Energieversorgung Kaum noch Sicherheitsreserven im Stromnetz

Die Netzbetreiber haben wegen der Energiewende mehr zu tun. Foto: dpa
Die Netzbetreiber haben wegen der Energiewende mehr zu tun. Foto: dpa

Die EnBW-Netztochter Transnet BW erwartet in diesem Winter eine angespannte Versorgungslage, befürchtet aber keinen Blackout. Mittelfristig seien neue Kraftwerke nötig.

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Wendlingen - Der Befund ist eindeutig. „Das Risiko für Großstörungen und für Notmaßnahmen, beispielsweise Lastabschaltungen insbesondere in Süddeutschland, nimmt zu.“ Das ist das Fazit einer gemeinsamen Analyse der deutschen Übertragungsnetzbetreiber zur Verlässlichkeit der Stromversorgung. Markus Fürst drückt es so ähnlich aus. „Ohne massive Eingriffe würden wir direkt in den Blackout laufen“, sagte der Leiter Systemführung bei der EnBW-Netztochter Transnet BW am Mittwoch in Wendlingen.

Solche „Eingriffe“ sind nötig, wenn das Gleichgewicht zwischen Erzeugung und Verbrauch gestört ist. Und das ist wegen des Ausbaus der stark schwankenden Stromproduktion von Windparks und Solaranlagen immer öfter der Fall. Wird mehr Strom erzeugt als gerade benötigt, muss dieser an andere Netzbetreiber im In- und Ausland abgegeben werden. Wenn dagegen weder Wind weht noch Sonne scheint und gleichzeitig der Verbrauch hoch ist, werden konventionelle Reservekraftwerke angefahren. Zudem muss Strom aus anderen Regionen zugekauft werden. Laut Fürst hat sich die Häufigkeit der Eingriffe ins Netz bei Transnet BW von 2010 auf 2011 verdreifacht, wobei es im industriestarken und besonders stark vom Atomausstieg betroffenen Südwesten in der Mehrzahl der Fälle darum geht, einen Strommangel zu kompensieren.

Zudem gebe es kaum noch Reserven, um unerwartete Störungen auszugleichen. In der aktuellen Situation könne nur noch der Ausfall eines einzelnen Kraftwerks, einer Umspannstation oder einer wichtigen Stromleitung störungsfrei kompensiert werden. Um solche Eventualitäten abzufedern, seien etwa 2400 Megawatt Reserveleistung erforderlich – etwa die Kapazität von zwei Atomreaktoren. Diese Strommenge hat sich Transnet BW durch Verträge mit Kraftwerksbetreibern in Deutschland und Österreich gesichert. Die überwiegend alten Anlagen, die mit Gas oder Öl betrieben werden können, haben aber Vorlaufzeiten von bis zu zwei Tagen. Zusätzliche Entlastung sollen Verträge mit Netzbetreibern in der Schweiz und Italien bringen.

Erfahrungswerte im vergangenen Winter gesammelt

Trotz dieser Vorkehrungen erwartet Transnet-BW-Geschäftsführer Rainer Joswig auch in diesem Winter eine angespannte Versorgungslage. Einen Blackout befürchtet er aber nicht. Im vergangenen Winter konnten die Betreiber die flächendeckende Versorgung nach eigenen Angaben an manchen Tagen gerade noch so aufrechterhalten. Joswig drückte es positiv aus. „Da haben wir wichtige Erfahrungswerte gesammelt.“ Er und Fürst verweisen auf eine engere Kooperation mit anderen Netzbetreibern und verbesserte Prognosemodelle, mit denen sich die Techniker etwa besser auf eine drohende Flaute vorbereiten können. Nur wenn all das nicht mehr hilft, kann der Strom in einzelnen Netzgebieten zeitweise ganz abgeschaltet werden. Die entsprechenden Pläne könnten aber mit hoher Wahrscheinlichkeit in der Schublade bleiben, versicherte Joswig.

Für die nächsten Jahre, in denen weiteren Atomkraftwerke stillgelegt werden, machen sich die Transnet-Oberen größere Sorgen. Denn der Ausbau der Netze, um etwa zusätzlichen Windstrom aus dem Norden in den Süden zu transportieren, verzögere sich. So fehlten im Land 90 Kilometer Höchstspannungsleitungen. Bis diese fertig sind, seien als „Brückenlösung“ neue konventionelle Kraftwerke nötig – wie viele, ließ Joswig offen. Da diese Anlagen nur zeitweise laufen würden, wären sie aber kaum wirtschaftlich zu betreiben. Dafür müsse die Politik Lösungen entwickeln. Joswig verwies an dieser Stelle auf das vom baden-württembergischen Umweltminister Franz Untersteller angeregte Modell eines Kapazitätsmarktes, bei dem Kraftwerksbetreiber eine Prämie für die Bereithaltung von Reservekapazitäten erhalten.

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