Energiewende Vattenfall trennt sich von der Braunkohle

Wasserdampf steigt aus den Kühltürmen des Braunkohlekraftwerkes der Vattenfall AG in Jänschwalde (Brandenburg) auf. Der schwedische Energiekonzern will die umweltschädlichen  Meiler abgeben.   Foto: dpa
Wasserdampf steigt aus den Kühltürmen des Braunkohlekraftwerkes der Vattenfall AG in Jänschwalde (Brandenburg) auf. Der schwedische Energiekonzern will die umweltschädlichen Meiler abgeben.   Foto: dpa

Ein tschechischer Investor soll dem schwedischen Energieriesen Vattenfall die umweltschädlichen Braunkohle-Kraftwerke und Tagebaue abnehmen.

Korrespondenten: Thomas Wüpper (wüp)
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Stuttgart - N

ach einem 18 Monate dauernden Verkaufsprozess will Vattenfall-Chef Magnus Hall nun endlich einen Schlussstrich bei der Braunkohle ziehen. Am Sonntag tagt der Aufsichtsrat des schwedischen Staatskonzerns, am Tag darauf treffen sich die Kontrolleure der deutschen Tochter Vattenfall GmbH in Berlin. Dann soll beschlossen werden, was schon vor einer Woche durchgesickert ist: Der expansive tschechische Investor EPH soll die ostdeutschen Kraftwerke und Tagebaue übernehmen, die noch rund 8000 Menschen beschäftigen.

Die beteiligten Unternehmen schweigen dazu, umso mehr brodelt seit Monaten die Gerüchteküche. Denn es geht um ein heikles politisches Geschäft mit vielen Risiken und sehr unterschiedlichen Interessen. Da ist zunächst Vattenfall. Der Konzern will raus aus der schmutzigen Braunkohle, die den Schweden viele Jahre hohe Profite brachte. Nach der Jahrtausendwende hatte Vattenfall dazu den ostdeutschen Braunkohle-Verstromer Veag und die Tagebaue der Laubag in der Lausitz übernommen, ebenso die Stadtwerke Bewag und HEW in Berlin und Hamburg.

Verlustgeschäft für Vattenfall

So stiegen die Schweden zum vierten Energieriesen in Deutschland neben Eon, RWE und EnBW auf. Doch die fetten Jahre sind vorbei. Mit dem „braunen Gold“ ist kaum noch Geld zu verdienen, seit alternative Energien massiv ausgebaut werden und die Strompreise an den Börsen wegen großer Überkapazitäten tief gestürzt sind. Rund 1,5 Milliarden Euro wurden bereits auf die Kohlesparte abgeschrieben, die Magnus Hall endlich loswerden will, zumal der schwedische Staat seit langem auf den Konzernumbau hin zu mehr Nachhaltigkeit dringt.

Der Verkauf wird ein weiteres Verlustgeschäft für Vattenfall werden. Noch stehen Kraftwerke und Tagebaue mit Milliardenwerten in der Bilanz, doch so viel will kein Investor zahlen. Denn das Ende der Braunkohle naht, weil Förderung und Verstromung extrem umweltschädlich sind. Die Vattenfall-Kraftwerke gehören seit Jahrzehnten zu den größten Schadstofferzeugern in ganz Europa, die Tagebaue in den Kohlerevieren zerstören Landschaften und die Heimat vieler tausend Menschen.

Umso mehr fragen sich Experten, was eigentlich der tschechische Investor EPH plant, der die Braunkohlesparte nun zu einem vermutlich geringen Kaufpreis übernehmen wird. Der Chef dieser Prager Energieholding, Daniel Kretinsky, erklärte bereits, man werde erst einmal Geld verbrennen und keine Dividende zahlen können. Hinter EPH stehen der Finanzinvestor J&T sowie der angeblich reichste Tscheche Petr Kellner.

Für Kritiker agiert EPH wie eine Heuschrecke

Für Kritiker agiert EPH wie eine Heuschrecke. In wenigen Jahren wurden laut Medienberichten meist kreditfinanziert und billig Kraftwerke in der Slowakei, Ungarn und zuletzt von RWE in England übernommen. Auch in Ostdeutschland ist EPH bereits aktiv: Der zweite Kohleförderer Mibrag mit Tagebauen in Sachsen und Sachsen-Anhalt gehört seit einigen Jahren ebenfalls zum Portfolio der Prager. Experten vermuten, dass Kretinsky womöglich spekuliert, dass Kohlestrom wieder Gewinn bringen könnte, wenn der Atomausstieg vollzogen ist und die Produktionskapazitäten schrumpfen. Klar ist, dass nach derzeitiger Rechtslage die Kohlemeiler in der Lausitz noch bis mindestens 2040 weiterlaufen können und die Tagebaue erst dann erschöpft sein werden. Mit der Erschließung weiterer Gruben wäre sogar ein Betrieb bis 2050 möglich. Dann würden noch weitere Landstriche abgebaggert und in Mondlandschaften verwandelt.

Das ist für Umweltschützer eine Horrorvorstellung. Die Bundesregierung hat die Braunkohle zwar inzwischen zur „Brückentechnologie“ erklärt, lässt deren konkretes Ende aber weiterhin offen. Wirtschaftsminister Gabriel (SPD) konnte gegen die Kohlelobby nur die Schließung einiger alter Kraftwerke durchsetzen, deren Abschaltung sich die Stromerzeuger teuer bezahlen lassen. Darauf könnte auch EPH spekulieren, vermuten Beobachter. Motto: Wenn für besseren Klimaschutz die Braunkohlewirtschaft zeitnah beendet werden soll, müssen Politik und Bürger die Unternehmen entschädigen.

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