Empire State Building New Yorker Ausblicke

Von Sebastian Moll 

Die neue Aussichtsplattform des Empire State Building ist vor wenigen Tagen eröffnet worden – und bietet einen atemberaubenden Blick auf eine Stadt, die sich innerhalb weniger Monate komplett verändert hat.

Blick auf   Lower Manhattan von der Aussichtsplattform im   Empire State Building Foto: AFP/Drew Angerer
Blick auf Lower Manhattan von der Aussichtsplattform im Empire State Building Foto: AFP/Drew Angerer

New York - Kaum zu glauben, dass die Aussichtsplattform im 102. Stockwerk des Empire State Building nur zehn Monate lang geschlossen war, wenn man hier oben steht und seinen Blick aus mehr als 400 Meter ­Höhe über Manhattan schweifen lässt. Kaum etwas von dem, was zu sehen ist, fühlt sich noch vertraut an, denn die neuen Fenster, die sich vom Boden bis zur Decke ziehen, bilden den Rahmen für eine Aussicht, die es bisher so nicht gab.

Natürlich hat die Renovierung des Decks für stolze 160 Millionen Dollar (umgerechnet knapp 145 Millionen Euro) das Ihre dazu beigetragen, das Erlebnis komplett zu verändern. Es ist geräumiger und freier geworden hier oben, nichts steht mehr zwischen dem Besucher und der Erfahrung der Erhabenheit, die einen stets beschleicht, wenn man New York aus dieser Höhe betrachtet. Doch geändert hat sich selbst in den wenigen Monaten vor allem die Stadt, die sich unter dem Besucher ausbreitet.

Vieles, was damals noch im Bau war, ist mittlerweile fertig. Da sind etwa zum Westen hin die Hudson Yards, eine neue Retortenstadt am Fluss mit einer Gruppe hochmoderner Wolkenkratzer, die sich vor den Blick nach New Jersey schieben. Nach Norden hin, zum Central Park, ist jetzt die Billionaires Row fertig, jene umstrittene Ansammlung von superhohen Bleistift-Wolkenkratzern, die seit Monaten wegen ihres radikalen Designs, aber auch wegen der extremen Preise für ein Penthouse für Diskussionsstoff sorgen. Und nach Süden wächst die Skyline von Downtown Manhattan rund um das neue World Trade Center immer dichter zusammen.

Der Bauboom verändert die ganze Stadt

Manhattan erlebt derzeit einen Bauboom sondergleichen, die ikonische Skyline ist praktisch nicht wiederzuerkennen. Seit 2007 alleine sind in der Stadt sieben neue Gebäude mit einer Höhe von mehr als 300 Metern entstanden – 16 weitere sind geplant. Im Osten der Innenstadt, rund um den Grand Central Terminal, sind gerade die Baubeschränkungen aufgehoben worden, der Rush auf die Grundstücke durch Immobilienentwickler hat begonnen. Und auch jenseits von Manhattan hat der Bauwahn eingesetzt – entlang des East River in Brooklyn und Queens sind ganze Siedlungen aus Stahl und Glas entstanden.

Grund für den Boom ist eine einzigartige Spekulationswelle für Luxuswohnungen. Immer mehr Geld aus der ganzen Welt fließt nach Manhattan – auf der Suche nach einer Prestigewohnung mit einem möglichst exklusiven Ausblick. Neueste Bautechnik macht es derweil möglich, immer höher und immer schlanker zu bauen und somit die strengen New Yorker Baubestimmungen zu unterwandern, die ein exaktes Verhältnis von Grundriss und Gebäudehöhe festschreiben.

Das ikonische Empire State Building, der große Klassiker unter den New Yorker Wolkenkratzern, ist deshalb in Gefahr, im Wald der Neubauten unterzugehen. Wer von New Jersey aus auf Manhattan blickt, sieht es schon nicht mehr. In Midtown Manhattan ist die alte Dame nur noch ein Bau unter vielen. Seit 2010 ist das Empire State vom ersten Platz der höchsten Gebäude auf den vierten abgerutscht, überholt vom One World Trade Center und zwei der neuen Luxusnadeln.

Die neue Aussichtsplattform soll Besucher anlocken

Nicht zuletzt deshalb strengt sich das Empire State wohl auch an, nicht in Vergessenheit zu geraten. Die Renovierung der Plattform soll dabei helfen, weiterhin Menschen an die 34. Straße zu locken – und nicht alle Schaulustigen an die Hightech-Plattform im neuen World Trade Center zu verlieren, die zudem auch ein ganzes Stück höher liegt. Es ist ein etwas verzweifelter Kampf. Seit Jahren hat das Empire State Building Probleme, Büros zu vermieten. Die finsteren, engen Räume in dem 90 Jahre alten Bau sind schon lange nicht mehr zeitgemäß. Heute werden Licht und räumliche Flexibilität gefordert – beides kann der alte Betonbau nicht bieten.

Die andere Ikone aus der goldenen Zeit des New Yorker Wolkenkratzer-Baus, das Chrysler Building, kämpft mit ähnlichen Problemen. Erst im vergangenen Jahr wurde es für einen Dumpingpreis an einen arabischen Investor verkauft. Er musste dafür kaum mehr bezahlen, als für ein Penthouse in einem der neuen „Supertalls“. So ist heute kaum noch vorstellbar, wie das damals war, als das Chrysler Building und das Empire State 1931 gleichzeitig innerhalb weniger Monate aus dem Boden schossen und die Fantasie der Menschen anregten. Es waren Weltwunder, Monumente für die menschliche Ambition und für die Ambition dieser Stadt.

Inzwischen sind die beiden Ikonen von einer neuen Welle aus Stahl und Glas geschluckt worden. Dafür bietet die renovierte Aussichtsplattform des Em­pire State Building einen Logenplatz für das nächste Rennen in den Himmel. Immerhin.




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