Energieexperte Pehnt „Neubauförderung abschaffen“

Der Heidelberger Energieexperte Martin Pehnt sagt, wie jeder Einzelne Energie sparen und Deutschland die Wärmewende schaffen kann. Foto: Zukunft Altbau/Martin Stollberg

Wie kann Deutschland die drohenden Gasengpässe überstehen und zudem die Wärmewende meistern? Der Heidelberger Energieexperte Martin Pehnt rät zu radikalem Umdenken.

Wegen der wachsenden Lieferengpässe bei russischem Gas hat Bundeswirtschaftsminister Robert Habeck die Alarmstufe im Notfallplan Gas ausgerufen. Auch Haushalte sollen so viel Energie wie möglich sparen. Wie das gehen kann und wie die künftige Förderung der Wärmewende aussehen kann, darüber haben wir mit dem wissenschaftlichen Geschäftsführer des Heidelberger Instituts für Energie- und Umweltforschung (Ifeu) Martin Pehnt gesprochen.

 

Herr Pehnt, im Moment sind ja alle dazu aufgerufen, Gas zu sparen. Aber wenn keine Heizung läuft, ist das für Verbraucher nicht ganz einfach, oder?

Etwa 20 Prozent des Erdgases, das ein Haushalt jährlich verbraucht, wird zum Erwärmen von Wasser genutzt – das darf man nicht unterschätzen. Wenn man sparsamer duscht, an Handwaschbecken das warme Wasser abdreht, Duschsparköpfe einsetzt und die Zirkulation des heißen Wassers, falls vorhanden, zeitlich steuert oder abschaltet, kann man beträchtlich Gas einsparen. Abgesehen davon müssen wir aber natürlich vor allem zum Herbst hin unser Verhalten überdenken. Es geht nicht nur um das viel zitierte Absenken der Raumtemperatur, sondern auch um die Frage, welche Räume man beheizt und darum, ob es umweltfreundliche Zusatzheizungen gibt, mit denen man Erdgas einsparen kann.

Also beispielsweise strombetriebene Radiatoren?

Ich denke da eher an Solarthermie und Biomasse, also an Kaminöfen – allerdings nur dann, wenn sie feinstaubarm sind. Dazu gibt es clevere Ofenkonstruktionen und auch Filter, die die Staubbelastung deutlich reduzieren. Stromheizungen hingegen haben eine relativ schlechte Effizienz, verbrauchen also viel Strom. Und Strom wird in Deutschland immer noch zu einem großen Teil konventionell erzeugt, ist also mit Einfuhren unter anderem aus Russland und mit Emissionen verbunden.

In Stuttgart sind Kaminöfen ein Problem…

In der Tat: Droht Feinstaubalarm, steht diese Ausweichmöglichkeit in Stuttgart für Komfortkamine, die vor dem 1. Januar 2015 in Betrieb gegangen ist, nicht zur Verfügung.

Was kann ich sonst tun?

Es gibt eine ganze Reihe von handwerklichen Maßnahmen, die man selbst bewerkstelligen kann. Man kann beispielsweise alte Fenster abdichten, nachts die Rollläden schließen, ungedämmte Heizungsrohre im Keller mit Material aus dem Baumarkt dämmen. Auch das spart Energie – zumal, wenn die Rohre in unbeheizten Kellern verlaufen. Man kann auch Heizkörpernischen dämmen oder hinter den Heizungen Reflektionsfolien anbringen, um die Strahlungswärme im Raum zu erhöhen. Durch sparsames Heizen und einfache, günstige Maßnahmen kann man seinen Verbrauch durchaus um zehn Prozent senken. Und wenn man dann noch etwas Geld in die Hand nimmt und beispielsweise die Kellerdecke oder die oberste Geschossdecke dämmt, kann man noch mehr sparen.

Und was können Besitzer von nicht gasbetriebenen Heizungen beitragen?

Auch bei Ölheizungen ist Sparen das Gebot der Stunde – und des Klimaschutzes, denn Heizöl verursacht mehr Treibhausgase als Erdgas. Außerdem trägt alles, was Strom spart, zum Gassparen bei, denn wir haben einen nennenswerten Anteil von Gaskraftwerken im Stromsystem. Die sollen zwar jetzt durch Kohle ersetzt werden, aber das ist natürlich unter Klimaschutzaspekten keine gute Idee. Zusätzlich wäre Strom selbst zu erzeugen eine tolle Sache – mit einer großen Solaranlage oder, wenn das nicht geht, auch mit einer Balkonsolaranlage.

So ein kleines Modul spart aber kein Gaskraftwerk ein. . .

Wir müssen alle Bausteine einsammeln. Natürlich ist eine große Solaranlage auf dem Dach die beste Lösung. Aber ergänzend dazu – oder wenn man aus welchem Grund auch immer keine Anlage aufs Dach bauen kann, ist das eine gute Möglichkeit, unkompliziert bis zu fünf Prozent des Stromverbrauchs selbst zu erzeugen. Sogar Mieter können das machen, wenn der Vermieter oder die Vermieterin zustimmen. Stecker rein, und los geht’s.

Für viele Maßnahmen, die Immobilienbesitzer jetzt in Angriff nehmen sollten, braucht man Fachwissen. Handwerker und Energieberater aber sind im Moment kaum zu kriegen.

Der Fachkräftemangel ist zurzeit der ganz große Flaschenhals bei der Energiewende. Da hilft leider oft nur abzuwarten. Aber es geht im Moment ja auch nicht nur darum, angesichts der Ukraine-Krise sofort Energie zu sparen, sondern auch darum, die Wärmewende zu schaffen. Und da ist eine Maßnahme in einem halben Jahr immer noch richtig und wichtig. Zudem sollte ein Haus vor dem Umstieg auf eine klimafreundliche Heizung auch erst einmal vorbereitet werden.

Worum geht es dabei konkret?

Um die Senkung der Heiztemperatur, also der Temperatur, die man braucht, um einen Raum auf Wohlfühlgrade zu bringen. Diese so genannte Vorlauftemperatur zu reduzieren, spart erstens Energie, und zweitens ist es eine wichtige Voraussetzung, um eine Wärmepumpe einsetzen zu können. Wir benutzen den Begriff Niedertemperatur-ready. Manchmal sind es nur wenige kritische Heizkörper zum Beispiel im Bad oder im Wohnzimmer, die tatsächlich hohe Vorlauftemperaturen brauchen. Wenn man dort Niedrigtemperaturheizkörper oder einfach größere Heizkörper installiert, kann das schon ausreichen, um die Temperatur im ganzen Gebäude absenken zu können. Da schaut am besten der Heizungsbauer im Rahmen der Wartung drauf. Und auch die Dämmung von Gebäudeteilen erlaubt eine Temperaturabsenkung.

Dazu brauche ich wieder einen Handwerker…

Man kann selbst einen guten Test machen: einfach mal an einem kalten Wintertag die Vorlauftemperatur auf 55 Grad senken und gucken, wo es kalt wird. Und dann kann mir ein Energieberater oder Heizungsbauer gezielter sagen, ob ich das schon mit kleineren Maßnahmen regeln kann.

55 Grad – ist das die Obergrenze für den Begriff Niedertemperatur?

Das ist keine harte Grenze, aber eine gute Orientierung. Auch ein Gebäude mit 60, oder sogar 65 Grad Vorlauftemperatur kann mit Wärmepumpen beheizt werden. Je höher die Temperatur ist, desto weniger effizient ist die Wärmepumpe, und desto höher sind die Heizkosten.

Geht man bei so niedrigen Temperaturen nicht die Gefahr ein, Legionellen einzuschleppen?

Das ist im Einfamilienhaus eigentlich kein Problem. Das ist eher ein Thema in Mehrfamilienhäusern mit langen Leitungen und Leitungen, die nicht oder selten genutzt werden. In Mehrfamilienhäusern ist es deshalb oft sinnvoll, die Warmwasserbereitung wohnungsweise zu lösen – beispielsweise mit sogenannten Wohnungsstationen oder auch mit Durchlauferhitzern, mit denen man das Warmwasser heizt oder nachheizt. Sowas muss aber professionell geplant werden. Im Einfamilienhaus sind auch die Wassermengen in der Regel unterschritten, wo Legionellen normalerweise ein Thema sind. Zur Sicherheit gibt es „Legionellenschaltungen“, die vorübergehend die Temperatur hochdrehen.

Wärmepumpen oder der Anschluss an ein klimafreundlich betriebenes Wärmenetz gelten als die Königswege für die Wärmewende. Sehen Sie das auch so?

Ja, das hat einfach damit zu tun, dass die Alternativen Nachteile haben. Biomethan beispielsweise, also grünes Gas, das aus nachwachsenden Rohstoffen oder biolandwirtschaftlichen Abfällen wie Mist hergestellt wird, ist knapp. Das sollten wir dort nutzen, wo wir es am dringendsten brauchen. Beispielsweise, um Prozesswärme für die Industrie zu erzeugen. Und bei der festen Biomasse, in der Regel Holz, muss man sich gut überlegen, wie viel man aus dem Wald entnimmt, denn der speichert ja Kohlendioxid. Schadholz sollte man natürlich nutzen, aber auch darum gibt es eine Konkurrenz mit anderen Anwendungen, wo das Holz dringlicher gebraucht wird. Es gibt beispielsweise denkmalgeschützte Häuser, deren Vorlauftemperatur man nicht wirklich absenken kann – die wären bedürftiger als ein Gebäude, das man mit einer Wärmepumpe beheizen kann. Die Entscheidung, keine Wärmepumpe einzusetzen, sollte deshalb mit Augenmaß erfolgen.

Auch Wärmepumpen gibt es ja in verschiedenen Varianten – manche nutzen Luft, andere Erde oder Grundwasser. 80 Prozent aber sind Luft-Wärme-Pumpen. Ist das gut so?

Wärmepumpen nutzen ja einfach die Umgebungswärme, und da gibt es sehr unterschiedliche und sehr clevere Lösungen. Luft-Wärmepumpen sind günstig in der Anschaffung und relativ schnell realisierbar, deshalb haben sie am Markt derzeit die Nase vorn. Aber sie haben das Problem, dass die Außentemperatur gerade im Winter, wenn der Heizbedarf hoch ist, kalt ist. Dann muss man mehr Strom einsetzen als bei einer erdgekoppelten Wärmepumpe, die über das Jahr hinweg effizienter zu betreiben ist. Außerdem ist sie fast lautlos und bietet auch die Möglichkeit, dass sich mehrere Haushalte zusammenschließen und ein kleines Nahwärmenetz aufbauen. Sie sind aber auch teurer und brauchen Platz für die Bohrung. Clever sind auch so genannte PVT-Kollektoren, auch Hybridkollektoren genannt, die die Sonnenenergie zugleich zur Erzeugung von Strom und Wärme nutzen. Aber auch für die muss man mehr Geld ausgeben als für Luft-Wärmepumpen.

Viele Menschen können sich eine Sanierung ihres Hauses oder eine Modernisierung ihrer Heizung nicht leisten.

Das birgt auf jeden Fall sozialen Sprengstoff. Zwar werden alle Maßnahmen, über die wir gesprochen haben, in der Bundesförderung effiziente Gebäude gefördert. Je nach Technologie gibt es bei einem Heizungstausch 35 bis 55 Prozent der Investitionssumme vom Staat. Trotzdem bleiben noch Kosten meist im fünfstelligen Bereich übrig. Daher haben wir diverse flankierende Maßnahmen vorgeschlagen, beispielsweise ein Kreditprogramm für Haushalte, die sich das nicht leisten können und von ihrer Hausbank keinen Kredit bekommen. Österreich hat dafür beispielsweise das Programm „Sauber heizen für alle“ aufgelegt.

Wie funktioniert das Programm in Österreich?

Dort gibt es zwei Förderkomponenten: Eine Grundförderung und eine Zusatzförderung, die nur Haushalte bekommen, die zu den 30 einkommensschwächsten Prozent des Landes gehören. In bestimmten Fällen trägt der Staat dann sogar die volle Investitionssumme. Eine Alternative zu diesem Modell wäre ein staatliches, zinsloses Darlehen über eine bestimmte Laufzeit, das man dann aus den gesparten Heizkosten bedient. Es geht darum, dass jeder die Liquidität erhält, sich eine neue Heizung kaufen zu können. Ich würde auch dem Land nahelegen, die Förderung stärker an Bedürftigkeit anzupassen und vom Gießkannenprinzip wegzukommen.

Im Moment wird die Bundesförderung in Deutschland ja überarbeitet. Welche Veränderungen sind dringend notwendig?

Wir empfehlen eine Angleichung der Fördersätze – auch zwischen Effizienzmaßnahmen und Heizungstausch. Im Moment gibt es mehr als zehn Fördersätze und viele unterschiedliche Boni. Das ist sehr kompliziert. Außerdem wäre es natürlich dringlich, soziale Aspekte und Problemgebäude stärker in den Blick zu nehmen.

Was meinen Sie mit Problemgebäuden?

Das sind Gebäude, in denen die Wärmewende schwieriger ist, beispielsweise Gebäude mit Etagen- oder Einzelzimmerheizungen. Ihr Anteil in Deutschland ist groß, und auch diese Gebäude müssen natürlich dekarbonisiert werden. Dazu muss ihre Wärmeversorgung aber erst einmal zentralisiert werden. Das ist ein viel größerer Aufwand, als wenn man nur die Heizung im Keller austauschen muss. Bei Einzelöfen oder Nachtspeicherheizungen ist der Aufwand noch viel größer, weil man erst einmal einen Wasserkreislauf installieren muss.

Die bisherige Förderung hat sich ja auch sehr auf Neubauten konzentriert.

Die Neubauförderung sollte man komplett abschaffen. Die Verschiebung hin zum Gebäudebestand ist seit Jahren überfällig.

Aber kann sich dann eine junge Familie künftig noch ein eigenes Haus leisten?

Das Instrument, jungen Familien ein Eigenheim zu ermöglichen, darf jedenfalls nicht über die Klimaschutzförderung laufen, denn ein Neubau ist kein Beitrag zum Klimaschutz. Für Neubauten können durchaus sozial- oder familienpolitische Erwägungen sprechen – aber die müssen anders finanziert werden, beispielsweise durch die Förderung des sozialen Wohnungsbaus.

In den kommenden Jahren werden Milliarden Euro in die klimafreundliche Umgestaltung des Immobilienbestandes fließen. Gleichzeitig pumpen wir Unsummen in klimaschädliche Subventionen. Reißen wir mit dem Hintern ein, was wir mit den Händen aufbauen?

Das Umweltbundesamt spricht von mehr als 65 Milliarden Euro jährlich, mit denen klimaschädliche Produktions- und Verhaltensweisen subventioniert werden. Das ist auch im Gebäudebereich der Fall: Nach wird der Einsatz von Erdgas zur Kraft-Wärme-Kopplung gefördert. Das ist aber nur Teil einer ganzen Liste, zu der auch die Privilegierung von Diesel, die Mehrwertsteuerbefreiung für Flüge oder auch die Mehrwertsteuervergünstigung für tierische Produkte gehören. Aktuell ist auch der Tankrabatt ein Beispiel für so eine fehlgesteuerte Subvention. Man müsste dringend eine Strategie zur Reduktion umweltschädlicher Subventionen auf die politische Agenda setzen und mit den eingesparten Summen einen Beitrag zum Klimaschutz leisten.

Wie optimistisch sind Sie da?

Im Moment sehe ich nicht, dass die großen Subventionen abgebaut werden. Aber auch da lasse ich mich überraschen. Wir haben ja in den letzten zwei, drei Monaten erlebt, mit welcher Geschwindigkeit Dinge geändert werden können, und vielleicht tut sich ja auch da eine Möglichkeit auf. Dazu wünsche ich mir einen Geist des Aufbruchs – auch wenn das in diesen Zeiten, in denen sich mehrere Krisen summieren, schwierig ist. Die Wärmewende ist ja nicht nur etwas Technokratisches, das durch Gesetze und Förderprogramme vorgegeben wird, sondern es muss auch vor Ort ankommen. Wir brauchen einerseits klare Rahmenbedingungen, aber wir brauchen auch Leute vor Ort, die das mit Begeisterung, detektivischem Spürsinn oder zumindest Verständnis umsetzen.

Ein renommiertes Institut mit Geschichte

Entstehung 
Das Institut für Energie- und Umweltforschung Heidelberg (Ifeu) ist 1977 aus der „Arbeitsgemeinschaft Umweltschutz an der Universität Heidelberg“ entstanden, deren Gutachten dazu beigetragen hatte, das Kernkraftwerk Wyhl zu verhindern.

Aktuell
Heute forschen am Ifeu fast 100 Wissenschaftler zu den Themen Biomasse, Energie, Ernährung, Industrie und Produkte, Mobilität und Ressourcen. Zu den Auftraggebern des Ifeu zählen internationale Institutionen, Bundes- und Landesbehörden sowie Ministerien.

Zur Person
 Der promovierte Physiker Martin Pehnt ist einer der drei Geschäftsführer und Vorstand des Ifeu. Pehnt lehrt an verschiedenen Hochschulen und sitzt in zahlreichen Gremien und Beiräten, unter anderem im Klimasachverständigenrat Baden-Württemberg.  

Weitere Themen

Weitere Artikel zu Energiesparen Sanierung Interview