Energiewende In Böblingen steht das vielleicht ökologischste Mehrfamilienhaus des Landes

Eine Brennstoffzelle für die Stromerzeugung liefert einen entscheidenden Beitrag dafür, dass Ralf Sklarskis Mehrfamilienhaus energiesparend ist. Foto: factum/Simon Granville
Eine Brennstoffzelle für die Stromerzeugung liefert einen entscheidenden Beitrag dafür, dass Ralf Sklarskis Mehrfamilienhaus energiesparend ist. Foto: factum/Simon Granville

Mehrfamilienhäuser gelten nicht als Vorreiter in Sachen Klimaschutz. Der Bauunternehmer Ralf Sklarski hat aber eines gebaut, das auf jeden Fall eins ist. Dank moderner Technik im Keller und auf dem Dach spart er täglich 50 Kilogramm CO2 ein.

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Böblingen - Am Oberen See in der Böblinger Innenstadt steht ein Haus, auf dem viele Klima-Hoffnungen ruhen. Das „Haus am See“, wie der Besitzer Ralf Sklarski das Mehrfamilienhaus genannt hat, ist kein Gebäude, das sich versteckt. Die Silhouette mit den asymmetrischen Ecken könnte auch die eines Museums sein. An der Fassade hängt ein riesiges Plakat vom Stadtsee. „Damit die Leute dahinter weiter den Seeblick genießen“, sagt Sklarski schmunzelnd. Vor wenigen Monaten hat er als Bauherr und Besitzer einer Baufirma das Haus in eine Lücke „reingepfriemelt“, wie er sagt und den Nachbarn den Blick auf den See verdorben. Statt Wasser sehen sie nun das Plakat und das vielleicht energiesparendste Mehrfamilienhaus der Republik.

Nicht Steaks auf dem Teller oder Stadtfahrten mit einem SUV sind die größten Klimakiller, sondern die eigenen vier Wände. Das zeigen Studien – etwa des Umweltbundesamtes – seit Jahren. Mehr als ein Drittel aller Kohlendioxid-Emissionen der Haushalte in Deutschland sind Gebäuden zuzurechnen, also vor allem der Heizung und dem Warmwasser. Warum die Energiewende auf der Stelle tritt, zeigt sich besonders im Wohnsektor. Ob die Wende gelingt, könnte mit Häusern wie dem von Ralf Sklarski zusammenhängen.

Eine Brennstoffzelle erzeugt die Energie

Im Keller zeigt der 49-Jährige Geräte, die wie große Kühlschränke nebeneinanderstehen. Hier werden die Energie erzeugt und das Wasser erwärmt. Kabel und Rohre sind an den Geräten angeschlossen und verteilen Strom und Wasser auf die acht Parteien im Haus. Den größten Anteil erledigt eine Solitärbrennstoffzelle. In ihrem Inneren lässt sie Sauer- mit Wasserstoff reagieren und erzeugt als Abfallprodukt Energie. 18 Kilowattstunden Strom werden so täglich erzeugt. Das alleine reicht für den Bedarf von zwei Familien. „Das Gerät hat richtig Wumms“, sagt Sklarski.

Dazu kommt Strom von Solarpenals auf 300 Quadratmetern Dachfläche. Sollte die Sonne für einige Tage verdeckt sein oder die Brennstoffzelle ausfallen, springt binnen Sekunden eine Gasthermeheizung ein. Drei Viertel der benötigten Energie entstehen so im Haus selbst. Was die Bewohner nicht verbrauchen, fließt in einen Batteriespeicher. Der überschüssige Strom geht in die allgemeine Versorgung.

Doch Energieerzeugung ohne Dämmung ist wie ein Fass ohne Boden. Auch hier zeigt das Haus, was mittlerweile möglich ist: Mit dem Fahrstuhl fährt Sklarski hinauf ins oberste Stockwerk des Gebäudes, wo er mit seiner Familie wohnt. Die Wohnung ist hell, vom Wohnzimmer aus reicht der Blick bis zum Park hinter dem See. Die Fenster sind mit 14 Zentimeter dicken Holzrahmen versehen, die Fassade ist mit Mineralfasern bedeckt. „Die Dämmung ist stark, nach zwei Wochen ohne Luftaustausch würde man ersticken“, sagt Sklarski. Damit das nicht passiert, lässt eine Lüftungsanlage frischen Sauerstoff mit verbrauchter Luft zirkulieren.

Nur billig, billig, billig geht nicht

„Mit gerade einmal 14 Kilowattstunden pro Quadratmeter und Jahr leistet das Gebäude einen wichtigen Beitrag zum Klimaschutz“, sagte der Landes-Umweltminister Franz Untersteller (Grüne) vor wenigen Wochen und überreichte Ralf Sklarski für sein innovatives Gebäude die Auszeichnung „Ort voller Energie“. Seitdem gewinnt das Haus einen Preis nach dem anderen. Zuletzt wurde es als eines der acht „Klimahäuser“ im Kreis Böblingen prämiert.

„Mir geht es nicht um billig, billig, billig. Ich bin technikaffin und versuche, möglichst nachhaltig zu bauen“, sagt Ralf Sklarski. Günstig ist das Haus dadurch nicht – besonders teuer allerdings auch nicht. Etwa zwölf Euro pro Quadratmeter bezahlen seine Mieter, sagt der Eigentümer – nur wenige Cent über dem Mietspiegel der Stadt. Auf etwa zehn Prozent Mehrkosten schätzt der Bauherr die Zusatzelemente, die aus dem Gebäude eine nachhaltige Wohnlösung machen.

Ein Grund für den vergleichsweise geringen Preis sind die Subventionen, die es schon heute gibt. Und nachdem die Bundesregierung am Freitag ihr Klimapaket geschnürt hat, sollen sie weiter aufgestockt werden. Knapp 10 000 Euro Förderung bekam Sklarski von der bundeseigenen KfW-Bank für die Brennstoffzelle im Keller. Das ist ein Drittel dessen, was die Anlage kostet. In Zukunft sollen auch Solaranlagen wieder gefördert werden.

Nach zehn oder 15 Jahren seien die Mehrkosten für die Heizanlagen und die Dämmung wieder drin, sagt Sklarski. Solche Investitionen rechneten sich immer. „Wenn ich zusätzlich weiß, dass ich dadurch CO2 einspare, kann ich mir doch auf die Schulter klopfen“, sagt er. An einem Tag mit durchschnittlicher Sonneneinstrahlung spart das Haus 50 Kilogramm CO2 ein. Das sind 18 Tonnen im Jahr.




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