Elisabeth Kabatek liebt „Sherlock“ Ordentlich was los hier – aber immer „very British“

Von Ein Gastbeitrag unserer Kolumnistin Eisabeth Kabatek 

Als Watson Mary heiratet, wird aus der Zweierbeziehung ein extrem dynamisches Beziehungsdreieck, das für den Zuschauer ständige Überraschungen birgt. Wer hätte geahnt, dass Mary sich als ehemalige Agentin entpuppt? Von Folge zu Folge wird Sherlock, der genüsslich in jedes Fettnäpfchen zwischenmenschlicher Beziehungen tritt, unter dem Einfluss von Mary und John ein klein wenig menschlicher und umgänglicher, benimmt sich aber trotzdem permanent daneben wie ein nie erwachsen gewordenes Kind. Diese Tabubrüche sind extrem lustig anzusehen, wie die Serie überhaupt nur so strotzt vor Anspielungen, witzigen Dialogen und Selbstironie; „very British“ eben.

Pausenlos Tee und grinsende Tote

Und auch das erklärt noch nicht alles. Nicht nur die Hauptdarsteller spielen hinreißend auf, auch die kleinste Nebenrolle ist liebevoll gezeichnet und grandios besetzt. Da sind Molly, die hoffnungslos in Sherlock verliebte Gerichtsmedizinerin in ihren fürchterlichen Klamotten, die pausenlos Tee anbietende Vermieterin Mrs Hudson mit ihrer kriminellen Vergangenheit, der Polizist Lestrade, der wegen seiner begrenzten intellektuellen Fähigkeiten auf Sherlocks Hilfe angewiesen ist, und vor allem Sherlocks Bruder Mycroft, der „so was ist wie die britische Regierung“ und mit dem sich Sherlock permanent geschwisterliche Scharmützel liefert, die angesichts der Krisen und Bedrohungen, mit denen sich die beiden herumschlagen, extrem banal wirken.

Nicht zu vergessen der Oberschurke Moriarty, ein gespenstisches Monster, fulminant verkörpert von Andrew Scott. Staffel 3 endete damit, dass sich der angebliche Tote mit breitem Grinsen auf sämtlichen Bildschirmen Großbritanniens zurückmeldete.

An die Grenzen gebracht

Kehrt Moriarty zurück? Drei Jahre musste ich mich mit Millionen Fans gedulden, unterbrochen von der Einzelfolge „Die Braut des Grauens“, in der Sherlock und Watson in die Vergangenheit reisten und die das Warten deshalb nicht wirklich verkürzte. Anfang des Jahres sah ich die vierte „Sherlock“-Staffel auf BBC. Der „Guardian“ schrieb nach der Ausstrahlung, die Macher der Serie hätten Sherlock in eine Art James Bond verwandelt.

Tatsächlich sind die neuen Folgen extrem actionreich und deutlich düsterer als die bisherigen, und Moffat und Gatiss treiben es noch einmal auf die Spitze, indem sie Sherlocks Persönlichkeit und Biografie in den Mittelpunkt stellen. Der brillante Sherlock wird so an seine Grenzen gebracht, dass ihm nicht einmal mehr seine Intelligenz weiterhilft, die Beziehung zwischen ihm und Watson wird so belastet, dass sie zu zerreißen droht, und es stirbt jemand von den Falschen.

Biss ins Kissen

Meine Lieblingsfolge in der vierten Staffel war die zweite, die mit Toby Jones (der kürzlich in der Arte-Serie „Wir sind alle Millionäre“ zu sehen war) als falschem Philanthropen Culverton Smith einen fabelhaft fies lachenden Schurken mit schrecklich gelben Zähnen aufbietet, der es auf Sherlocks Leben abgesehen hat. Das alles ist so atemberaubend spannend, dass ich beim Zugucken vor lauter Spannung beinahe ins Sofakissen gebissen hätte. Die Zeit zwischen den einzelnen Folgen bis zur finalen Auflösung, sie schien mir unendlich lang. Und nun?

Benedict Cumberbatch und Martin Freeman haben mittlerweile so viele Hollywood-Verpflichtungen, dass gemeinsame Drehtermine für eine fünfte Staffel in den Sternen stehen. Macht weiter. Please!