Der Belarusse Alexander Ruchlja hat mit schwäbischer Hilfe ein Erholungszentrum für die Kinder von Tschernobyl aufgebaut. Doch nun die Spendenbereitschaft ab, auch weil der Präsident Lukaschenko ein neues Atomkraftwerk bauen lässt.

Strohgäu: Annegret Jacobs (jac)

Komm rein, komm rein! Die Schuhe kannst du anlassen. Geh gleich ins Wohnzimmer durch.“ Alexander Ruchlja wedelt ungeduldig mit den Händen und dirigiert den Besuch durch den Vorbau seiner Datscha. Nur keine lange Begrüßung, sondern schnell in die gute Stube, wo der Ofen wärmt und vergessen lässt, dass es draußen minus zehn Grad kalt ist und ein ruppiger Wind ums Haus fegt. Ruchlja hustet, als er die Tür hinter sich schließt.

Vor Kurzem war Alexander Ruchlja in Ludwigsburg, bei seinen Bekannten Erne und Martin Rostan. In der Regel zwei Mal im Jahr ist Ruchlja dort zu Besuch. In diesem Dezember sei es in Deutschland so warm gewesen, dass die Viren ungehindert alles und jeden in Beschlag hätten nehmen können, schimpft er: „Warum gibt es bei euch denn keinen anständigen Frost?“ Hier, im belarussischen Dörfchen Sosenka – zu Deutsch: kleine Fichte – im Nordwesten des Landes, gibt es noch strenge Winter. Wenn sein Husten auskuriert ist, wird Ruchlja erst einmal auf dem See vor seiner Haustür Eisangeln gehen. „Wärst du vor drei Wochen gekommen, hätte es Zander gegeben, von mir gefangen und geräuchert“, sagt er.

Alexander Nikolajewitsch Ruchlja, 64 Jahre alt, hat in seinem Berufsleben viele unterschiedliche Erfahrungen gesammelt: Er hat als Strahlenchemiker geforscht, war stellvertretender belarussischer Botschafter in Bonn und Dolmetscher der belarussischen Fußball-Nationalmannschaft unter dessen deutschem Trainer Bernd Stange. Ruchlja ist auf offiziellen Mannschaftsfotos zu sehen, auf denen er mit den Kickern posiert. Ob er noch Kontakt zu Aljaksandr Hleb habe, dem ehemaligen VfB-Profi und Kapitän der belarussischen Nationalmannschaft? „Natürlich!“, antwortet Ruchlja und lenkt vom Fußball weg: „Du isst doch Pilze, oder? Ich gare sie nur kurz, weil sonst unerwünschte Stoffe entstehen.“ Über diesen Zusammenhang habe er 1979 einen Artikel in der Zeitung „Chemie für alle“ veröffentlicht. Aber das nur am Rande.

500 Kilometer von der Reaktorruine entfernt

Kommen wir zum Thema, das Ruchlja viel mehr umtreibt: Die radioaktive Strahlung sei in Belarus immer noch gesundheitsgefährdend, erzählt er. Nicht hier, im Nordwesten des Landes, aber als 500 Kilometer weiter südöstlich, an der Grenze zur Ukraine, in der Nähe der Reaktorruine von Tschernobyl.

Als es in dem Atomkraftwerk 1986 zum Super-GAU kommt, treibt der Wind die radioaktive Wolke Richtung Nordwesten. Mehr als 70 Prozent des Fallouts gehen über der belarussischen Sowjetrepublik nieder, über dem Territorium der heutigen Republik Belarus. Ruchlja ist promovierter Strahlenchemiker. Ende der 80er-Jahre, als die politische Führung der Sowjetunion die Ausmaße der Katastrophe nicht mehr geheim halten kann, gehört er zu den Forschern, die die ersten Bodenproben nehmen. Er und sein Team von der Chemiefakultät der Universität Minsk erstellen Karten, auf denen sie die Verstrahlung dokumentieren.

In dieser Zeit wird Alexander Ruchlja Mitglied der oppositionellen Belarussischen Ökologischen Union, wo er die Abteilung für Tschernobylprobleme leitet, und Vorsitzender des belarussischen Friedenskomitees, einer weiteren Initiative, die sich in den Jahren des Umbruchs bildet. In diesen Funktionen reist Ruchlja noch vor dem Zusammenbruch der UdSSR mehrfach in die Region Stuttgart. Auf deutsch-sowjetischen Freundschaftstreffen kommt Ruchlja in Kontakt mit dem Verein Männerarbeit der evangelischen Kirche in Deutschland, darunter sind auch einige Mitglieder aus Württemberg. Gemeinsam beschließt man, in Belarus ein Sanatorium für die Kinder zu gründen, die von der Tschernobylkatastrophe besonders betroffen sind.

Der Strahlenchemiker Alexander Ruchlja, dessen pädagogische Kompetenz sich bislang in der Erziehung seiner eigenen Kinder erschöpft hat, kauft als Vizepräsident des neugegründeten Vereins „Leben nach Tschernobyl“ im Nordwesten der Republik, mitten im Wald und an einem See gelegen, ein unrentables Ferienheim der Universität Minsk. Nach mehreren Anläufen findet er schließlich auch einen Geschäftsführer, der den Aufbau und den Betrieb des Kindererholungsheims mit dem Namen „Nadeshda“ – auf Deutsch: Hoffnung – leiten kann: den studierten Forsttechniker Wjatscheslaw Makuschinski.

Der Strahlenchemiker und der Forsttechniker

Dieser ist gerade einmal 30 Jahre alt, hat aber bereits viel Erfahrung in einer kommunistischen Jugendorganisation gesammelt. Eine wichtige Eigenschaft des jungen Mannes: Er führt die Papiere so pedantisch und transparent, wie es die Geldgeber aus Deutschland lieben. „Ein Strahlenchemiker und ein Forsttechniker bauen ein Kindersanatorium auf!“ Wie oft hat Ruchlja dieses Paradoxon schon vor Publikum zum Besten gegeben. Die kuriose Paarung fasziniert ihn selbst bis heute.

Es ist nicht leicht, ein Kindersanatorium in einem Land wie Belarus zu leiten. Denn die Behörden der postsowjetischen Republik haben genaue Vorstellungen davon, welche Vorschriften eingehalten werden müssen. Im Zweifelsfall gilt: Wenn die Vorschriften nicht zu den Umständen passen, müssen sich die Umstände ändern. 91 Prozent der Kosten trägt der belarussische Staat, das restliche Geld kommt von Spendern aus Deutschland, Österreich, Japan und Großbritannien – also aus dem Westen. Ein Grund mehr für die lokalen Behörden, mit Argusaugen zu prüfen, welche Summen zu welchen Zwecken fließen. Es gebe Vorgaben, die irrwitzig seien, sagt Ruchlja, aber man erfülle sie: „Alles andere führt dazu, dass wir überhaupt nicht arbeiten können.“

Wer in Belarus etwas verändern wolle, müsse mit den Beamten vor Ort kooperieren. Gerade zu Beginn hätten die deutschen Partner dies nicht verstanden, sagt Alexander Ruchlja. Eine diplomatische Untertreibung dafür, dass der Geschäftsführer Wjatscheslaw Makuschinski mehr als einmal mit der Kündigung drohte. Weil er sich zermahlen sah zwischen den Auflagen belarussischer Behörden und den Erwartungen der deutschen Spender.

Vorbild für Fukushima

Im September 2014 feiert Nadeshda 20-jähriges Bestehen. Es ist ein rauschendes Fest, mit Reden, Gesang, Tanz, Wodka und Toasts auf die Freundschaft. Auch die Unterstützer vom Männerwerk in Stuttgart, die sich jetzt Verein „Freunde der Kinder von Tschernobyl Württemberg“ nennen, sind dabei und hängen ein Plakat auf: Mehr als 450 000 Euro haben sie bereits an Spenden für Nadeshda gesammelt. Stolz verkündeten Ruchlja und Makuschinksi der internationalen Geburtstagsgesellschaft, dass sogar Sozialpädagogen aus Japan gekommen seien, um die Arbeit in dem Sanatorium Nadeshda als Vorbild für ein Projekt in Fukushima zu studieren. Es gibt lauten Beifall für das Erfolgsmodell.

Keine drei Monate später, während des Besuchs im Dezember in Ludwigsburg, erfahren Alexander Ruchlja und Wjatscheslaw Makuschinski, dass die Spenden zurückgehen: Die Katastrophe von Tschernobyl verschwindet zunehmend aus dem Bewusstsein der Leute. Hinzu kommt der Krieg im Osten der Ukraine: Viele setzen Belarus mit Russland gleich. In Deutschland tut man sich zurzeit schwer damit, Geld in eine Region zu spenden, die unter starkem russischen Einfluss steht. Außerdem gibt es ein Glaubwürdigkeitsproblem: Der belarussische Staat baut mit Unterstützung russischer Investoren an der Grenze zu Litauen selbst ein Atomkraftwerk, pikanterweise kaum mehr als 80 Kilometer Luftlinie von dem Kindererholungszentrum entfernt.

Atomenergie sei eine sichere Technik – das ist im Belarus des mächtigen Präsidenten Alexander Lukaschenko die offizielle Sicht der Dinge. In der Anlage der neuen Generation könnten Gefahren wie menschliches Versagen ausgeschlossen werden. „Es ist ein schwieriges Thema“, sagt Alexander Ruchlja.

Der Staat ist in argen Finanznöten

Einerseits unterstützt der belarussische Staat die Menschen in den südöstlichen Landesteilen, die am stärksten von der Katastrophe in Tschernobyl betroffen sind. Deswegen zahlt er allen dort beheimateten Kindern einmal im Jahr einen Aufenthalt im Sanatorium. Andererseits ist die Unterstützung der Opfer eine schlechte Werbung für das neue Kernkraftwerk. Pläne der Regierung, die Zuschüsse für das Kindersanatorium zu kürzen, sind zwar inzwischen wieder verworfen worden. Jetzt aber ist Russland, der größte Finanzier des belarussischen Staates, in argen Finanznöten und damit auch Belarus selbst.

Genug geredet, Alexander Ruchlja muss wegen seiner hartnäckigen Erkältung zu einem Arzt. Er zieht eine Mütze auf und wickelt sich einen dicken Schal um den Hals. „Wunderschön, oder?“, krächzt er auf der Fahrt über die winterlichen Straßen und deutet auf die schneebepuderten Wälder. Hat er selbst nie daran gedacht, alles hinzuschmeißen? „Was denn?“, fragt er und tut so, als verstünde er nicht, was die Besucherin meint. Ruchlja will sich nicht mit dem Gedanken beschäftigen, dass es Nadeshda eines Tages nicht mehr geben könnte.

Er lenkt seinen Wagen über den Damm, der über einen zugefrorenen See führt. Links und rechts stehen Männer an Löchern im Eis und angeln. Wieder schüttelt Alexander Ruchlja ein Hustenreiz durch. Er räuspert sich. „Nächste Woche angle ich auch wieder“, sagt er. Es wird schon gehen. Irgendwie.

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