Elyas M’Bareks Netflix-Premiere Ein Paar in der In-Vitro-Krise

Sehnsüchtige Blicke Richtung  Nachbarskind: Elyas M’Barek,  Lavinia Wilson Foto: Netflix 7 Bilder
Sehnsüchtige Blicke Richtung Nachbarskind: Elyas M’Barek, Lavinia Wilson Foto: Netflix

Ungewollte Kinderlosigkeit kann Paarbeziehungen auf eine harte Probe stellen. Eine solche durchlaufen exemplarisch Lavinia Wilson und Elyas M’Barek in Ulrike Koflers klugem Netflix-Spielfilm „Was wir wollten“.

Kultur: Bernd Haasis (ha)

Stuttgart - Die mediale Zeitenwende treibt munter neue Blüten: Auch Elyas M’Barek, ein deutscher Kino-Magnet, ist nun im Streaming angekommen. In der Netflix-Produktion „Was wir wollten“ spielt er den eigentlich lebensfrohen Niklas, der mit seiner tiefgründigen Frau Alice (Lavinia Wilson) gerade am x-ten In-Vitro-Versuch scheitert. Auch das Eigenheim ist eine schwierige Baustelle, also nehmen sie sich eine Auszeit auf Sardinien – wo sie einst glücklich waren, wie schemenhafte Rückblenden andeuten.

Aus einer Kurzgeschichte des Autors Peter Stamm („Der Lauf der Dinge“) hat die Österreicherin Ulrike Kofler einen Spielfilm gemacht, in dem sie exemplarisch zeigt, was es für Paare bedeuten kann, ungewollt kinderlos bleiben zu müssen. Im Urlaub ganz auf sich zurückgeworfen, drohen Alice und Niklas einander zunächst zu verlieren – auch weil die anstrengende vierköpfige Familie aus Tirol, die die Ferienwohnung nebenan bewohnt, ihnen wenig Glück zurück spiegelt.

Die Nachbarn sind geglückte Karikaturen

Dabei sind der kernige Unternehmer Romed mit dem klimatisierten Weinkeller, die Yoga-Lehrerin Christel mit dem Astrologie-Führerschein, der 13-jährige Totalverweigerer David und die in der Luft hängende kleine Denise keine Abziehbilder, sondern charakteristische Prototypen – geglückte Karikaturen, an deren liebloser Interaktion sich viel ablesen lässt. Gesellschaftliche Ideal- und Rollenbilder kommen da auf den Prüfstand, peinliche Missverständnisse und ungelenkes Gut-meinen sorgen sogar für manches Schmunzeln.

M’Barek trägt zum Dreitagebart einen Schnauzer und sieht auch damit unverschämt gut aus – es wäre also kein Wunder, wenn der lange als uncool geltende Schnauzbart plötzlich wieder en vogue kommen würde. Der Schauspieler schafft es, Niklas den Anstrich eines liebe- und verständnisvollen Gesellen zu geben, doch bald zeigen diverse Symptome, dass er nur mit aller Macht verdrängt und ausweicht. Daran kann die ehrlich zugewandte Alice nur scheitern, wenn sie offensiv versucht, den alten Zauber in die Beziehung zurückzubringen. Lavinia Wilson zieht dabei alle Register, sie verführt und konfrontiert und trägt alle Gefühlszustände offen im Gesicht – ihr gehört letztlich der Film.

Der Film sprüht vor Wortwitz

Wo Dialoge die Wirkung manchmal schwächen, wenn sie erklären, was ohnehin zu sehen ist, bieten sie hier einen Mehrwert. Denise malt einen Smiley in den Sand und sagt mit kindlicher Intuition zu Alice: „Das bist du, die traurige Frau.“ Der Tiroler wettert nach zwei Tagen über seinen Sohn: „Der hat noch nicht mal das Meer gesehen!“ Christel sagt: „Ihr habt keine Kinder, oder? Ihr habt’s fein!“ Und Alice erklärt Niklas: „Ich will aber kein Haus oder einen Hund oder eine Sauna oder einen Vibrator statt einem Kind.“ Koflers Film sprüht vor Wortwitz, sicher auch dank der Vorlage, und vor emotionaler Intelligenz. Die menschliche Psychologie hinter allem erschließt sich kinderleicht, ohne­ je billig zu wirken.

Alice und Niklas tanzen, schwimmen, streiten, sie versuchen, miteinander zu schlafen – und achten bei allen Verwerfungen doch darauf, dass ein Miteinander möglich bleibt. „Was wir wollten“ ist der österreichische Kandidat für die Nominierung zum Auslands-Oscar; man hätte diesen Film den Kinos gewünscht.

Von 11. November an bei Netflix.




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