Energiewende in Baden-Württemberg Vier Gebiete für Windkraft in Stuttgart
Bisher ist das Windrad auf dem Grünen Heiner das einzige in Stuttgart. Nun sind im Zuge des Ausbaus weitere Gebiete im Gespräch. Die Stadt ist nicht bei allen überzeugt.
Bisher ist das Windrad auf dem Grünen Heiner das einzige in Stuttgart. Nun sind im Zuge des Ausbaus weitere Gebiete im Gespräch. Die Stadt ist nicht bei allen überzeugt.
Acht Jahre lang ist es ruhig geblieben um den Tauschwald, dieses beliebte Naherholungsgebiet zwischen Weilimdorf und Botnang. Damals hatten die Stadtwerke Stuttgart dort zwei Windräder bauen wollen, doch eine Bürgerinitiative lief Sturm, und der Regionalverband musterte den Standort im September 2015 mit den Stimmen von CDU, Freien Wählern und FDP aus. Jetzt ist er wieder im Spiel – jedenfalls wünscht sich die Stuttgarter Stadtverwaltung dies in ihrer Stellungnahme zum Regionalplan.
Doch der Reihe nach. Der Regionalverband überarbeitet derzeit seine Windkraftpläne, weil der Bund die Vorgabe gemacht hat, dass mindestens 1,8 Prozent der Fläche einer Region als Vorranggebiete für Windkraft ausgewiesen werden müssen. Beim jetzigen Planungsstand hat der Verband 2,6 Prozent der Fläche als möglich identifiziert.
In Stuttgart sind dies vier Standorte. Der erste mit gerade sechs Hektar ist völlig unumstritten: Es handelt sich um den Grünen Heiner, ein bestehendes Windrad nördlich von Weilimdorf an der A 81, das seit dem Jahr 2000 in Betrieb ist. Dort soll womöglich eine höhere und stärkere Anlage gebaut werden.
Der zweite namens Sandkopf liegt südlich von Weilimdorf-Wolfbusch im Wald, umfasst 41 Hektar und besteht aus zwei Teilgebieten. Die Stadtverwaltung hat den Regionalverband in ihrer Stellungnahme, die derzeit diskutiert und im Februar verschickt werden soll, aufgefordert, den kleineren östlichen Teil zu streichen. Dort sei ein Waldrefugium geplant, für das die Bewirtschaftung eingestellt werden soll. Ein Windrad passe daher dort nicht hin. Stattdessen soll die Fläche aber noch weiter östlich davon erweitert werden, und zwar eben um den Tauschwald. Eine genauere Umgrenzung nennt die Stadt nicht. Alexandra Aufmuth, die Sprecherin des Regionalverbandes, blieb auf Nachfrage skeptisch: Es sei unwahrscheinlich, dass der Tauschwald noch dazukomme. Die große Bedeutung der Fläche für den Artenschutz sei nach den Empfehlungen der Landesanstalt für Umwelt ein Ausschlusskriterium im Planungsverfahren. Die Regionalversammlung könne aber noch anders entscheiden.
Das dritte Gebiet befindet sich nördlich des Autobahnkreuzes Stuttgart, hat eine Größe von 27 Hektar und besteht ebenfalls aus zwei Flächenteilen. Stuttgart bittet den Regionalverband darum, den südlichen Teil zu streichen, weil direkt auf der anderen Autobahnseite der Eiermann-Campus liegt, wo ein großes Wohngebiet entstehen soll. Bürgermeister Peter Pätzold (Grüne) sagte jüngst im Ausschuss für Klima und Umwelt, dass diese Pläne sonst nicht umsetzbar wären – der Abstand von 800 Meter zur nächsten Wohnbebauung wäre nicht mehr gewährleistet. Auch dafür schlägt die Stadt eine Erweiterung des Gebiets nach Nordwesten vor. Die Fläche im sogenannten Esslinger Spitalwald hatte der Regionalverband in einer ersten Prüfung aber abgelehnt.
Daneben berühren auch fünf teils sehr große Flächen im Landkreis Böblingen und eine Fläche im Landkreis Ludwigsburg fast die Gemarkungsgrenze Stuttgarts. Eines davon greift sogar auf Stuttgarter Boden über. Dieser vierte Standort liegt westlich vom Katzenbacher Hof nahe der A 8. Die Stadtverwaltung hat nichts gegen dieses Gebiet, ja hatte es sogar selbst vorgeschlagen.
Vor allem zum Tauschwald gab es im genannten Ausschuss sehr unterschiedliche Ansichten. FDP-Stadtrat Matthias Oechsner sprach zunächst von einem „Niedermetzeln des Waldes“, nahm die Wortwahl später aber zurück. Er sei enttäuscht, dass die Naherholungsfunktion bei der Auswahl möglicher Standorte gar keine Rolle spiele. Die FDP lehnt den Tauschwald ebenso wie CDU, Freie Wähler und AfD ab. Dagegen betonten die anderen Fraktionen die Notwendigkeit, dass auch Stuttgart seinen Anteil am Windkraftausbau bringen müsse. Dies sah auch Bürgermeister Peter Pätzold so: „Anderswo wollen viele Bürger auch keine Windkraft. Das müssen wir uns ehrlich machen.“
Der Grünen-Fraktionschef Björn Peterhoff warb für noch mehr Standorte. So sind fünf Flächen auf dem Kappelberg bei Fellbach gestrichen worden, weil sie das Erscheinungsbild der Grabkapelle in Rotenberg zu sehr beeinträchtigen würden. Eine weitere auf der Waldebene Ost erlitt das gleiche Schicksal wegen des Fernsehturms. Peterhoff konnte es nicht nachvollziehen, warum ein Windrad den Turm verschandeln soll, obwohl in dessen Nähe der Funkturm steht, der ästhetisch nicht besonders gelungen sei.
Einen Beschluss, ob die Stellungnahme so abgegeben wird, fasst der Ausschuss für Stadtentwicklung und Technik am 6. Februar. Der Regionalverband will seinen Plan im September 2024 verabschieden. Selbst wenn alles so bliebe, hieße das nicht, dass in allen Gebieten Windräder gebaut würden. Es bräuchte zunächst einen Investor. Und bei jedem konkreten Vorhaben müssten noch etwa Naturschutzfragen geklärt werden.