Elisabeth Kabateks Festwochen-Kolumne – Teil 5 Eine der „Fantastischen Fünf“ lässt sich in die Karten blicken

Von Elisabeth Kabatek 

Ein Ballettfan ganz nah dran: Die Stuttgarter Autorin Elisabeth Kabatek begleitet die Festwoche für Reid Anderson mit einer Kolumne. Am Dienstag hat sie sich von Katarzyna Kozielska erklären lassen, was das Geheimrezept beim Choreografieren ist.

Schlussapplaus für Louis Stiens’ Ballett „Skinny“: Noan Alves, Rocio Aleman, David Moore, Elisa Badenes und Angelina Zuccarini (von links) verbeugen sich im Stuttgarter Schauspielhaus. Foto: Kabatek
Schlussapplaus für Louis Stiens’ Ballett „Skinny“: Noan Alves, Rocio Aleman, David Moore, Elisa Badenes und Angelina Zuccarini (von links) verbeugen sich im Stuttgarter Schauspielhaus. Foto: Kabatek

Stuttgart - Um es gleich vorweg zu sagen: An diesem Abend gibt es keine Katastrophen. Alles klappt wie am Schnürchen, und auch Jason Reilly steht zur allgemeinen Freude wieder auf der Bühne des Schauspielhauses. Heute Abend wird „Die Fantastischen Fünf“ gezeigt, fünf Choreografien von Roman Novitzky, Fabio Adorisio, Katarzyna Kozielska, Louis Stiens und Marco Goecke. Alle fünf Stücke sind erst am 23. März dieses Jahres uraufgeführt worden, und sie werfen ein Schlaglicht auf das, was Reid Anderson 22 Jahre lang gemacht hat: Nämlich nicht nur das Erbe Crankos zu bewahren, sondern auch junge Choreografen, bevorzugt aus den eigenen Reihen, zu fördern. Einer dieser Choreografen heißt Marco Goecke und ist heute weltberühmt, ein anderer Christian Spuck, eine dritte Bridget Breiner, und die Liste ließe sich jetzt seitenlang fortführen, so wie im Programmheft zur Festwoche. Das zählt nämlich – festhalten – zwischen 1996 und 2018 insgesamt 131 Uraufführungen auf! Nun genügt es jedoch nicht, den Ballettchef dafür zu loben, dass er Talente gesucht und gefunden und gefördert hat. Nein, schließlich braucht jedes Stück auch Publikum, und hier kommt wieder einmal das absolut fa-bel-haf-te Stuttgarter Publikum ins Spiel! Reid Anderson hat immer wieder betont, dass er keine Stadt kennt, in der das Publikum so offen ist für Neues – ein Publikum, das sich alles anschaut, mit großem Interesse und großer Neugierde und ohne jeden Vorbehalt. Dass ein Abend wie „Die Fantastischen Fünf“ ständig ausverkauft war, obwohl es ein Überraschungsei war, wo vorher keiner wusste, was drin ist, das gibt es nur in Stuttgart!

Wie entwickelt man eine Choreografie?

Vor der Vorstellung treffe ich Katarzyna Kozielska, Halbsolistin und eine Choreografin, die in den letzten Jahren immer erfolgreicher geworden ist, gestern bei der Premiere von „Party Pieces“ waren gleich zwei Stücke von ihr im Programm, heute Abend ist ihre Choreografie „Take Your Pleasure Seriously“ zu sehen. Was mich am meisten interessiert: Ich kann mir einfach überhaupt nicht vorstellen, wie man eine Choreografie entwickelt. Ich selbst habe gerade ein Theaterstück geschrieben, das ist etwas Konkretes; aber eine Choreografie! Vor allem, wenn sie abstrakt ist, so wie die meisten Stücke von Katarzyna?

„Darauf gibt es eine ganz einfache Antwort. Ich spreche vier Sprachen, aber ich habe noch eine weitere: Körpersprache.“

Aha. Ich kann es mir immer noch nicht vorstellen.

„Ich fange mit Musik an. Ich höre sie hundert, hundertfünfzig Mal, und dann kommt die Bewegung von alleine, die Musik setzt sich in Körpersprache um.“

„Im Ballettsaal?“

„Nein, ich gehe nicht in den Ballettsaal, das passiert alles in meinem Kopf. Manchmal weiß ich nicht, ob das, was mein Kopf denkt, auch funktioniert, ich probiere es dann mit den Tänzern aus. Bisher hat es aber immer funktioniert.“

„Schreiben Sie es dann auf?“

„Nein, ich schreibe das nicht auf, ich habe das im Kopf. Dann gehe ich in den Ballettsaal und tanze es vor, und die Tänzer tanzen es nach, und manchmal passieren Fehler, und ich sehe, dass der Fehler besser ist, als das, was ich ursprünglich wollte, und dann ändere ich es entsprechend.“

Katarzyna muss einen erstaunlichen Kopf haben.

„Wie fühlt sich das dann an, wenn man das, was einmal nur im Kopf war, auf der Bühne sieht?“

„Cool! Gestern Abend zum Beispiel, da haben Elisa Badenes in ,Limelight’ und Daniel Camargo mit ,Firebreather’ eine Top-Leistung gezeigt. Die Tänzer brauchen Solos, mit denen sie zu Galas gehen können, und manchmal bleiben sie unter ihren Möglichkeiten, deshalb macht es ihnen Spaß, wenn man Solos entwickelt, wo sie bis an die Grenzen gehen. Dann können sie zeigen, was sie draufhaben!“

Mehr Zeit für die Tochter

„Haben Sie von Anfang an gewusst, dass Choreografie Ihr Ding ist?“

„Nein, überhaupt nicht! 2009 habe ich meine Tochter bekommen, habe eine Babypause gemacht und wollte nicht ,nur’ Hausfrau sein. Früher habe ich gemalt und Skulpturen gemacht, aber es kam nie so raus, wie ich wollte. Also habe ich gedacht, jetzt mache ich 2011 bei Noverre mit. Das hat unheimlich Spaß gemacht, von Anfang an! Reid Anderson hat nach dem ersten Stück gesagt, nächstes Jahr bist du wieder dabei. Er hat mich immer motiviert, neue Stücke zu machen.“

„Sie waren viele Jahre Halbsolistin beim Stuttgarter Ballett und hören jetzt mit dem Tanzen auf, um ganz als freie Choreografin zu arbeiten. Sind Sie nicht ein bisschen traurig?“

„Es fällt mir nicht so schwer, weil ich weiter für den Tanz arbeite. Tänzerisch habe ich für mich das Maximum erreicht. Ich freue mich vor allem, mehr Zeit mit meiner Tochter zu verbringen!“

„Ihre Tochter wird neun – hat sie Interesse am Ballett? Ihr Mann, Damiano Pettenella, war schließlich auch Tänzer, sie ist also mit Ballett aufgewachsen?“

„Wissen Sie, was meine Tochter vor allem mit Ballett verbindet? Arbeit! Du arbeitest immer, Mama! Andere Eltern hatten am Wochenende Zeit für ihre Kinder, und Mama und Papa gehen zum Ballett – um zu arbeiten! Deshalb freue ich mich so auf mehr Zeit mit ihr.“

Wir wünschen Katarzyna Kozielska alles Gute. Auch, wenn sie als Tänzerin fehlen wird! Aber man kann sie sich ja noch im Film ansehen, in der Verfilmung von „Romeo und Julia“ gibt sie eine hinreißende Zigeunerin ab. Und in der nächsten Spielzeit wird es eine neue Choreografie im Rahmen des Ballettabends „AUFBRUCH!“ von ihr geben!

Auf dem Weg zurück ins Schauspielhaus schlendert ein braungebrannter Christian Spuck vorbei – die Festwochengäste treffen ein! Louis Stiens steht auch draußen in der Abendsonne. So cool, wie er aussieht, glaubt man ihm gleich, dass er in Discos auflegt. Aufgeregt? „Nööö! Solange es den Tänzern gut geht, geht’s mir auch gut!“

Marco Goeckes „Almost Blue“ bannt von der ersten Sekunde

Und nun geht es endlich los, mit Roman Novitzkys „Under the Surface“. Am Anfang und am Ende stehen jeweils schnelle Trommelbeats, dazwischen tanzen die drei Tänzerinnen und fünf Tänzer zu Love Songs in verschiedenen Konstellationen Beziehungsgeschichten. Liebe, Eifersucht, schüchternes Kennenlernen, Verlassen. Ich freue mich besonders, wenn Jessica Fyfe in diesem Stück ein Solo hat oder einen Pas de deux tanzt. Vor zwei Jahren habe ich sie bei den Festwochen kennengelernt, da war sie erst ein paar Monate in Stuttgart. Die Australierin ist eine der wenigen Tänzerinnen des Stuttgarter Balletts, die von außen kamen, und sie hat sich toll entwickelt! Gut, dass Jason Reilly heute Abend tanzen kann, sonst hätten wir auf den ungeheuer schnellen Pas de deux in Fabio Adorisios „Or Noir“ mit seiner Partnerin Anna Osadcenko verzichten müssen. Katarzynas Kozielska kann sich offensichtlich auf ihren Kopf verlassen, bei ihr bilden Licht, rot-schwarze Kostüme und Bewegungen eine atmosphärische Einheit, und Diana Inoescu und Daniele Silingardi tanzen den Pas de deux zur Musik von Bach, mit dem die Choreografie „Take Your Pleasure Seriously“ fast unschuldig endet, zum Dahinschmelzen schön. Nun aber aufgewacht! Louis Stiens haut auf die Pauke. Harte Beats, Bewegungen wie Peitschenhiebe. Das erinnert an Dancefloor, Roboter, Techno, Michael Jackson, dazwischen ein bisschen Glitzerpuschel, und ganz am Ende der Kontrast, ein erstaunlich inniglich endender Pas de deux, großartig getanzt von Elisa Badenes und David Moore. Nein, das hier ist nicht „Romeo und Julia“, zeigt aber wieder einmal, wie wandlungsfähig die Tänzerinnen und Tänzer des Stuttgarter Balletts sind – sie können einfach alles tanzen! Und dann – der dramatische Schluss. Schüsse fallen, Nebel wabert, Baggerschaufeln kippen grobkörnigen Sand auf die Bühne. Vogelartige, abgehackte Bewegungen und Geräusche. Das kann nur Marco Goecke sein! „It’s so cold in here“, klagt der Tänzer. Herausragend: Alessandro Giaquinto. Hinterher wird eine Zuschauerin in der Reihe vor uns heraussprudeln, dass sie vor Goecke so müde war, dass sie beinahe heimgegangen wäre. Aber dann war sie total gebannt, von der ersten bis zur letzten Sekunde – „So etwas habe ich noch nie gesehen!“

Was für ein Abend! Was für eine Bandbreite! Was für Talente! Ich weiß, ich wiederhole mich: Für jedes Stück nicht enden wollender Applaus, strahlende Tänzerinnen und Tänzer, glückliches Publikum. Aber so ist es nun einmal. Und ich wage eine Prognose, die nicht sehr gewagt ist: Ich werde mich noch öfter wiederholen müssen, es wird den Rest der Woche so weitergehen. Keine Prognose wagen möchte ich, wie lange am Sonntag am Ende der Gala geklatscht werden wird. Falls Sie keine Karte haben, kein Problem: Schließlich gibt es Ballett im Park, am Samstagabend mit der John-Cranko-Schule, am Sonntag dann die Gala. Picknick einkaufen, Decke und Freunde unter den Arm klemmen, und nix wie hin!




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