Emissionsbelastung Wie Firmen sich mit Energie versorgen

Mercedes-Benz betreibt seit 1961 am Produktionsstandort in Sindelfingen ein eigenes Heizkraftwerk. . Foto: Stefanie Schlecht

Mercedes-Benz betreibt am Standort in Sindelfingen ein eigenes Heizkraftwerk – und beliefert Haushalte mit Fernwärme. Dies treibt die Emissionen nach oben. Wie die Praxis bei Porsche, Mahle, Rittersport & Co. aussieht.

Digital Desk: Chiara Sterk (chi)

– Die großen Schornsteine von Mercedes-Benz sieht man schon von Weitem. Sie ragen unweit der A 81 in Sindelfingen empor und gehören zum nahe gelegenen Heizkraftwerk, das der Autobauer schon seit 1961 an diesem Standort betreibt.

 

Und genau dieses Kraftwerk wirft Fragen auf. Denn wenn man sich bei Mercedes-Benz nach den hohen Emissionszahlen des werkseigenen Kraftwerks in Sindelfingen erkundigt, erfährt man, dass der Konzern „dort Strom und Wärme produziert und diese auch an die Stadtwerke zur regionalen Wärmeversorgung liefert“. Deshalb könne man die CO2-Emissionszahlen nicht mit denen anderer Produktionswerke vergleichen, sagt Robin Sievers, Leiter der Energieversorgung des Mercedes-Konzerns.

D er Autobauer ist der größte Arbeitgeber in der Region Stuttgart – und n ach Angaben des europäischem Schadstofffreisetzungsregisters (E-PRTR) auch einer der größten Emittenten von Kohlendioxid im Land. Im Jahr 2022 landete Mercedes-Benz mit 216 000 Tonnen ausgestoßenem CO 2 auf Platz 15 von 27 baden-württembergischen Unternehmen. Das berichtet die europäische Umweltagentur.

Lackieranlage als Energiefresser

Beim Kraftwerk von Mercedes-Benz in Sindelfingen handelt es sich um eine mit Erdgas betriebene Anlage, die auch eine Gasturbine und vier Dampfturbinen besitzt. Damit versorgt sich das Unternehmen dort überwiegend selbst mit Wärme und Strom. Um große, luxuriöse Fahrzeuge wie die S-Klasse oder den vollelektrischen EQS zu produzieren, ist viel Energie nötig. Im Jahr 2022 sind insgesamt 240  000 Autos in Sindelfingen vom Band gelaufen. „Das Kraftwerk ist für etwa 90 Prozent der CO2-Emissionen am Standort verantwortlich“, sagt Robin Sievers. Die restlichen Emissionen entstehen etwa durch den Verkehr auf dem Werksgelände.

Die meiste Energie aus dem Kraftwerk – etwas weniger als ein Drittel – fließt als Wärme in die Lackieranlage. „Damit werden die Karosserien nach dem Lackieren getrocknet und die Tauchbäder beheizt“, sagt Sievers. Fürs Trocknen des Lacks sind Temperaturen jenseits von 100 Grad Celsius nötig. Zudem verbrauchen der Forschungs- und Entwicklungsbereich sowie der Karosserierohbau einiges an Energie.

Der Vorteil des eigenen Kraftwerks: Seit 2013 ist der Sindelfinger Mercedes-Standort nahezu autark. „Die Anlage deckt den Wärmebedarf und rund zwei Drittel des Strombedarfs am Sindelfinger Standort ab“, so Sievers. Weil es je nach Wind- und Wetterlage mehr oder weniger eingesetzt werden könne, sei das Kraftwerk die ideale Ergänzung zu erneuerbaren Energien. Der restliche Strom für den Standort stamme vor allem aus Sonnenergie.

Auch VW, ThyssenKrupp, Porsche und Ritter Sport betreiben eigene Kraftwerke

Die Sindelfinger Anlage von Mercedes-Benz ist neben Kraftwerken von Energieversorgern wie EnBW oder Vattenfall nach Angaben des europäischem Emissionsregister eines von vielen Unternehmen mit eigenen Kraftwerken. Auch der Automobilhersteller VW betreibt – etwa in Baunatal (Hessen) – ein Kraftwerk. Dieses hat 2022 mit 226 000 Tonnen reichlich CO2 emittiert, wie auch die Kraftwerke von BASF in Ludwigshafen, Rewe in Eitting (Bayern) sowie Thyssen-Krupp bei Duisburg (Nordrhein-Westfalen) und viele mehr. Mit Abstand am meisten Emissionen setzte 2022 das Kraftwerk von Thyssen- Krupp mit 3,9 Milliarden Tonnen CO2 frei.

Der Stuttgarter Autobauer Porsche und der Schokoladenhersteller Ritter Sport aus Waldenbuch im Kreis Böblingen betreiben Kraftwerke zur eigenen Energieproduktion. Porsche nutzt etwa in Zuffenhausen Blockheizkraftwerke und Heizkessel zur Wärme- und Stromgewinnung, die einem Sprecher zufolge mit Biomethan und geringen Mengen Heizöl betrieben werden. Zudem bezieht Porsche Strom aus erneuerbaren Energien und Fernwärme. 2022 hat der Standort Zuffenhausen 35 000 CO2 emittiert, mit rund 30 000 Tonnen entfiel der Großteil auf energiebedingte Emissionen.

Ritter Sport nutzt aktuell noch ein Blockheizkraftwerk auf dem Firmengelände zur Energiegewinnung. 2022 hat der Schokoladenhersteller rund 12 000 Tonnen CO2 ausgestoßen – 220 Tonnen davon waren energiebedingte Emissionen. 2025 sollen die Heizkraftwerke vom Netz und die Wärmepumpen von Wind- und Solarkraft angetrieben werden.

Mahle und Bosch nutzen Grünstrom, geheizt wird mit Gas und Öl

Der Automobilzulieferer Mahle und der Technologiekonzern Bosch betreiben keine fossilen Großkraftwerke. Die Stuttgarter Standorte von Mahle belaufen sich auf unter 100 000 Tonnen, sagt ein Sprecher. Bei Mahle in Markgröningen wird mit Gas und Heizöl geheizt, heißt es in der Umwelterklärung des Standorts. Im Jahr 2022 wurden dadurch 1,9 Tonnen CO2 am Standort ausgestoßen. Den Strom für die Stuttgarter Standorte beziehe man ausschließlich aus erneuerbaren Energien, erklärt ein Unternehmenssprecher.

Bosch nutzt im Großraum Stuttgart überwiegend Grünstrom, sagt eine Sprecherin. Zum Heizen nutze der Konzern Heizöl, Erdgas und Fernwärme. Die Standorte in Stuttgart emittieren weniger als 100  000 Tonnen CO2 im Jahr – und liegen daher ebenfalls unter dem Wert, bei dem Firmen an die EU berichten müssen.

Fazit: Neben Mercedes-Benz nutzen auch andere Firmen in der Region Kraftwerke, nur eben in geringerem Umfang – etwa Ritter Sport – oder nutzen erneuerbare Brennstoffe (Porsche) und liefern vor allem nicht ins städtische Versorgungsnetz .

Stadtwerke: „können die Menge an Energie nicht bereitstellen“

Könnte der Sindelfinger Standort von Mercedes-Benz ohne das werkseigene Kraftwerk auskommen? „Wir können aktuell die Menge an Wärme und Dampf, die Mercedes-Benz in Sindelfingen benötigt, nicht bereitstellen“, kommentiert Lars Haustein von den Stadtwerken Sindelfingen. Theoretisch wäre das künftig möglich, wenn in Großkraftwerke investiert würde. Zudem ist das Kraftwerk für die Stadt vor allem an kalten Wintertagen eine wichtige Wärmequelle: „Das Kraftwerk liefert über eine Kooperation mit den Sindelfinger Stadtwerken Fernwärme an 3000 bis 4000 Haushalte in Sindelfingen“,sagt Robin Sievers, Leiter der Energieversorgung des Mercedes-Konzerns. Weil es damit einen Beitrag zur Netzstabilität der Stromversorgung leistet, gelte es als systemrelevant und könne nicht einfach abgeschaltet werden.

Seit 2020 hat Mercedes-Benz die Emissionen jährlich um etwa zehn Prozent im Vergleich zum Vorjahr gesenkt – und will künftig noch effizienter mit der Energie am Standort haushalten. Zudem sollen erneuerbaren Energien genutzt werden. Ab 2027 soll die Lackieranlage mit Grünstrom betrieben werden, ab 2039 das Kraftwerk womöglich auf Wasserstoff umgestellt werden.

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