Acht Kommunen im nördlichen Kreis Ludwigsburg sind gefragt, bis zu acht Windkraftanlagen im Hardtwald zwischen Großbottwar, Aspach und Marbach-Rielingshausen grundsätzlich zu erlauben. Ihr Ja zu einem möglichen Vorranggebiet im Regionalplan gaben am Dienstag als zweite Gemeinde nach Benningen die Murrer Gemeinderäte – wenn auch nur unter großen Bedenken.
Die Bundesregierung und das Land machen unter dem Eindruck des Russland-Ukraine-Krieges und der Energiekrise ernst: Städte und Kommunen müssen 1,8 Prozent ihrer Fläche für die Gewinnung regenerativer Energie ausweisen. Die Fäden laufen beim Verband Region Stuttgart zusammen. Die Regionalversammlung entscheidet letztlich, wo die Vorranggebiete entstehen. Das muss in der Nähe des landschaftlich reizvollen Bottwartals nicht vor der Haustüre sein, denn in der Region gibt es die windstärksten Gebiete im Landkreis Göppingen, im Kreis Böblingen und im Südwesten des Landkreises Ludwigsburg.
Noch ist völlig offen, ob der Hardtwald mit seinen Windgeschwindigkeiten lukrativ für Investoren ist. Einem Wildwuchs der insgesamt rund 250 Meter hohen Windräder will der Murrer Bürgermeister Torsten Bartzsch einen Riegel vorschieben. Mehrfach schärfte er den kritischen Gemeinderäten die Notwendigkeit der Vorranggebiete ein: „Wenn wir nicht steuern, können ringsrum Windräder aus dem Boden wachsen.“ Es sei offen, wie viele Windräder im Vorranggebiet Hardtwald letztlich entstünden, zumal auch naturschutzrechtliche Faktoren in die Endauswahl für die Vorranggebiete einflössen.
Die Vorbehalte gegen Windräder im Wald nahe des Bottwartals wurden in der Sitzung immer wieder geäußert, so dass es am Ende fast verwunderlich war, dass der Antrag der Verwaltung eine Zehn-zu-drei-Mehrheit fand. „Wir machen große Flächen im Wald kaputt“, sagte der CDU-Mann Florian Gärtner und wies darauf hin, dass ein 250 Meter hohes Windrad im Naturschutzgebiet den Harzberg um 80 Meter überrage. Ablehnung auch von Liane Sinn von den Freien Wählern, die das im Wald eingegossene Beton stört: „Es wird im Untergrund zu viel kaputt gemacht – wir wissen nicht, was danach im Wald passiert.“
Ähnlich äußerte sich der Sozialdemokrat Guido Seitz, der auch das Betonfundament im Blick hat: „Für jedes Windrad ist eine Grundfläche von 400 Quadratmetern notwendig.“ Stellplätze, Kräne, Transporter – das hinterlassen Spuren in der Natur. Seitz plädierte für ortsnahe Windräder. Ein Abstand von 1000 Metern zur Siedlung sei aber rund um Murr nicht zu machen, hielt der Bürgermeister ihm entgegen.
Das Argument, dass die Gemeinde dem Gebiet im Wald zustimmen müsse, um die Steuerung in der Hand zu behalten, ließen einige Murrer Gemeinderäte nicht gelten. „Wir stoßen hier etwas an, was am Ende auch herauskommen wird“, sagte der SPD-Rat Said Benali, der es für wahrscheinlich hält, dass derart hohe Windkraftanlagen am Ende als wirtschaftlich genug erachtet werden.
Standorte finden, die den Wald nicht zu stark schädigen: Das war die Haltung von Räten, die dem Anliegen aufgeschlossener gegenüberstehen. „Ich kann mir fünf bis sechs Räder vorstellen – aber eher im Bereich der Hardtwaldkreuzung“, sagte Gunter Eberhardt von der CDU. Nicht im hintersten Eck des Forstes, das schwebt auch der Grünen-Frau Ellen Mohr-Essig vor. Ihr komme es so vor, als ob bei der jetzigen Planung jede Kommune ihr Windrad bekommen solle: „So wie es jetzt ist, ist es schon brutal.“ Eine ökologisch verträgliche Lösung wäre besser erreichbar, wenn die kommunalen Einnahmen aus dem Windgeschäft zwischen den acht Gemeinden in einem Pool aufgeteilt würden.
Dass man sich letztlich zwischen mit Photovoltaik zugestellten Ackerflächen und hohen Windrädern entscheiden müsse und es besser sei, sich für die effektivere Windkraftanlagen zu entscheiden, ließ der CDU-Rat Giorgio Monteleone nicht gelten, der damit Bürgermeister Torsten Bartzsch widersprach: Diese Alternative sei nicht zwingend, „man kann die Windräder auch woanders hinstellen“.
Ökonomisch argumentierte der Grünen-Landtagsabgeordnete Tayfun Tok, der für das Vorranggebiet der Windenergie im Hardtwald in wirtschaftlich schwierigen Zeiten eine Lanze brach: „Wenn Firmen keine regenerative Energie in Baden-Württemberg bekommen, wandern sie nach Schleswig-Holstein ab.“ Der Politik werde oft vorgeworfen, sie beschleunige nicht. „Jetzt haben wir die Chance etwas zu bewegen.“ Es wäre ein fatales Signal, wenn Murr sich weigere.
Tatsächlich müssen die Hardtwaldkommunen an einem Strang ziehen, um ihr Vorranggebiet im Spiel zu halten. Entscheidungen stehen in den kommenden Wochen noch in Marbach, Freiberg, Steinheim, Pleidelsheim, Erdmannhausen und in der Anliegerkommune Großbottwar bevor.