Elternratgeber – Kleinkinder „Hilfe, mein Kind will nicht mehr in die Kita!“

Was hilft, wenn es bei der Abgabe in der Kita jeden Morgen Tränen gibt? Foto: Iryna - stock.adobe.com/Iryna Inshyna

Irgendetwas ist immer. In unserem Elternratgeber diskutieren Mütter und Väter mit Expertinnen Probleme, die in den besten Familien vorkommen. Heute fragt Andreas B., was er tun kann, damit seine vierjährige Tochter wieder gern in die Kita geht.

Familie/Bildung/Soziales: Lisa Welzhofer (wel)

Stuttgart - Andreas B. berichtet: Bislang ging seine vierjährige Tochter sehr gern in die Kita. Aber seit ein paar Tagen weint das Mädchen jeden Morgen an der Kita-Tür und jammert: „Ich will nicht, dass du gehst.“ Manchmal klammert sie sich sogar schreiend an den Vater. Unsere Expertin Songül Demirbilek von der Elternschule des Klinikums Stuttgart diskutiert mit Andreas B., was dahinterstecken kann und wie das Kind wieder mehr Lust auf den Kindergarten bekommt.

 

Warum will unsere Tochter plötzlich nicht mehr in die Kita?

Es ist in jedem Fall gut, dass sie das ernst nehmen und nicht nur als Laune abtun. Die Suche nach Gründen ist nicht immer ganz einfach. Eine Erklärung könnte sein, dass ihr Kind gerade eine besondere Entwicklungsphase durchmacht. In diesen Phasen brauchen Kinder oft besonders viel Nähe und den einzigartigen Rückzugsraum, den sie nur bei den Eltern finden. Zum Beispiel, wenn sie mit etwa einem Jahr zu laufen beginnen und von den neuen motorischen Fähigkeiten manchmal überfordert sind. Auch in der so genannten Autonomiephase mit etwa 18 bis 20 Monaten, wenn Kinder die Welt um sich mehr und mehr entdecken, können sie besonders viel Rückversicherung brauchen. Auch die Trotzphase um das dritte Lebensjahr herum oder der Wechsel von der Krippe in den Kindergarten oder kurz vor Schuleintritt können solche Abschnitte sein. Dann sind Kinder manchmal über- oder unterfordert durch die rasanten Entwicklungssprünge, testen Grenzen aus und können ihre Kräfte nicht gut einschätzen. Dann kommt es teils zu Konflikten, frustrierenden Situationen mit den anderen Kindern oder den Erzieherinnen und die Kita macht nicht mehr so viel Spaß.

Jetzt habe ich mein Kind aber schon ein paar Mal schreiend abgegeben. Ist das schlimm?

Das kommt darauf an, wie heftig die Abwehr ist. Lässt sich das Kind mit sanftem Nachdruck abgeben, ist das okay. Klammert es sich aber an Mama oder Papa, schreit und will partout nicht hinein, hat es Angst und sollte nicht mit Gewalt der Erzieherin übergeben werden. Sie als Eltern sind die wichtigsten Vertrauenspersonen. Sagen Sie, ,Du musst aber!‘, fühlt sich das Kind in seinen Bedürfnissen nicht ernst genommen. Wenn Eltern also können – etwa, weil sie die Möglichkeit zum Homeoffice haben – , sollten sie das Kind in so einem Fall wieder mit nach Hause nehmen. Dann ist es allerdings wichtig, dass sie dort nicht Halligalli machen und ein großes Spielprogramm anbieten, sondern klar sagen: Du darfst heute daheim bleiben, aber ich muss arbeiten und habe erst später Zeit, mit dir zu spielen.

Aber gibt es nicht etwas, was an der Kitatüre hilft?

Beginnen Sie am besten schon am Frühstückstisch mit der Vorbereitung auf die Kita. Sie sollten mit ihrer Tochter besprechen, dass es heute wieder in den Kindergarten geht, dass auf sie dort Freunde und Erzieherinnen warten. Außerdem kann man das Kind darauf vorbereiten, was nach dem Kindergarten passiert, dass man zum Beispiel auf den Spielplatz oder in die Bibliothek geht. Am besten lassen Sie das Kind eigene Ideen einbringen. So eine Vorbereitung ist die halbe Miete. Weint die Tochter trotzdem an der Kita-Tür, können Sie ihr anbieten, erst noch einmal eine kurze Runde spazieren zu gehen. Auf dem Weg können Sie fragen, was genau los ist oder was sie in der Kita heute zuerst machen will. Manchmal hilft es auch, dem Kind etwas mitzugeben, zum Beispiel ein Kuscheltier oder etwas anderes Vertrautes von Zuhause.

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Das mit dem Kuscheltier haben wir probiert, hilft aber nicht. Was nun?

Sprechen Sie auf jeden Fall ausführlich mit den Erzieherinnen. Wenn die auch keine Erklärung haben, achten Sie beim Abholen darauf, wie sich ihr Kind verhält. Ist es ins Spiel vertieft und hat gute Laune, liegt das Theater morgens vielleicht daran, dass beim Abgeben etwas nicht passt. Vielleicht geht die Übergabe an die Erzieherinnen zu schnell. Sitzt das Kind hingegen beim Abholen in einer Ecke und wartet schon sehnsüchtig auf Mama oder Papa, scheint es sich in der Kita gerade nicht wohlzufühlen. Um heraus zu finden warum, können Eltern zuhause kleine Rollenspiele machen. Man nimmt zum Beispiel die Spielzeugtiere und ordnet diesen Personen zu, also beispielsweise: Der Affe bist du, der Löwe deine beste Freundin. Mit den Tieren kann das Kind dann den Kitaalltag nachspielen. Dabei helfen kleine Anleitungen, wie ,Ihr seid in der Bauecke, was macht ihr da?’ Oder: ,Zeig mal, wo wer beim Essen sitzt.’ Dann kommt vielleicht heraus, dass die Tochter sich derzeit mit der besten Freundin nicht mehr versteht. Oder das Gefühl hat, dass niemand mit ihr spielen will. Man kann dann die Erzieherinnen bitten, darauf zu achten, ob das tatsächlich so ist. Außerdem könnten Sie dem Kind im Spiel zeigen, welche Alternativen es gibt, dass es eben mit dem Nashorn spielt, wenn der Löwe gerade keine Lust hat. Kinder begreifen und lernen im Spiel.

Gibt es einen Geheimtipp?

Manchmal brauchen Kinder einen Notfallplan. Vielleicht hilft es, Ihrem Kind zum Beispiel morgens anzubieten, es abzuholen, wenn es wirklich gar nicht mehr bleiben will. Das sollten Sie dann vor dem Kind mit der Erzieherin besprechen, etwa so: ,Wenn meine Tochter heute irgendwann gar nicht mehr da sein will, darf sie mich anrufen. Dann komme ich.’

Wird sie dann nicht in Zukunft ständig anrufen lassen, wenn es ihr nicht gefällt?

Nein, Kinder leben im Hier und Jetzt. Wenn das Kind sich in der Kita wohlfühlt und im Spiel drin ist, wird es nicht anrufen lassen. Kinder bis zum Alter von etwa fünf Jahren könnten auch nicht manipulieren oder lügen, also vortäuschen, dass es ihnen nicht gut geht. Aber, Achtung: Lässt Ihr Kind Sie anrufen und wird abgeholt, darf es zuhause nicht besonders lustig zugehen. Man muss ihm dann zeigen, dass es zwar daheim sein darf, aber die Eltern auch arbeiten müssen.

Meine Freundin rät, der Tochter eine Belohnung zu versprechen. Ist das eine gute Idee?

Damit wäre ich vorsichtig. Sie wollen doch, dass Ihr Kind sich in der Kita wohlfühlt und nicht nur dortbleibt, weil es danach ein Spielzeug bekommt. Betonen Sie lieber das Positive, besprechen Sie abends, kurz vor dem Schlafengehen, mit Ihrer Tochter, was alles schön war in der Kita, sodass sie mit einem guten Gefühl einschläft. Man kann auch versuchen, schlechte Erfahrungen ins Positive zu wenden, zum Beispiel so: ,Ist ja super, dass du die Rutsche ganz für dich allein hattest, weil die anderen etwas Anderes spielen wollten. So musstest du dich gar nicht anstellen und konntest ganz oft rutschen. Morgen kannst du ja deinem Freund davon erzählen, wie toll das war, und ihn fragen, ob er mitrutschen will.’

Wenn alles nichts bringt, was dann?

Wenn das Kind bei der Abgabe weint und sich an Sie klammert, aber sich trotzdem schnell beruhigen lässt, wenn die Eltern weg sind. Wenn es mit den anderen Kindern spielt und gut in der Kita schläft oder sich entspannen kann. Wenn es nachts gut durchschläft und gut isst, dann würde ich behaupten, dass es entweder Grenzen austestet oder einfach die Eltern vermisst. Sie sollten dann versuchen, mehr intensive, positive Zeit mit dem Kind zu verbringen, sodass es seinen Tank mit der Liebe und Aufmerksamkeit auffüllen kann. Außerdem ist es sehr wichtig, mit welchem Gefühl Sie das Kind abgeben. Ist es eher schlechtes Gewissen und Angst vor den Kindertränen oder ein gutes sicheres Gefühl? Kinder können solche Gefühle erspüren und aufnehmen. Wenn ein Kind mit der Kita-Verweigerung einfach nur seine Grenzen austestet, sollten Sie ihm diese auch setzen.

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Songül Demirbilek ist es wichtig, zu betonen, dass Eltern diese Tipps mit den eigenen Möglichkeiten und Bedürfnissen abgleichen sollen. Also: Nicht jede oder jeder hat einen Job, in dem das Kind drei Mal die Woche daheimbleiben kann. Eltern sollten sich fragen: Was kann ich leisten, wo müssen mein Kind und ich Kompromisse eingehen? Was kann ich meinem Kind zumuten? Habe ich Menschen (Großeltern, Bekannte), die ich im Notfall einbeziehen kann?

Haben Sie auch eine Frage oder ein Problem, das Sie – auch ohne spätere Namensnennung – mit einer unserer Elternratgeber-Expertinnen diskutieren wollen? Dann schreiben Sie an elternratgeber@stzn.de

Songül Demirbilek – unsere Kleinkind-Expertin

Songül Demirbilek leitet die Elternschule im Klinikum Stuttgart Foto: privat

Ratgeberin
Die 43-jährige Stuttgarterin ist Familienkinderkrankenschwester und Mutter von zwei Kindern. Bei ihrer Arbeit auf der Neonatologischen Intensivstation hat sie viele Familien in Ausnahmesituationen kennengelernt. Außerdem unterstützt sie seit mehr als zehn Jahren in der Elternberatung junge Familien in analogen und digitalen Formaten bei individuellen Problemen.

Leiterin
Als Leiterin der Elternschule des Klinikums Stuttgart legt sie Wert auf eine wertschätzende, offene und humorvolle Kommunikation. Das ermögliche es, ratsuchenden Familien sich zu öffnen und auch schwierige, persönliche Themen zu besprechen, sagt Demirbilek.

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