Frühling in Stuttgart Sonne im Gesicht – Sorge im Hinterkopf

Der Frühling naht, da war natürlich das Bärenschlößle am Sonntag ein beliebtes Ausflugsziel Foto: Julia Schramm
Der Frühling naht, da war natürlich das Bärenschlößle am Sonntag ein beliebtes Ausflugsziel Foto: Julia Schramm

Lange haben wir auf den Frühling gewartet. Am Sonntag zeigte er sich endlich. Und die Stuttgarter zog es ins Freie. Endlich Sonne, endlich Wärme – und nicht mehr daheim rumhocken.

Stuttgart - Der Frühling liegt bereits in der Luft und die Stuttgarter genießen am Wochenende die Natur bei strahlendem Sonnenschein. Bei Temperaturen um die 17 Grad Celsius hält es viele Leute nicht in der Wohnung. Sie machen sich auf, den Sonntag zu Fuß, mit dem Fahrrad, auf Inline-Skates oder mit dem Kinderwagen im Freien zu verbringen. Aber kann der nahende Frühling trotz des Coronavirus überhaupt genossen werden? Diejenigen, die am Sonntag draußen unterwegs sind, sehen der Gefahr eher gelassen entgegen. Sie merken aber selbst auch, dass es ruhiger zugeht als an normalen Tagen.

Senioren wollen nicht zu Hause rumsitzen

Bereits am Vormittag freuen sich die Besucher der Grabkapelle auf dem Württemberg über die wärmende Sonne. „Man hat einen tollen Ausblick ins Neckartal“, sagt Hermann Schall. Der 83-Jährige kommt seit vielen Jahren mit seiner Ehefrau Inge (83) zu Fuß auf den Württemberg. Schon beim Weg zur Grabkapelle beeindruckt der Blick auf die umliegenden Weinberge hinunter nach Uhlbach. „Man kann sehr schön spazieren gehen hier oben“, erklärt Inge Schall.

Oben angekommen reicht der Blick vom Fernsehturm über die östlichen Stuttgarter Stadtteile Richtung Innenstadt, Bad Cannstatt, den Kappelberg und Rotenberg. Mit dem Bus kämen sie regelmäßig von Untertürkheim zum Spazierengehen hierher, berichten Hermann und Inge Schall. Die Verbindung sei gut, freut sich der Rentner. Vor dem Coronavirus fürchten sich die rüstigen Senioren nicht. „Was soll man denn machen“, fragt Inge Schall. Veranstaltungen würden nach und nach abgesagt, erklärt sie. Einzig der Gottesdienst finde noch statt.

Max-Eyth-See als Oase in der Großstadt

Ebenfalls wenig Sorgen vor dem Coronavirus macht sich Christine Griese. Die 71-Jährige ist in sportlicher Kleidung mit ihrer Nachbarin aus Untertürkheim zur Grabkapelle gelaufen. „Wir müssen den Buckel rauf“, erklärt die Seniorin. „Die Hysterie wegen des Coronavirus ist schon groß genug“, findet sie. Man könne aber nicht nur noch zuhause bleiben und den Rollladen runterlassen.

Obwohl der vergangene Winter alles andere als kalt war, zieht es mit den ersten warmen Sonnenstrahlen wieder viele Menschen an beliebte Naherholungsziele in der Stadt. Neben der Grabkapelle zählt der Max-Eyth-See zu den von vielen Stuttgartern geschätzten Ausflugszielen. Die Winterjacken haben die meisten Menschen bereits zuhause gelassen. Sie sind mit leichter Übergangskleidung oder sogar im T-Shirt unterwegs. Die Stimmung ist entspannt. Erste Picknicker bereiten auf den großen Wiesen rund um den See einen Imbiss vor. Vor dem noch geschlossenen Kiosk am Seeufer haben es sich Manfred (69) und Irma Raczek (70) auf einer Bank bequem gemacht. „Es ist so ein schönes Fleckchen Erde“, findet er. Und seine Frau ergänzt: „Es ist eine kleine Oase in der Großstadt.“ Das Paar wohnt in der Nähe und kommt regelmäßig an den See. Die Bewegung an der frischen Luft tue gut, darin sind sich die beiden einig.

Am Bärenschlössle ist der Andrang groß

Weniger Einigkeit besteht dagegen darin, ob denn die Sorgen um das Coronavirus das Frischluftvergnügen trüben. Während sich Irma Raczek schon etwas sorgt, bleibt Manfred Raczek eher gelassen. Um nicht angesteckt zu werden, könnten die Menschen etwas auf Distanz bleiben, dann sei das Spazierengehen wohl nicht zu riskant, meinen sie.

Keine Spur von Angst ist am Mittag während der Anfahrt zum Bärensee zu spüren. Der gewohnte Parkplatzwahnsinn entlang der Magstadter Straße tobt am Sonntagnachmittag wie üblich. Die Wege durch den Wald sind gut besucht. Am Bärenschlössle genießen die Spaziergänger vor allem im Freien die Speisen und Getränke. Der Wirt Jürgen Unmüßig (52) hat an der Getränkezapfanlage alle Hände voll zu tun. Die Reihe der Durstigen vor seiner Theke reißt nicht ab. Und doch schätzt der Gastronom, dass an diesem Sonntag rund 20 Prozent weniger Gäste da sind als noch eine Woche zuvor. „Morgens war es noch verhalten“, sagt er. Vielleicht ziehe es am Mittag an. Der Pächter bleibt aber optimistisch: „Wir stellen uns darauf ein, dass der Tag gut wird.“ Glücklicherweise sei das Wetter gut. Sorgen vor dem Coronavirus und den nächsten Wochen, vor ausbleibenden Gästen oder krankheitsbedingtem Ausfall von Mitarbeitern, habe er aber in diesen Tagen immer wieder. „Ich mache mir Gedanken in alle Richtungen“, sagt er. Auch Christopher Colshorn (59) hat das Coronavirus im Hinterkopf, während er vor dem Bärenschlössle die Sonne bei einem kühlen Getränk genießt. „Wir können wenig machen“, meint er. Und die Krise werde sich in den kommenden Tagen und Wochen wohl noch verschärfen, befürchtet der Endfünfziger. Doch Spazieren gehen, das könne man auch in Coronazeiten.




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