Kinder, die auf Rollstuhlfahrer starren – Songül Demirbilek von der Elternschule erklärt, warum das im Kleinkindalter vollkommen okay ist. (Symbolbild) Foto: Sabphoto - stock.adobe.com/unknown
Irgendetwas ist immer. In unserem Elternratgeber diskutieren Mütter und Väter mit Expertinnen Probleme, die in den besten Familien vorkommen. Heute fragt sich Hartmut K., wie er reagieren soll, wenn seine Tochter Fremde anstarrt.
Gwendolyn glotzt. Fast alles ist spannend, Neues umso spannender und ihr Vater Hartmut K. (Name geändert) ist meistens ganz im Glück, wenn er so die Welt noch mal aus Kinderaugen miterleben kann. Wenn das Neue nicht gerade ein Rollstuhlfahrer ist. Oder ein Mensch mit schwarzer Hautfarbe. Oder ein Muslim mit traditionellem Bart. Wenn sich dann noch Unsicherheit in Gwendolyns Gefühlswelt mischt und sie sich hinter Papas Bein versteckt, nur um aus sicherer Distanz weiter zu gaffen, zerrt Hartmut K. seine dreijährige Tochter weg. Wie soll er die Situation auch auflösen, ohne alles noch unangenehmer zu machen?
Hartmut K. kauft kein Kinderbuch, in dem Menschen nicht divers dargestellt sind. Im Biergarten treffen Gwendolyn und er sich mit Menschen, die auf das klassische Familienmodell Vater-Mutter-Kind-Hund pfeifen, Gwendolyn soll früh lernen, dass gleichgeschlechtliche Liebe nicht unnormaler ist als die zwischen Mann und Frau. Und trotzdem: Wenn jemand anders aussieht, als es die Mehrheit der Mitteleuropäer tut, merkt Gwendolyn das.
Wie kommt ein Kind darauf, dass ein Rollstuhlfahrer ein Auto ist?
„Tutu“, das war ihr Wort für Auto. Rollstuhlfahrer kamen an ihr nicht vorbei, ohne dass sie mit dem Finger auf sie zeigte: „Tutu! Tutu!“ Zu einer älteren türkischen Frau mit Kopftuch sagte sie neulich laut: „Da sitzt eine Hexe!“ An solchen Situation vermag keine noch so gute Kinderstube etwas zu ändern – oder etwa doch?
Songül Demirbilek ist die Leiterin der Elternschule am Klinikum Stuttgart und empfiehlt Eltern, in solchen Situationen erst mal gelassen zu bleiben. „Wir müssen unterscheiden zwischen dem vorgeprägtem Denkmuster eines Erwachsenen und dem unvoreingenommen kindlichem Denken, das aus einem begrenzten Wortschatz schöpfen muss“, sagt sie.
Wie erkläre ich, dass nicht alle Frauen mit Kopftuch Hexen sind?
Das zeige sich gut am Beispiel des Rollstuhlfahrers. „Der Rollstuhl hat vier Räder, wie ein Auto auch“, sagt Demirbilek. Das liege daran, dass Kinder jede neue Erfahrung, jedes Element mit Bekanntem in den Kontext setzen, also Wortgruppen und Gemeinsamkeiten erfassen: Räder – gleich Auto.
Auch wenn diese Verallgemeinerung aus Erwachsenensicht natürlich nicht stimmt, sei es besonders wichtig, das Kind darin zu bestärken, dass es gut ist, diese Gemeinsamkeit erkannt zu haben. „Sagen Sie: Ja, genau, das hat auch vier Räder!“ – und erst dann sollten die Unterschiede erklärt werden: Ein Auto hat ein Dach, Fenster, einen Motor; der Rollstuhl ist ein Stuhl mit Rädern. „Wenn man es so erklärt, dann verfeinert man den Wortschatz, ohne das Kind zu kritisieren und das Kind kann lernen.“
Auch die vermeintliche Hexe lasse sich so erklären: „Je nachdem wie alt das Kind ist könnten folgende Fragen helfen: ,Denkst du an die Hexe in deinem Märchenbuch wegen dem Kopftuch?’“, sagt Demirbilek. Oder ganz offen fragen: „Was sieht denn an der Frau aus wie eine Hexe? Auch da erst das Erfolgserlebnis belohnen, anschließend dann aber wieder differenziert auf die Unterschiede aufmerksam machen: „Die kann ja gar nicht zaubern!“ Oder: „Sie hat keinen Besen!“
Wie entspannt man als Elternteil peinliche Situationen?
Zurechtweisung, weil die Aussage unverschämt sei, ist laut Demirbilek eher bremsend für die gerade erworbene Freude an der Sprache und dem Ausbilden des Wortschatzes. „Von den Eltern geschimpft zu werden ist für Kinder immer ein sehr persönliches auf ihr Selbst bezogenes Erlebnis“, sagt sie. Die Unterscheidung zwischen einer Kritik für ein Fehlverhalten und für die eigene Person lernten Kinder erst später.
Aber Moment, sagt Hartmut K. und erinnert sich, dass ja nicht all diese Begegnungen aus sicherer Distanz stattgefunden haben, sondern viele auch in Hörweite vermeintlicher „Tutu-“ und Hexenmenschen. „Das ist wenn dann das Problem der Erwachsenen“, sagt Demirbilek und stellt klar, dass für sie Schamgefühle auf elterlicher Ebene hier keinen förderlichen Effekt haben, jedoch völlig nachvollziehbar sind. Um hier aus der unangenehmen Situation zu kommen ist es oft hilfreich, sich beim Gegenüber zu entschuldigen – also dann, wenn das Gegenüber verständnislos reagiert – oder aber sich für das Verständnis zu bedanken.
Sie selbst habe im Leben viel Kontakt mit gehandicapten Menschen gehabt und folgende Erfahrungen gemacht: Es überwiegt die Freude, wenn Kinder offenes Interesse zeigen. „Eine Möglichkeit könnte sein: Den Rollstuhlfahrer höflich zu fragen, ob man näherkommen dürfe, um sich den Rollstuhl anzuschauen, da es das erste Mal ist für das Kind“, sagt Demirbilek. Sie habe noch nie erlebt, dass ein Rollstuhlfahrer dann negativ reagiert hätte.
Was tun, wenn sich das Kind vor fremden ängstigt?
Aber was ist mit Angst, fragt Hartmut K.: Wenn sich Gwendolyn vor dem Erscheinungsbild eines Fremden fürchtet, ist noch näher hingehen doch eher keine Option. Oder?
Diese Frage benötigt laut der Erziehungsexpertin Fingerspitzengefühl. „Ab dem 18. Lebensmonat streben Kinder nach Autonomie und benötigen die Sicherheit und Begrenzung durch die Eltern“, sagt Demirbilek.
Ängstigt sich das Kind vor einem Fremden, sei es darum wichtig, auf Augenhöhe zu gehen und räumlichen Abstand zu ermöglichen. Zum Beispiel, indem man etwas zurücktritt und nachfragt, was das Kind sieht: „Du hast aber große Augen, hast du dich erschrocken? Warum? Vielleicht, weil der so groß ist?“ Dann kann es Sinn machen, Gwendolyn auf den Arm zu nehmen: „Dann ist sie genauso groß.“ Wichtig ist, sagt Demirbilek, die Angst des Kindes definitiv ernst zu nehmen und dem Gefühl einen Namen zu geben. „Fühlt sich ein Kind unwohl in der Situation, lieber erst mal zwei Schritte zurückgehen.“
Oder drei – und schon präventiv aktiv werden. Songül Demirbilek sagt, dass Medien helfen können, Kindern eine diverse und pluralistische Gesellschaft begreiflich zu machen. Hartmut K.s Kinderbücher sind also doch für was gut. „Es gibt vor allem tolle Wimmelbücher, in denen das abgebildet wird“, empfiehlt Demirbilek, „und Kinder entdecken dort je nach Entwicklungsphase immer andere Sachen.“
Ab welchem Alter ist so ein Verhalten nicht mehr ganz okay?
Demirbilek betont allerdings auch, dass das arglose und unvoreingenommene Verhalten von Kindern seine Zeit hat. „Wenn ein Kind die Schulreife erreicht, kann es auch auf suggestiver Ebene Befindlichkeiten anderer verstehen.“ Das heißt: Vorausahnen, wie sich das Gegenüber fühlen könnte. „Würde es dir gefallen, wenn alle mit dem Finger auf dich zeigen würden? Oder dich dauernd anstarren?“, wäre Demirbilek zufolge eine Frage, die ein schulreifes Kind in so einer Situation sensibilisieren könnte.
Schöner und auch lehrreicher würde der Satz mit einer angebotenen Lösung. „Was würde dir denn helfen, wenn die Leute dich angucken und du dich unwohl fühlst?“ – „Ah, wenn dich jemand anlächelt oder wenn jemand dich fragt, ob er dir helfen kann.“ So könnte ein Dialog aussehen, das dem Kind eine Handlung ermöglicht, findet Demirbilek.
Mit neuem Wissen im Gepäck will Hartmut K. kniffligen Situationen künftig gelassener begegnen – und wird prompt geprüft. Ein Schwarzer Mensch steht vor einem Hauseingang. Cornrows, Jeansjacke, Adidas-Adiletten, so lässig, dass sich Hartmut K. unweigerlich eine der anderen großen Fragen junger Väter stellt, nämlich, ob er selbst überhaupt noch als cooler Typ durchgeht mit seinem Wickelrucksack auf den Schultern – aber keine Zeit dafür, Gwendolyn glotzt wieder. Der Mann lächelt zurück. Als Vater und Tochter vorbei sind, dreht sich Gwendolyn noch mal um. Sie winkt. Der Mann winkt zurück.
Songül Demirbilek ist es wichtig, zu betonen, dass Eltern diese Tipps mit den eigenen Möglichkeiten und Bedürfnissen abgleichen sollen. Also: Nicht jede oder jeder hat einen Job, in dem das Kind drei Mal die Woche daheimbleiben kann. Eltern sollten sich fragen: Was kann ich leisten, wo müssen mein Kind und ich Kompromisse eingehen? Was kann ich meinem Kind zumuten? Habe ich Menschen (Großeltern, Bekannte), die ich im Notfall einbeziehen kann?
Haben Sie auch eine Frage oder ein Problem, das Sie – auch ohne spätere Namensnennung – mit einer unserer Elternratgeber-Expertinnen diskutieren wollen? Dann schreiben Sie an elternratgeber@stzn.de
Songül Demirbilek – unsere Kleinkind-Expertin
Songül Demirbilek leitet die Elternschule im Klinikum Stuttgart Foto: privat
Ratgeberin
Die 43-jährige Stuttgarterin ist Familienkinderkrankenschwester und Mutter von zwei Kindern. Bei ihrer Arbeit auf der Neonatologischen Intensivstation hat sie viele Familien in Ausnahmesituationen kennengelernt. Außerdem unterstützt sie seit mehr als zehn Jahren in der Elternberatung junge Familien in analogen und digitalen Formaten bei individuellen Problemen.
Leiterin
Als Leiterin der Elternschule des Klinikums Stuttgart legt sie Wert auf eine wertschätzende, offene und humorvolle Kommunikation. Das ermögliche es, ratsuchenden Familien sich zu öffnen und auch schwierige, persönliche Themen zu besprechen, sagt Demirbilek.