EnBW-Chef Andreas Schell zur Energiewende „Wir brauchen jedes Windrad“

Plädiert für Pragmatismus in der Energiewende: EnBW-Chef Andreas Schell im Interview. Foto: Lichtgut/Leif Piechowski

Baden-Württemberg will bis 2040 klimaneutral werden. EnBW-Chef Andreas Schell erklärt im Interview, ob und wie das überhaupt zu schaffen ist.

Ohne einen massiven Ausbau Erneuerbarer Energien verfehlt Baden-Württemberg seine Klimaschutzziele. Eine Schlüsselrolle kommt hier der EnBW zu. Deren Chef Andreas Schell erklärt im Interview, wie die Energiewende trotz Hindernissen gelingt – und warum dafür vor neue Gaskraftwerke nötig sind. Sorgen bereitet dem 54-Jährigen, dass aktuell politische Weichenstellungen auf Bundesebene ausbleiben.

 

Herr Schell, der Energiemarkt ist im Krisenmodus, Verbraucher und Industrie ächzen unter hohen Stromkosten. Fürchten Sie, dass die Energiewende scheitern könnte?

Die Energiewende ist kein kurzfristiges Projekt. Die Transformation braucht Zeit. Das Schlechteste ist immer, einen begonnenen Prozess auf halber Strecke abzubrechen. Ich komme viel herum. Ich spreche mit Menschen, die die alte Welt behalten wollen und solchen, die behaupten, die Veränderung sei einfach. Beide liegen falsch. Die Energiewende ist nötig, aber sie dauert lange, kostet viel und bringt erhebliche Veränderungen mit sich.

Aber Deutschland kommt nicht gut voran. Müsste der Wandel nicht schon viel weiter sein?

Ja und nein. Mir ist die Diskussion dazu oft zu negativ geprägt. Wir müssen auch lernen, über Erfolge zu sprechen, und denen, die diese Erfolge erzielen, auf die Schultern zu klopfen. Wir haben 2023 die Rekordleistung von 14 Gigawatt an Photovoltaik zugebaut, allein in Baden-Württemberg waren das 1,9 Gigawatt aus 145 000 Anlagen. Das gab es noch nie. Oder ein anderes Beispiel: Ich war dieser Tage in Esslingen, wo ein Umspannwerk gebaut wird. Unsere Leute haben da bei drei Grad und einsetzendem Schneefall einen Trafo installiert. Das verdient großen Respekt.

Können wir uns oder Ihnen jetzt schon auf die Schultern klopfen?

Teilweise. So ist es zum Beispiel gelungen, eine echte Energiekrise zu vermeiden. Erinnern Sie sich noch an den Herbst 2022? Damals war Gasknappheit ein Thema. Heute sind wir besser vorbereitet. Im Zusammenspiel von Politik, Energiewirtschaft und Konsumenten haben wir eine Gasmangellage verhindert. Auch aktuell sieht es gut aus: Die Gasspeicher sind zu mehr als 80 Prozent gefüllt. Wir müssen weiter maßvoll sein, aber die Prognosen sehen gut aus. Damit wären wir auch ohne russisches Gas sehr gut durch den zweiten Winter nach Ausbruch des Ukrainekriegs gekommen.

In Baden-Württemberg wurden vergangenes Jahr nur 15 Windräder neu installiert. Um die Klimaziele zu erreichen, müssen die Anstrengungen doch vervielfacht werden.

Ja, schon. Der Zubau von Windkraftanlagen im Südwesten ist bis jetzt absolut nicht zufriedenstellend. Aber angeführt durch Ministerpräsident Winfried Kretschmann wurden die Genehmigungsbehörden angehalten, die Dauer der Verfahren zu verkürzen. Bei einigen Landkreisen gibt es Genehmigungsbehörden, die für diese Fälle Spezialisten eingestellt haben. Wir erleben, dass die Verfahren kürzer werden.

Und wann erleben wir den Effekt? Wie viele Anlagen werden dieses Jahr errichtet werden?

Ich kann Ihnen keine Prognose geben. Aber der Effekt wird sich jetzt einstellen. Wir haben 400 Projekte in der Pipeline. Baden-Württemberg hat viel Potenzial für die Erneuerbaren. Klar, Küstenländer haben andere Voraussetzungen. Unser künftiger Windpark He Dreiht in der Nordsee liefert 960 Megawatt Leistung. Das ist wie ein Kraftwerk in der Nordsee und produziert genügend Energie für 1,1 Millionen Haushalte. Das ist aber kein Grund, sich in Baden-Württemberg aufs Ohr zu legen. Wir brauchen jedes Windrad und jeden Quadratmeter PV.

Aber wenn die große Stromtrasse Suedlink erst 2028 fertig wird…

Suedlink ist das größte Einzelprojekt der Energiewende und ist endlich letztes Jahr gestartet. 700 Kilometer Stromkabel von Nord nach Süd, unter der Erde, zehn Milliarden Euro Kosten. Wir tun uns in Deutschland generell schwer mit großen Projekten. Wir müssen die bürokratischen Hemmnisse deutlich reduzieren. Ein Beispiel: Allein für den Transport der Kabel braucht man 8000 einzelne Genehmigungen. Das ist Deutschland.

Bürokratie, die ihren geplanten Kohleausstieg 2028 gefährdet. Ist das Ziel noch realistisch?

2028 ist ambitioniert, aber machbar. Der Ausbau der Stromnetze spielt eine Schlüsselrolle.

Weil die Suedlink-Kabel unter die Erde müssen, wird das jetzt deutlich teurer.

Das hat die Politik so entschieden. Und wir ziehen das durch, damit es nach Jahren der Verzögerung vorangeht. Es muss uns aber für die Zukunft klar sein: Die Erdverkabelung benötigt deutlich mehr Geld. Mit Freileitungen könnten wir bei weiteren geplanten Trassen 20 Milliarden Euro sparen. Das entspricht ungefähr einer Milliarde Euro Netzkosten pro Jahr.

Es werden auch Gaskraftwerke benötigt, die kurzfristig einsetzbar sind. Die Rede ist von 25 Gigawatt.

Wir brauchen mit der Kraftwerkstrategie der Bundesregierung Rahmenbedingungen, die uns Investitionsentscheidungen ermöglichen, weil diese Kraftwerke einerseits dringend erforderlich sind aber andererseits immer nur kurz laufen sollen. Ohne eine Vergütung der Bereitstellung der Leistung wären Bau und Betrieb solcher Kraftwerke nicht wirtschaftlich. Wir gehen mit drei Kraftwerken in Vorleistung – in Heilbronn, Stuttgart-Münster und Altbach-Deizisau. Wenn zusätzliche Kraftwerke Ende des Jahrzehnts in Betrieb gehen sollen, dann muss die Kraftwerksstrategie nun kommen.

Und was muss sie beinhalten?

Nach dem Ende des Klimatransformationsfonds muss sie meines Erachtens noch einmal angepasst werden. Da ist Pragmatismus gefragt. Kraftwerke, die von Beginn an mit Wasserstoff betrieben werden können, kosten anfangs enorm viel. Stattdessen braucht es Gaskraftwerke, die dann in einem zweiten Schritt auf Wasserstoff umgerüstet werden können. Sonst laufen wir Gefahr, dass mit einer teuren Lösung das kurzfristig Machbare verhindert wird.

Wo sollen diese Kraftwerke gebaut werden?

Es hilft uns in Baden-Württemberg nicht, wenn alle neuen Gaskraftwerke im Norden Deutschlands entstehen. Wegen der energieintensiven Betriebe hier brauchen wir einige im Südwesten. Die Schätzungen lauten auf sechs bis sieben Gigawatt. 1,5 Gigawatt bauen wir jetzt, der Rest wird weiter gebraucht.

Sind die Menschen bereit für 40 bis 50 neue Gaskraftwerke?

An unseren bisherigen Standorten haben wir viel Zustimmung aus den Gemeinderäten erfahren. Die Verfahren sind wohlwollend für uns gelaufen. Ich denke, dass liegt daran, dass sich die Menschen an die Kraftwerke gewöhnt haben. Das Bewusstsein für die Chancen der Energiewende und die Notwendigkeit des Ausbaus erneuerbarer Energien und der Transformation der Netze hat sich bis in die untersten Behörden hinein erkennbar verbessert.

Tatsache ist, dass die EnBW mit der Energiewende sehr gut Geld verdient. 2023 waren das 4,9 Milliarden Euro in den ersten neun Monaten. Wie passt das zusammen? Die große Transformation, die Schwierigkeiten, die es gibt, und ihr Gewinn…

2022 haben wir nahezu alles, was wir eingenommen haben, in die Energiewende reinvestiert. Als Energieversorger müssen wir Gewinne erwirtschaften, um zukünftige Investitionen zu stemmen. Ein Beispiel: Deutschland hat einen wichtigen Schritt gemacht und ein 9700 Kilometer langes Startnetz für Wasserstoffleitungen definiert. Da schauen unsere Nachbarländer neidisch auf uns. Aber das sind Milliardeninvestitionen, die wir in die Hand nehmen müssen. Als Kosten stehen 20 Milliarden Euro im Raum.

Das muss die EnBW nicht allein bezahlen. Die Rechnung dafür geht auch an die Steuerzahler und ihre Kunden. Kommt deren Frust bei Ihnen an?

Ja, und ich habe Verständnis für den Ärger über die hohen Energiekosten. Es ist wichtig, dass wir die Menschen mitnehmen, ihnen wieder Zuversicht und Stabilität geben. Ich möchte optimistisch in die Zukunft blicken: Als EnBW planen wir, in dieser Dekade 50 Milliarden Euro in Projekte der Energiewende zu investieren. Das kommt dem Land, der Industrie und allen Bürgerinnen und Bürgern zugute.

Viel Geld fließt in ein Schnellladenetz für Elektroautos.

Wir investieren aktuell 200 Millionen Euro jährlich in den Ausbau der Infrastruktur. Da ist ein hohes Tempo drauf. Im Schnitt geht jeden Tag ein Schnellladestandort in Betrieb. Nahezu überall in Baden-Württemberg erreichen Sie die nächste EnBW-Ladestation in einem Radius von 50 Kilometern. Wenn das E-Auto leer ist, hilft nicht mal eben der Ersatzkanister. Die Kunden brauchen Verlässlichkeit.

Die litt zuletzt. Infolge des Haushaltsurteils wurde die Kaufprämie für die Stromer gestrichen. War das ein Fehler?

Dass so eine Entscheidung so schnell getroffen wird, das ist bedauerlich, das sollte so nicht sein. Da tun mir die Kunden leid, die schon ein Elektro-Fahrzeug bestellt hatten. Die Autoindustrie hat die Antwort durch Preisnachlässe gegeben. Wir brauchen dringend Fahrzeuge, die die Menschen sich leisten können. Nur so schafft es die E-Mobilität in die Breite.

In einem Satz, wie war ihr erstes Jahr?

Es war ein schönes und zugleich herausforderndes Jahr.

Sie sind Triathlet, das lebt von der Herausforderung. Kommen Sie noch zum Sport?

Ich bemühe mich. Auch weil ich das meinen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern nahebringe. Im Winter ist das Trainingspensum etwas niedriger, aber eine Stunde am Tag muss drin sein. Mir tut das immer gut, morgens früh aufstehen und beim Sport die erste Ladung Sauerstoff zu tanken.

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