Esslingen - Der Esslinger Gemeinderat hat in der letzten Sitzung des Jahres beschlossen, die städtische Wirtschaftshilfe Ende 2022 aufzulösen. Der Eigenbetrieb wurde 1948 gegründet, um den Schwarzmarkt einzudämmen und Personen in wirtschaftlicher Not zu helfen. „Heutzutage funktioniert dieses Geschäftsmodell jedoch nicht mehr “, führte der Finanzdezernent und Erste Bürgermeister, Ingo Rust, aus.
Einerseits könne man heute in Discountern und großen Ketten sehr günstig neue Kleidungsstücke und sonstige Haushaltswaren einkaufen. Mit den Niedrigpreisen für Neuwaren könne die städtische Wirtschaftshilfe, die ihre Gebrauchtwaren teilweise bei den Kunden direkt abholt und im Ladengeschäft anbietet, nicht mithalten. Zudem gebe es inzwischen viele Onlineformate für den lokalen Handel oder Tausch von Gebrauchswaren zwischen Privatpersonen. Mit dem Beschluss trage der Gemeinderat deshalb einer Veränderung des Marktes Rechnung, die die Kundschaft längst vollzogen habe, so Rust. Auch wenn die städtische Wirtschaftshilfe nie darauf abzielte, Gewinne zu erzielen, so gelang es über Jahrzehnte, diese Aufgabe wenigstens kostendeckend zu erfüllen.
Gebrauchtes gibt es auch anderswo
Seit fünf Jahren schreibt der Betrieb aber rote Zahlen und erwartet für das kommende Jahr ein Defizit von 40 000 Euro. „Auf Dauer ist dieses Geschäftsmodell wirtschaftlich nicht tragbar“, so Ingo Rust. Während die Wirtschaftshilfe bei ihrer Gründung das einzige Angebot dieser Art war, gibt es in Esslingen längst vergleichbare Einrichtungen wie etwa die Diakonie mit einem Laden in der Küferstraße, die Kleiderkammer der Caritas in der Neckarstraße und „Das Kaufhaus“ in der Plochinger Straße.
Die Auflösung der Wirtschaftshilfe im Dezember nächsten Jahres wird mit dem Ruhestand von Michael Jakob zusammenfallen, der den Eigenbetrieb seit über 30 Jahren leitet. In der Sitzung dankte ihm Rust für sein herausragendes Engagement, das „über das erwartbare Maß hinausging“. Wer in den Laden in der Sirnauer Straße kommt, merkt tatsächlich schnell, dass Michael Jakob seinen Job mit reichlich Herzblut macht und er viel Sympathie für seine Klientel mitbringt. Bei ihm dürfen die Kunden um den besten Preis feilschen und er wurde über die Jahre selbst zum Jäger und Sammler, vor allem Uhren haben es ihm angetan.
Jakob habe immer wieder versucht, neue Geschäftsfelder und Standbeine aufzubauen, lobte Rust. Derzeit sind das etwa die sehr gefragten Haushaltsauflösungen, mit denen man die Wirtschaftshilfe beauftragen kann. Auch die Digitalisierung ist vorangekommen. Mit Scheckkarte zahlen ist zwar immer noch nicht möglich, dafür geht umso mehr Kleingeld über die Theke. Endgültig vorbei sind aber die Zeiten, als die Annahme und der Verkauf von Waren handschriftlich in dicken Büchern festgehalten wurden. Das wird jetzt im Computer verbucht.
Miniröcke waren einst verboten
Das Sortiment der Wirtschaftshilfe ist dem Zufall überlassen und gleicht oft einer kleinen Zeitreise. „Bei den Möbeln hinken wir immer bis zu 15 Jahre hinterher“, erzählt Jakob bei einem Pressegespräch. Trotzdem: Es wird nicht alles angenommen. Abgelehnt werden etwa Röhrenfernseher, Faxe und Scanner. „Auch wenn sie mal noch so teuer waren. Dafür gibt es keine Abnehmer“, sagt er. In seinen Unterlagen hat er einen kuriosen Hinweis aus den Siebzigern gefunden. Demnach war es der Wirtschaftshilfe damals untersagt, Miniröcke anzunehmen – Käuferinnen hätte es vermutlich genug gegeben.