Elternratgeber-Schulkind Hilfe, mein Kind traut sich nichts!

Was, wenn die Rutsche zur Herausforderung wird? Foto: imago stock&people

Ängstlich am Klettergerüst, schüchtern gegenüber anderen Kindern – wie können Eltern ihren Nachwuchs fördern, ohne ihn zu überfordern? Das erklärt die Erziehungsberaterin Inke Hummel in unserem heutigen Elternratgeber.

Stadtentwicklung/Infrastruktur : Christian Milankovic (mil)

Irgendetwas ist immer. In unserem Elternratgeber diskutieren wir Probleme, die in den besten Familien vorkommen. Heute erklärt Pädagogin Inke Hummel, wie Eltern ihre Kinder ermutigen können, die schüchtern oder ängstlich sind. Im Interview gibt die Erziehungsberaterin Tipps, wie zurückhaltenden Kindern der Rücken gestärkt wird. Außerdem räumt sie unter Hinweis auf ihre Beratungstätigkeit mit einem weit verbreiteten Klischee auf.

 

Frau Hummel, ein Klassiker aus dem Eltern-Alltag: Das Kind steht an der Rutsche und traut sich nicht nach vorne und nicht nach hinten. Was ist zu tun?

Ich bin ein großer Fan davon, die Kinder aktiv zu machen. Ich nenne das „zugewandtes Zumuten“. Wenn ich weiß, mein Kind konnte das schon einmal oder ich sehe, dass Gleichaltrige es sich trauen, dann würde ich immer versuchen, mein Kind an diese Hemmschwelle heranzuführen. Dabei kann man Hilfsangebote machen, etwa: „Kann ich Dir helfen, sollen wir erst die kleinere Rutsche nehmen?“. Man soll das Kind begleiten, aber nichts vermeiden und das Kind auf der anderen Seite auch zu nichts zwingen.

Ist ein Vergleich unter Hinweis auf andere Kinder, die mutiger sind, tatsächlich sinnvoll oder baut das nur unnötig Druck auf?

Das hängt stark vom Kind ab, ob das ein unguter Vergleich ist. Man muss beim eigenen Kind bleiben. Und manchmal reicht es als unausgesprochener Gedanke, um die Lage gut einzuschätzen. Es kann dem Kind aber helfen darauf hinzuweisen, dass es sich in einer vergleichbaren Situation schon mal getraut hat. Als Eltern gerät man allerdings schnell in diese Vergleichsschiene, insbesondere wenn Geschwisterkinder da sind.

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Ist das auch eine Geschlechterfrage? Das Klischee würde den draufgängerischen Buben und das schüchterne Mädchen nahelegen.

Nein, das kann man nicht am Geschlecht festmachen. Das sehe ich in meiner Beratungstätigkeit. Da habe ich es häufiger mit Eltern von schüchternen Jungs zu tun. Es gibt eben immer noch dieses Klischee, dass Jungs mutig zu sein haben. Und wenn nicht, ist da dann etwa etwas verkehrt? Müssen wir uns das mal genauer anschauen? Bei Mädchen wird eher akzeptiert, wenn sie schüchtern sind. „Die ist halt so“, ist ein gängiger Satz.

Wir können Eltern dieses klischeehafte Denken vermeiden?

Ich würde den Eltern raten, ganz genau hinzuschauen – und zwar unabhängig vom Geschlecht. Ist das Kind traurig, weil ihm bestimmte Dinge nicht gelingen? Dann würde ich dazu raten, sich die Sache genauer anzusehen oder wenn das Kind irgendwann nicht mehr den Mut aufbringt, das Haus zu verlassen und Dinge zu unternehmen. Aber solange niemand darunter leidet, das Kind fröhlich ist, auch wenn es nicht auf Kindergeburtstage möchte oder nicht viel Freunde hat, dann ist das kein Thema, mit dem man sich näher beschäftigen muss.

Woran orientieren sich Eltern am besten bei der Frage, was sie ihrem Kind abverlangen können?

Da hilft sicherlich eine entwicklungspsychologische Beratungsstelle oder die entsprechende Literatur. Da lernt man, gut einzuschätzen, was die normale Spanne für Kinder in einem bestimmten Alter ist. Das kann schon viel von den Sorgen nehmen. Und man muss wissen: Die Spanne ist sehr breit, wenn es um die Frage geht: Was ist „normal“?

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Mut ist vielleicht keine Kategorie mehr, die heute von Bedeutung ist, weil andere Eigenschaften wichtiger erscheinen. Fragen Eltern trotzdem danach?

Ich würde sagen, dass „schüchtern“ das Thema ist, das Eltern häufig bewegt. Da gibt es dann Sorgen, ob das Kind die Einschulung schafft, ob es in einem neuen Umfeld Freunde findet. Das wird häufig thematisiert.

Wenn mein Kind nicht die Tollkühnheit in Person ist, dann liegen die Stärken vielleicht in einem anderen Bereich. Wie kann ich den entdecken?

Ich schaue in den Beratungen zusammen mit den Eltern, wo die Leidenschaften des Kindes liegen. Ist es musisch begabt? Oder ist es sportlich? Kümmert es sich gerne um andere? Dann ist es wichtig, dass das Kind in diesen Bereichen gute Erfahrungen macht. Diese Stärkungen können dann dazu führen, dass es sich auch in anderen Situationen wohler fühlt, die dem Kind bisher nicht so geheuer waren.

Wie begegnet man der neuen Unsicherheit, die sich mit dem Eintritt in die Pubertät einstellen könnte?

Die Situation ist im Grunde sehr gleich wie im Kleinkindalter. Wenn ich eine Entwicklungsaufgabe für mein Kind sehe, die es bewältigen sollte, dann muss ich es zunächst dabei begleiten und es nach und nach selbstständiger werden lassen. Der Vorteil beim pubertierenden Kind: Mit dem kann ich ganz anders reden als etwa mit einem Vierjährigen. Solche Bewältigungsaufgaben kommen im Laufe der Entwicklung immer wieder.

Wir leben in sehr unruhigen Zeiten, die auch Eltern aufs Gemüt schlagen. Kann so etwas einen Rückschritt beim Mut der Kinder auslösen?

Ja, das sehe ich in meinen Beratungen. Wenn Kinder, die ohnehin vorsichtiger oder ängstlicher sind, merken, dass es eine diffuse Bedrohung gibt, dann reagieren die darauf. Das habe ich auch schon während der Corona-Pandemie gemerkt. Kinder brauchen dann Erklärungen. Sie merken das selbst dann, wenn Eltern nicht über die Umstände sprechen. Gerade etwas schüchterne Kinder haben häufig sehr gute Antennen für so etwas.

Der Aspekt der Achtsamkeit spielt heute eine größere Rolle als früher. Bedeutet das auch, dass man eher zurückhaltenden Kindern mehr Zeit einräumt? Eine Ansage wie „jetzt trau‘ Dich halt und hab’ Dich nicht so“, wird man heute kaum noch machen.

Ja, Eltern und auch pädagogisches Personal schauen heute sicherlich nicht nur auf das Verhalten, sondern eben auch auf die Gründe, die dazu führen. Die Ursachen können individuell sehr verschieden sein. Wir sind auf einem guten Weg, die Kinder genauer anzusehen. Aber es darf auch nicht zu viel Vermeidung daraus werden.

„Jetzt trau Dich halt‘“ ist also weiter zulässig? Wo endet Bestärken und wo beginnt Bedrängung?

Es ist wichtig, dass Eltern schauen, wo ihr Anteil liegt. Wer selbst ein schüchternes Kind war, wird das weiter geben. Ich glaube nicht, dass es den einen Satz gibt, den man unbedingt vermeiden sollte. Ich kann es nachvollziehen, wenn man mal so etwas sagt, nachdem man gefühlt 200 kleine Schritte auf ein Ziel hingemacht hat. Wichtig ist, dass man als Eltern selbst keinen Druck spürt, dass das Kind sich irgendetwas traut. Das Kind sollte es nicht für die Eltern machen.

Haben Sie auch eine Frage oder ein Problem, das wir mit einer unserer Elternratgeber-Expertinnen diskutieren sollen? Dann schreiben Sie an elternratgeber@stzn.de

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Unsere Expertin

Inke Hummel Foto: Veto Magazin

Pädagogin
Inke Hummel ist Pädagogin M.A. aus Bonn und berät Eltern und Institutionen – immer mit dem Fokus auf Bindung und Beziehung. Ihre Stärke ist es, eine offene Atmosphäre zu schaffen, in der alles erzählt werden kann und ihrem Gegenüber dann alltagsnah Impulse und neue Blickwinkel mitzugeben.

Ratgeber-Autorin
Die 44-Jährige ist auch als Bloggerin und Kinderbuchautorin aktiv. Im Humboldt-Verlag bringt sie ihr Wissen in Ratgeberform in die Familien. Wie Eltern ihr schüchternes Kind unterstützen können, thematisiert Inke Hummel in ihrem Buch „Mein wunderbar schüchternes Kind. Mut machen, Selbstvertrauen stärken liebevoll begleiten.“ Humboldt, 216 Seiten, 19,99 Euro.

Ratgeber zum Thema Foto: Hunboldt-Verlag

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