/Max Kovalenko

Stuttgart - Nein, nein, sagt Elena Tzavara, und sie sagt es so, wie sie während des ganzen Gesprächs in der Opernkantine auftritt: freundlich, offen, aber sehr bestimmt. Nein, sagt die 39-Jährige, die zum 1. Januar als Nachfolgerin Barbara Tacchinisdie Leitung der Jungen Oper Stuttgart übernehmen wird, sie wolle keineswegs „Opern-Nachwuchs züchten“, sondern zuallererst „die Horizonte junger Menschen erweitern, Teilhabe an unserer Kultur und Gesellschaft ermöglichen, mündige Menschen formen“. Also, sie zum Denken anregen. Und in unserer Zeit der neuen Völkerwanderungen auch schlicht „klassische abendländische Kultur vermitteln“, also Integration durch Teilhabe ermöglichen – wobei sich diese nicht allein auf das Musiktheater beziehe, sondern auf „alle Kunstrichtungen“.

Kleckern scheint keine bevorzugte Handlungsoption für die gebürtige Hamburgerin zu sein. Und weil sie von eben jener kompetenzgespeisten Begeisterung, ja vielleicht sogar Besessenheit getragen wird, die erfolgreiche Persönlichkeiten des Kulturbetriebs auszeichnet, glaubt man ihr aufs Wort, wenn sie davon redet, wie Musiktheater für Kinder und Jugendliche sein könne, nein: müsse. „Kleingeschrumpfte große Opern“, also Kurzversionen abendfüllender Stücke, sagt sie zum Beispiel, seien zwar bei Nummernopern möglich, aber nicht der Lösung letzter Schluss – „eigentlich mag ich es selbst gar nicht, große Opern klein zu machen“. Lieber sollten Jugend­liche mit vierzehn Jahren die originale „Carmen“ im Opernhaus anschauen. Und vorher Experimentelles im Musiktheater erleben, Uraufführungen mit Musik unserer Zeit und mit Themen, die Heranwachsende heute interessieren.

Vernetzung mit anderen Institutionen als herausragende Aufgabe

Wo man die findet? Zum Beispiel in der aktuellen Kinder- und Jugendliteratur, „da gibt es so tolle Stoffe“. Das Grundschulalter sei homogener, leichter zu fassen, auch mit „urtypischen Stoffen“ wie demnächst in „Gold“, aber gerade von den weiterführenden Schulen an gebe es so viel „Interessantes, von dem wir noch viel zu wenig wissen“. Geschichten vor allem, denn die böten jene kontinuierlichen Handlungen, die Jugendliche von TV-Serien her kennen – und an denen sie dranbleiben, wenn die Charaktere nur glaubhaft seien.

Vor allem im Bereich der Jugendoper, dem jüngsten Genre des Musiktheaters, sei der Repertoireaus- und -aufbau dringlich – und, damit einhergehend, die Zusammenarbeit mit anderen Institutionen. „Wir sind noch viel zu wenig vernetzt“, findet Elena Tzavara. Sie sieht es darum als ihre herausragende Aufgabe in Stuttgart an, dies zu ändern. Koproduktionen seien wichtig und möglich, schließlich machten sich Häuser, die Produktionen mit anderen austauschten, schon deshalb keine Konkurrenz, weil Kinder und Jugendliche keine Kultur­touristen seien.

Zur Oper kam Elena Tzavara durch eine Mischung ihrer beiden ersten Interessen: Theater („Ich war total besessen“) und Musik. So ging sie zum Studium der Musiktheaterregie nach Berlin. „Das war“, gibt sie zu „schon sehr speziell, wie ich mir erst vorstellte, Tom Waits und Schauspiel zusammenzubringen – und mich dann doch mit Wagner und Mozart beschäftigen musste.“ Als „eine der ersten Westlerinnen“ an der Hanns-Eisler-Hochschule habe sie von den „Ostprofessoren“ dabei sehr viel gelernt. Die Brecht-Schule, die Ästhetik der Arbeiten von Walter Felsenstein, Ruth Berghaus, Harry Kupfer oder Peter Konwitschny: Sie vor allem haben die Regisseurin mit ihrer dialektischen Herangehensweise an die Oper geprägt, die „immer sehr eigen und immer politisch“ war.

Und mit Dialektik könne man „auch vor Kindern und Jugendlichen spielen – zum Beispiel überall dort, wo es schön klingt, obwohl gerade Schreckliches passiert“. Auf der Bühne dürfe ruhig einmal etwas offen bleiben, ungelöst, abstrakt, rätselhaft. Wenn die Kinder erschreckt wahrnähmen, dass da etwas nicht zusammenpasst, „dann hat man sie eigentlich schon“.

Experimentieren in der Kinderoper ist viel interessanter als der tausendste „Don Giovanni“

Dass sie einmal Kinder- und Jugendopern inszenieren und programmieren würde, hat Tzavara allerdings nicht geplant. Nach dem Studium ging sie erst einmal als Regieassistentin an die Berliner Staatsoper, und als der Kölner Intendant Uwe Eric Laufenberg anfragte, ob sie die Leitung seiner Kinderoper übernehmen wolle, bat sie um einen Monat Bedenkzeit. „Dann aber habe ich Blut geleckt“, sagt die Regisseurin heute – „einfach weil man in diesem Bereich einerseits meist in einem geschützten Raum ist, andererseits aber so viele Möglichkeiten zum Experimentieren hat wie sonst fast nirgends. Man ist sehr nah dran am Publikum, die Reaktionen kommen sehr schnell und sehr direkt. Das ist eine Herausforderung, weil man ständig stark kontrolliert wird. Es ist aber auch eine riesige Chance.“ Tatsächlich verstehe sie heute nicht mehr, dass man überhaupt etwas anderes machen könne als Kinderoper. „Die tausendste Interpretation von ‚Don Giovanni‘ würde mich jetzt nicht mehr interessieren.“