Der Wirtschaftswissenschaftler für Energie- und Klimapolitik des Instituts der deutschen Wirtschaft, Andreas Fischer erklärt, warum Deutschland trotz des voranschreitenden Ausbaus von Windkraft und Solarenergie, sein Ziel, bis 2030 mindestens 80 Prozent des Stroms durch Erneuerbare Energien zu produzieren, verfehlen könnte.
Herr Fischer, wie geht die Energiewende hierzulande voran. Liegt Deutschland im Zeitplan?
In den vergangenen Jahren sah es nicht besonders rosig aus, 2023 ging der Ausbau deutlich schneller voran, besonders bei der Solarenergie. Bei der Windenergie wird es besser, doch wir haben noch nicht das Tempo, das wir brauchen. Ob wir es erreichen, werden wir in den nächsten ein, zwei Jahren sehen.
Wo hakt es besonders?
Die Solarenergie macht mir weniger Sorgen als die Windenergie. Hier hakt es unter anderem bei der Suche nach geeigneten Flächen. Ein weiteres Problem ist die Bürokratie. Durch diese ist die Genehmigungszeit von Windrädern über die Jahre um rund 60 Prozent gestiegen. Das schreckt potenzielle Investoren ab. Bürokratische Hindernisse ergeben sich zudem beim Transport von Windradteilen.
Der Ausbau von Wind- und Sonnenenergie geht voran, aber die Erzeugung lässt sich kaum kalkulieren. Das Problem der Grundlastfähigkeit bleibt. Kann Deutschland unter diesen Umständen Industrieland bleiben?
Grundsätzlich schon. In Ergänzung zur Stromerzeugung der Erneuerbaren braucht es jedoch Kraftwerke. Derzeit werden vor allem Kohlekraftwerke betrieben. Das wird auch in den kommenden Jahren noch so sein. Die Frage ist, wie schnell man Gaskraftwerke und perspektivisch Wasserstoffkraftwerke ans Netz bekommt. Wenn diese in ausreichender Anzahl zur Verfügung stehen, kann man eine dauerhafte Stromversorgung gewährleisten. Unklar ist jedoch, was dann die Kilowattstunde Strom kosten wird.
Warum ist der Strompreis trotz des voranschreitenden Ausbaus der Erneuerbaren Energien so hoch?
Das liegt nicht unbedingt an den Erneuerbaren Energien. Im Gegenteil: Die Erneuerbaren tragen dazu bei, dass der Preis an der Börse nicht noch höher ist. Der Strompreis ist in den vergangenen Jahren durch immer mehr Abgaben und Umlagen gestiegen, auch durch höhere Netzentgelte. Hinzu kommen die hohen Brennstoffkosten fossiler Kraftwerke infolge der Energiekrise.
Das Nord-Süd-Gefälle nimmt weiter zu. Wie können die Bundesländer im Süden Deutschlands dazu gebracht werden, mehr Windräder zu bauen?
Der Bund hat unter anderem mit der Südquote in den Ausschreibungen für Windenergie probiert, Anreize für die Bundesländer im Süden zu schaffen. In diesen ist vorgesehen, dass ein schlechterer Standort eine höhere Vergütung pro Kilowattstunde bekommt als ein besserer Standort, weil das Windrad hier weniger erzeugen kann – leider ohne Erfolg. Das Problem ist: Es kann nicht der gesamte Strom von Norden nach Süden transportiert werden. Das würde auch den Netzausbau überfordern. Es braucht zusätzlich die Erzeugung vor Ort.
Wie zuversichtlich sind Sie, dass Deutschland sein Ziel erreicht, und bis 2030 mindestens 80 Prozent des Stroms durch Erneuerbare Energien produziert?
Ob das Ziel erreicht wird oder nicht, wird davon abhängen, ob die Ausbauzahlen weiter steigen werden und der Netzausbau mithalten kann. Die 80 Prozent sind jedoch nur ein relativer Wert. Wie viel Terawattstunden Strom die 80 Prozent im Jahr 2030 sind, hängt davon ab, wie schnell der Strombedarf steigt, etwa durch mehr E-Autos und Wärmepumpen. Momentan sieht es jedoch so aus, als würde der Stromverbrauch bis 2030 in einem überschaubaren Rahmen zunehmen und erst danach stark steigen.
Zur Person
Berufliches
Andreas Fischer ist Wirtschaftswissenschaftler am Institut der deutschen Wirtschaft in Köln. Seine Forschungsschwerpunkte sind Energie- und Klimapolitik. In seiner neuesten Studie nahm er den Net-Zero Industry Act der Europäischen Union unter die Lupe. Dieser ist der Teil des sogenannten Green Deals, der zum Ziel hat, dass die EU bis 2050 klimaneutral ist.