Ganz im Südwesten Fellbachs befinden sich zwei sogenannte Lost Places – also zwei einst über die Stadtgrenzen hinaus bekannte Attraktionen, die allerdings für ihre frühere Funktion nicht mehr benötigt werden. Weshalb zuletzt vom einstigen Glanz nur noch wenig übrig geblieben ist, und sie in naher oder fernerer Zukunft das Zeitliche segnen müssen.
Erst wird die Kirche abgebrochen, später dann das ehemalige Freibad
Da ist zum einen das ehemalige Freibadareal – in den dortigen Becken wurden letztmals im Spätsommer 2013 Kraulzüge vollzogen und Arschbomben ins Wasser gesetzt. Statt Sprungturm, Schwimmbecken oder Wasserpilz werden dort eines Tages Mehrfamilienhäuser für circa 600 oder gar 800 Bewohner stehen. Angelehnt an den dortigen Gewannnamen wird das neue Wohngebiet dann als Rohrlandsiedlung fungieren.
Nur rund 100 Meter nördlich des früheren Freibadgeländes steht kein Sprungturm, allerdings ein anderes, noch wesentlich höheres Gebäude, das noch deutlich früher dem Erdboden gleichgemacht wird. Es ist der Kirchturm der Melanchthonkirche. Er, die eigentliche Kirche sowie auch das bisherige Kindertagesstättengebäude werden demnächst abgerissen. Die Entkernung der Melanchthonkirche ist abgeschlossen, die Entkernung sowie die Asbestsanierung in der Kita sind jetzt dran. In den kommenden Tagen folgen der statische Abbruch der Kirche und im Februar dann der Kindertagesstätte. Das Rathaus ist im engen Austausch mit dem Bauunternehmen, wann das Gotteshaus konkret „angebaggert“ wird.
Die Auskunft des städtischen Presseamts vom Montag zur genauen Terminierung der Abbrucharbeiten: Der Abriss der Kirche soll an diesem Dienstag, 23. Januar, starten. „Das Dach wird als erstes abgenommen, danach wird es vermutlich sehr schnell gehen.“ Denn bereits in der Kalenderwoche fünf, also ab kommendem Montag, „kommt ein großer Longfront-Bagger für den Abbruch des Kirchturmes“.
Neubau startet in diesem Frühsommer
Bereits bei einem Informationsgespräch im Dezember für die Anwohner rund um den zukünftigen Melanchthon-Kindergarten hatten die Verantwortlichen die Bauphasen vorgestellt. Gut 25 interessierte Bürgerinnen und Bürger folgten der Einladung und stellten etliche Fragen an die Mitarbeiter der Stadt und der beauftragten Firmen.
Voraussichtlich im zweiten Quartal 2024 startet der Neubau auf dem Melanchthon-Areal, das die Stadt in Erbbaupacht von der Kirche übernommen hat, durch die Rommel SF-Bau GmbH & Co. KG. Der Bezug und die Inbetriebnahme sind nach Angaben der Fellbacher Baubürgermeisterin Beatrice Soltys für die zweite Jahreshälfte 2025 geplant. Die dreigeschossige Kindertageseinrichtung wird in Holzhybridbauweise errichtet.
Auch nach dem Neubau wird der Evangelische Verein in Fellbach weiterhin Träger der Kindertagesstätte sein. Derzeit ist der inzwischen auf sechs Gruppen angewachsene Kindergarten in einem Interimsstandort untergebracht – und zwar auf dem Parkplatz am Max-Graser-Stadion an der Esslinger Straße ganz am westlichen Ortsrand der Fellbacher Kernstadt. Künftig wird es auf dem Melanchthon-Areal genug Raum für die Gruppen geben. Statt vormals 70 Kinder werden dann 115 Kinder einen Betreuungsplatz dort finden.
Elterntaxis zur Kita sollen vermieden werden
In der Bürgerversammlung wurde vor allem das Thema Parkplätze bei der künftigen Kita angesprochen. „Um den Hol- und Bringdienst der Eltern in geordnete Bahnen zu lenken, wird zwischen Eugenstraße und Philosophenweg ein Poller errichtet“, erläuterte Suzana Emele vom Amt für Hochbau und Gebäudemanagement. Beatrice Soltys ergänzte: „Wir wollen sowohl Elterntaxis als auch Verkehr im Wohngebiet vermeiden.“ Hierzu sei auch eine klare Vorgabe durch den Träger notwendig. Die Lautstärke der Wärmepumpe, die nah bei den Nachbarhäusern stehen werde, wird „alle Vorschriften einhalten“, versicherte Projektsteuerer Uwe Stilz.
Ganz aktuell erreichte die Redaktion der geharnischte Protest unseres Lesers Bernhard Schulz. Der Fellbacher hat kein Verständnis, dass der „sehr imposante und sicherlich mehr als 60 Jahre alte Tulpenbaum neben der Melanchthonkirche“ gefällt werden müsse. In einer Anwohnerinfo hatten Rathausvertreter die Fällung als unvermeidlich skizziert, da sonst der Abriss des Turmes der Kirche nicht möglich wäre.
Erst wird der Tulpenbaum gefällt, dann der Kirchturm
Schulz sieht dies anders. „Durch seinen Schattenwurf war dieser sicherlich wertvoll für das Mikroklima in diesem Bereich und hat aus meiner Sicht auch zahlreichen Insekten und Vögeln eine Heimat geboten. Dieser Baum war in Fellbach in Größe und Vitalität sicherlich nahezu einmalig und musste – obwohl am Rande des Grundstückes des künftigen Kindergartens stehend – weichen.“ Eine eventuelle Ersatzbepflanzung sei kein Ersatz für solch einen Baum, und dieser hätte, „sofern der Wille der Verwaltung vorhanden gewesen wäre“, in den neuen Kindergartenbereich eingebunden werden können. Da das Kirchenschiff nicht unterkellert sei, sehe er diese Begründung „als lediglich vorgeschoben an und ohne jegliche Grundlage“.