InterviewEnergiewende in Stuttgart „Wir sind stark in Verzug“

Stuttgart muss auch die  Fotovoltaik stärken, um die Energieziele zu erreichen – im Bild ist die Solaranlage auf der Rathausgarage zu sehen. Foto: Achim Zweygarth
Stuttgart muss auch die Fotovoltaik stärken, um die Energieziele zu erreichen – im Bild ist die Solaranlage auf der Rathausgarage zu sehen. Foto: Achim Zweygarth

Der Experte Joachim Nitsch sieht im Stuttgarter Energiekonzept, das OB Fritz Kuhn vor kurzem vorgestellt hat, gute Ansätze. Doch die Zeit dränge, die angestrebten Ziele umzusetzen.

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Stuttgart – - Der Stuttgarter Ingenieur Joachim Nitsch hat für Land und Bund Energiekonzepte und Leitstudien mit erarbeitet. Für seine Heimatstadt Stuttgart wünscht er sich, dass die Energiewende endlich angepackt werde: Das neue Konzept von OB Kuhn sei eine gute Bestandsaufnahme – im nächsten halben Jahr müsse aber klar werden, welche Maßnahmen konkret angepackt würden. Sonst seien die Ziele bis 2020 nicht erreichbar.
Herr Nitsch, das Energiekonzept von OB Fritz Kuhn hat einige Kritik einstecken müssen. Wie sieht Ihre erste Einschätzung aus?
Viele Bürger haben vermutlich die Erwartungen zu hoch angesetzt und waren dann enttäuscht. Ich persönlich finde diesen ersten Entwurf durchaus gelungen. Es enthält alle wichtigen Elemente, die zu einem Einstieg in ein Energiekonzept gehören, wie eine detaillierte Bestandsaufnahme, konkrete Ziele bis 2020 und die Auflistung der wesentlichen Maßnahmen. Aber es ist dennoch kein vollständiges Energiekonzept.
Was fehlt?
Es fehlen die konkreten Einzelvorgaben. Man muss zum Beispiel sagen, wie viele Blockheizkraftwerke in Stuttgart bis 2020 gebaut werden müssen, damit die vereinbarte Menge an CO2 eingespart wird. Jetzt hat Stuttgart etwa 200 – ich schätze, es müssen jährlich mindestens 30 hinzukommen. Das ist nicht wenig. Man muss die Quartiere festlegen, wo solche Anlagen installiert werden. Oder man muss vorgeben, wie viele Gebäude saniert werden müssen. Das alles fehlt noch. Nur bei den stadteigenen Gebäuden wurde dies einigermaßen detailliert gemacht. Aber selbst da hätte die Stadt vorgeben können, wir sanieren die Schule XY und das Krankenhaus Z, und da spart man so viel Energie ein, und dafür müssen wir so viel Geld investieren.
In anderen Energiekonzepten sind die notwendigen Maßnahmen also fast gebäudescharf dargestellt?
Das ist der Idealzustand. Zum Beispiel hat der regionale Energieversorger in Offenburg ein Wärmekataster erstellt. Die Stadt oder die Stadtwerke empfehlen dann, welche Maßnahmen umgesetzt werden, damit die vorgegebene Einsparung erreicht wird. Es ist ja nicht mehr viel Zeit bis 2020; die angestrebte Einsparung von insgesamt 1300 Gigawattstunden bis 2020 in Stuttgart ist eine sehr ehrgeizige Aufgabe. Da kann man nicht sagen, wir haben Ziele, aber dann lassen wir es mal laufen.
Schwerpunkte im Stuttgarter Energiekonzept sind die Sanierung von Gebäuden, der Ausbau der erneuerbaren Energien, vor allem der Fotovoltaik, sowie der Bau von Blockheizkraftwerken. Sind das die richtigen Kernpunkte?
Das geht in die richtige Richtung, darauf lässt sich aufbauen. Auch ist erkannt worden, dass Quartierskonzepte notwendig sind. Aber da muss noch Substanz dahinter.
Können Sie im Konzept erkennen, wer in Stuttgart bei der Energiewende künftig den Hut aufhaben soll?
Nein. Der Entwurf wurde wohl hauptsächlich vom Amt für Umweltschutz erstellt, und zwar in guter und solider Weise. Aber es bleibt unklar, ob dieses Amt weiter die Federführung und auch beim Contracting und bei den Gesprächen mit Investoren das Sagen hat. Oder machen das die Stadtwerke? Oder machen es beide – und wer koordiniert dann? Das sind alles offene Fragen.
OB Kuhn hat bewusst gesagt, es handele sich um ein unfertiges Konzept, damit die Bürger und viele Beteiligte nun ihre Vorschläge einbringen können.
Der Ansatz ist gut, dass die Stadt ein halbes Jahr lang alle Meinungen und Absichtserklärungen von Hausbesitzern oder größeren Investoren sammelt. Dennoch hätte man zum Beispiel jetzt schon für den Bereich der Sanierung von Gebäuden sagen können, wie die Stadt auf die Hausbesitzer zugehen will, welche Unterstützung sie bietet und inwieweit sie sich finanziell engagiert. Aber das kann alles noch kommen. Insofern ist meine Bewertung des Konzepts durchaus positiv – aber eben nur für diesen ersten Schritt.
Wie müsste diese Beteiligung aussehen?
Im nächsten halben Jahr muss das Konzept gut durchstrukturiert werden, und man muss die Bürger hinter sich bringen. Vielleicht müsste die Stadt auch eine Taskforce einrichten, deren Mitglieder ganz gezielt Workshops anbieten und die den interessierten Bürgern und dem interessierten Gewerbe zur Hand gehen. Und die hoffentlich vielen Vorschläge müssen eingeordnet werden, damit daraus ein gut durchstrukturiertes Konzept entsteht. Wenn man jetzt die Bürger beteiligt, wird vielleicht auch vielen erst klar, welche Anstrengungen uns da bevorstehen – das wird keine leichte Aufgabe.
Sie sagen, die Ziele für 2020 sind ehrgeizig. Sind sie überhaupt noch zu schaffen?
Wir sind in Stuttgart im Verzug – das gilt aber auch für ganz Deutschland. Von 1990 bis 2012 ging der Energieverbrauch auch in Stuttgart zurück. Es sieht auf den ersten Blick also so aus, als könnte man die Einsparziele bis 2020 noch schaffen. Das muss im Einzelnen genau bilanziert und regelmäßig überprüft werden. Es wäre jedenfalls fatal, wenn man die Ziele nennt und diese dann verfehlt werden. Jetzt muss man auf Erfolgskurs gehen.




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