Energieversorgung Der nächste Winter ist immer der schwerste

Habeck, Scholz und Lindner bei der Eröffnung eines LNG-Terminals: Flüssiggas soll Deutschlands Energieversorgung sichern. Foto: dpa/Michael Sohn

Die Gasversorgung für diesen Winter hat funktioniert – doch für den kommenden Winter mahnen viele zur Vorsicht.

Berlin: Tobias Heimbach (toh)

Spricht man in diesen Tagen mit Politikern über das Wetter, dann ist das mehr als Smalltalk. Während viele angesichts des Klimawandels normalerweise besorgt auf steigende Temperaturen blicken, so atmen sie derzeit bei milder Witterung auf. Denn höhere Temperaturen bedeuten, dass weniger Gas verbraucht wird. Und Gas ist seit vergangenem Jahr ein knappes Gut.

 

Inzwischen hat sich die Lage etwas entspannt. Der Gaspreis ist gesunken, die Speicher sind zu 71 Prozent gefüllt. Unter dem Strich ist Deutschland besser durch diesen Winter gekommen als viele befürchtet hatten. Klaus Müller, Präsident der Bundesnetzagentur, sieht beim Blick in die Zukunft jedoch noch keinen Anlass zur Entspannung. „Ich möchte noch nicht von Optimismus für den Winter 23/24 sprechen“, sagte er unserer Zeitung. „Wir müssen Vorsorge auch für einen sehr kalten Winter treffen“, betonte er.

Weiter Gas einsparen

Dafür müssten die Gasspeicher wieder aufgefüllt werden – und das müsse in diesem Sommer ohne russische Pipelinegas gelingen, sagt Müller und mahnt: „Wir müssen in den privaten Haushalten und bei Unternehmen weiterhin Gas sparen.“ Doch besonders in der Industrie bedeute Gas-Sparen im vergangenen Jahr, dass schlicht die Produktion zurückgefahren oder sogar eingestellt wurde. Besonders angesichts der zwischenzeitlich hohen Preise lohnte sich die Fertigung nicht mehr.

Auch was die Energieversorgung angeht, hat eine „Zeitenwende“ in Deutschland stattgefunden. Jahrzehntelang hat Deutschland günstiges Erdgas aus Russland bezogen, selbst nach dem Beginn des Ukraine-Kriegs floss es noch. Dann vervielfachte sich der Gaspreis, später stoppte Russland die Lieferungen ganz. In der Folge verstaatlichte die Bundesregierung die Unternehmen Uniper und Gazprom Germania, um die Versorgung zu sichern, später half sie über die Gaspreisbremse privaten Haushalten und Unternehmen mit Milliarden Euro aus.

Um das russische Gas zu ersetzen, versucht Deutschland Gas aus anderen Quellen zu beziehen. Dabei setzt man besonders auf LNG, also Flüssiggas. In diesem Monat traf die erste Lieferung im schleswig-holsteinischen Brunsbüttel ein. Doch die Versorgung mit LNG ist keineswegs gesichert. Dies betonte kürzlich Fatih Birol, Chef der Internationalen Energieagentur (IAEA). Er sagte: „Der nächste Winter bereitet mir Sorgen.“ So sei in diesem Jahr die Summe des zusätzlichen LNG-Gases auf dem Markt vergleichsweise gering. Zudem würde China selbst bei einem nur kleinen Anstieg des Wirtschaftswachstums 80 Prozent des zusätzlichen Gases aufsaugen.

Weitere Forderung nach Energiesparen

Auch Kerstin Andreae, Hauptgeschäftsführerin des Bundesverbands der Energie- und Wasserwirtschaft (BDEW), schaut mit Sorge auf die Zeit nach dem Sommer. „Wir sind aber mit Blick auf den nächsten Winter 2023/2024 noch nicht vollständig über den Berg“, sagte sie unserer Zeitung. Sie forderte, Gaslieferungen noch breiter zu diversifizieren, die LNG-Infrastruktur auszubauen und Energie einzusparen. Darüber hinaus forderte sie mehr Tempo beim Ausbau der erneuerbaren Energien. 2023 müsse neuen Schub für Investitionen bringen.

In die Debatte über eine sichere Energieversorgung wird auch über das Thema Atomenergie diskutiert. FDP-Vize Wolfgang Kubicki sagte unserer Zeitung: „Es ist ausgesprochen unvernünftig, die Atomkraftwerke zum 15. April endgültig stillzulegen, ohne eine wirkliche Alternative aufbieten zu können.“ Und fügte hinzu: „Wir werden durch diese widersinnige Entscheidung nicht nur wieder abhängig von anderen Nationen, sondern auch energiepolitisch verwundbar.“

Zugleich steige mit dem Abschalten der Atomkraftwerke die CO2-Bilanz, sagte Kubicki.“ Das sei das „Gegenteil dessen, was klimapolitisch vernünftig wäre“. Der FDP-Politiker richtete zugleich mahnende Worte in Richtung der Koalitionspartner: „Kanzler Scholz und Wirtschaftsminister Habeck tragen die Verantwortung dafür, wenn es schiefgeht.“

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