Ende der Großsupermärkte? Das passiert mit Real-Märkten in Region Stuttgart

Der Real-Markt im Industriegebiet Hulb in Böblingen wird am 27. Mai durch Edeka übernommen. Im selben Gebäude eröffnet Ende des Jahres zusätzlich Aldi Süd. Foto: Stefanie Schlecht

Nach der Zerschlagung von Real werden immer mehr Filialen durch andere Supermarktketten übernommen. Ein Überblick, wie es mit den Märkten in der Region Stuttgart weitergeht – und eine Erklärung, warum es so weit gekommen ist.

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Platz ohne Ende, ein riesiges Sortiment, Elektronik neben Bettzeug, dazu Schuhe, Sportartikel und Lebensmittel in Hülle und Fülle – in anderen Ländern, vor allem in Frankreich, sind solche Großsupermärkte nichts Besonderes, in Deutschland schon. Es gibt Globus, es gibt Kaufland. Und es gibt Real. Doch seit die Muttergesellschaft Metro das Unternehmen verkauft hat, fragen sich viele Kunden: Gibt es Real überhaupt noch? Die Antwort ist: Ja und Nein – und in der Region Stuttgart zeigt sich, wie kompliziert die Gemengelage geworden ist.

 

Acht Real-Märkte gab es hier. Sechs werden in den kommenden Tagen und Wochen von anderen Supermarktketten übernommen oder sind bereits in fremden Händen. Zwei werden weitergeführt, allerdings unter dem neuen Namen „mein Real“ .

Ist Real insolvent?

Was ist da passiert? Es sei ein Irrglauben, dass Real insolvent gegangen sei, erklärt Dirk Funck, Professor für Betriebswirtschaft und Handelsexperte an der Hochschule für Wirtschaft und Umwelt in Nürtingen-Geislingen (HfWU). Metro habe aus strategischen Gründen den Lebensmitteleinzelhandel abgestoßen und behalte nur noch den Lebensmittelgroßhandel: „Die Metro-Gruppe hat sich gesundgeschrumpft. Das Format Real war für Metro nicht mehr zielführend.“

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Und das, obwohl die Real-Märkte offenbar nicht schlecht funktioniert haben. Andernfalls, sagt Funck, wäre nicht der Großteil der Filialen übernommen worden, um nun von anderen Betreibern als Selbstbedienungswarenhäuser (SB-Warenhäuser) weitergeführt zu werden. Das zeigt sich dieser Tage in Böblingen. Im Industriegebiet Hulb steht derzeit noch einer der erfolgreichsten Real-Märkte bundesweit. Branchenkenner schätzen, dass in der 13 000 Quadratmeter großen Filiale jedes Jahr 60 Millionen Euro durch die Kassen gingen. Ende dieser Woche, am 27. Mai, wird der Markt von Edeka übernommen – von 13. Juni an werden dort dann Waren der Edeka-Tochter Marktkauf angeboten. Und im gleichen Gebäude, im derzeitigen Real-Getränkemarkt, soll auf 1700 Quadratmeter Fläche einer der größten Aldi-Süd-Märkte Deutschlands entstehen.

Kartellamt wollte Konkurrenzsituation

Das Kartellamt hatte diese Konkurrenzsituation gefordert, damit Edeka keine Übermacht erhält. Mindestens zehn Jahre lang muss Edeka einen Mitbewerber in dem Gebäude beherbergen. Die neue Aldi-Filiale soll Ende dieses Jahres öffnen. Das ist allerdings nicht alles. In Böblingen gibt es einen weiteren Real-Markt, der künftig unter dem Label „mein Real“ unter einem neuen Eigentümer weitergeführt wird. Das Gleiche gilt für das Warenhaus in Jettingen. Diese beiden Filialen werden die einzigen in der Region Stuttgart sein, die auch künftig noch an Real erinnern, obwohl sich einiges ändert. Sie bekommen ein neues Logo, einen neuen Slogan, statt „Einmal hin. Alles drin“ heißt es künftig „Alles, was ich mag“.

Deutschlandweit werden 64 der ursprünglich 276 Real-Standorte unter dem Label „mein Real“ weitergeführt. Dirk Funck sieht diese Strategie skeptisch. „Dadurch gibt es viel weniger Synergien.“ Die Organisation sei zu klein, um im hart umkämpften Markt bestehen zu können, glaubt er.

Wo sich noch mehr ändert

Bei den übrigen sechs ehemaligen Real-Standorten in der Region Stuttgart ändert sich noch viel mehr: Die Filiale in Ostfildern wurde im Februar von Kaufland übernommen, die in Waiblingen im März; auch von Kaufland. Der Markt in Filderstadt ist im November 2021 an Edeka übergeben worden. In Nürtingen steht die Übernahme durch Edeka am 17. Juni an, in Kirchheim am 2. Juli. Der Real in Gerlingen wird am 1. August von Kaufland übernommen.

Läuten diese Veränderungen nun auch das Ende der Großsupermärkte ein? Fakt ist: Die Gesamtfläche der großen SB-Warenhäuser, zu denen auch Real zählt, ist in Deutschland in den vergangenen zehn Jahren um rund 15 Prozent geschrumpft. Dennoch sei es nicht so, dass diese grundsätzlich nicht funktionierten, sagt Funck. Das sehe man etwa an Kaufland oder Globus, die beide „hochgradig erfolgreich“ seien. Allerdings laufe der Non-Food-Bereich in SB-Warenhäusern schlechter als Lebensmittel. „Da ist die Online-Konkurrenz zu stark.“

Lebensmittel funktionieren besser als Autoreifen

Hinzu kommt, dass riesige Warenhäuser in anderen Ländern populärer sind als in Deutschland, vor allem in Frankreich, Spanien, Italien oder Amerika mit Märkten wie Walmart, Conad, Eurospin, Intermarché oder Super U. Hierzulande entwickeln sich klassische Supermärkte besser, ihr Marktanteil steigt, und auch Discounter werden immer größer. Als die ersten Aldi-Filialen eröffneten, hatten diese rund 200 Quadratmeter Fläche, heute sind es im Durchschnitt 1000 Quadratmeter.

„Die meisten Menschen in Deutschland wollen gar nicht zehn Marmeladen zur Auswahl und im selben Laden auch noch Kochtöpfe und Fahrradreifen kaufen“, erläutert Dirk Funck. „Dadurch dauert das Einkaufen ja auch deutlich länger.“

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