Engagiertes Pflegeheim in Korntal-Münchingen Das Malen lässt die Augen von Demenzkranken erstrahlen

Mit Papier und Farben bringt die Weissacher Kunstgeragogin Dorothea Wiggenhauser Demenzpatienten zusammen. Foto: Simon Granville

Im Spitalhof in Korntal-Münchingen gibt es ein neues Kunstprojekt für demenzkranke Bewohner. Ohne den wachsenden Förderverein und die 45 Ehrenamtlichen wäre im Seniorenzentrum vieles nicht möglich.

Leonberg: Stefanie Köhler (koe)

Dorothea Wiggenhauser geht langsam um den Tisch herum. Sie guckt, lobt, gibt Tipps, stellt Fragen. Manche Frauen und Männer, die gerade malen, tun dies konzentriert weiter, andere schauen auf, lächeln. Es ist recht ruhig am Tisch im Spitalhof in Münchingen, an dem sich einmal im Monat demenzkranke Bewohner zum Malen treffen. „Kunst und Demenz“ heißt das neue Projekt in dem Pflegeheim.

 

Hierfür hat die Einrichtung mit Dorothea Wiggenhauser eine Expertin geholt. „Es geht um das Erleben mit Farbe und Kunst, darum, sich mit dem Material auseinanderzusetzen, es anzufassen, zu fühlen und sich und dem eigenen Gefühl Ausdruck zu geben“, sagt die Kunstgeragogin. Sie spüre oft die Freude der Bewohner über das entstandene Werk – und ihre Neugier, was der Sitznachbar denn treibt. „Die Augen werden wacher und beginnen zu strahlen“, beobachtet Dorothea Wiggenhauser. Und auch, dass Gemeinschaftswerke entstehen, weil die Bewohner zusammen malen. „Sie kommen in eine Beziehung zueinander und ins Gespräch“, sagt die Weissacherin.

Die sinnliche Wahrnehmung bleibt

Die Heimleiterin Patricia O’Rourke ist froh, das professionell begleitete Projekt in ihrem Haus zu haben. „Kunst im Demenzbereich ist sehr wertvoll“, sagt sie. Die Teilnehmenden würden aktiviert und angeregt, und sonst eher ruhige Bewohner würden wieder anfangen zu sprechen. Laut O’Rourke brauchen demenzkranke Menschen andere Angebote als nicht demenzkranke: Die Sinne stehen im Fokus. Die geistigen Fähigkeiten verschwinden, wohingegen die sinnliche Wahrnehmung bleibt. Über die Anregung der Sinne werden Menschen mit Demenz erreicht. Auch im Spitalhof, wo 22 der 66 Heimbewohner von der Krankheit betroffen sind.

Der Spitalhof ist bekannt in der Stadt und eine Einrichtung der besonderen Art. Viele Angebote für die Bewohner sind im Pflegesatz nicht enthalten. Das Projekt „Kunst und Demenz“ gehört dazu. Rund 150 Euro kostet jeder Malkurs. Es war der Förderverein mit den etwa 270 Mitgliedern, der die Bürgerstiftung um eine Finanzspritze gebeten hat. Zu den 1500 Euro kommen private Spenden, sodass das Projekt zwei Jahre lang geht. „Wir haben einen tollen Förderverein, ohne den vieles nicht möglich wäre“, sagt die Heimleiterin. Sie meint damit auch den im Mai 2022 eingeweihten Sinnes- und Bibelgarten, ein Ort der Begegnung für alle. Inge Krieg vom Förderverein sagt, dieser habe Zulauf und sei wie der Spitalhof in der Öffentlichkeit sehr präsent, etwa durch Veranstaltungen. Die Gemeinde werde reingeholt. So wächst die Zahl der Vereinsmitglieder – und der Pool an Ehrenamtlichen im Spitalhof. 45 stehen den rund 70 Angestellten zur Seite. Viele haben oder hatten Angehörige im Pflegeheim und fühlen sich ihm verbunden. Ihr würden unter anderem die Angebote und der vielseitige Einsatz der Ehrenamtlichen gefallen, meint Inge Krieg.

„Wir gehen mit gutem Beispiel voran“, sagt die Chefin

Die Betreuungskraft Annett Calvano sagt, das Interesse am Spitalhof sei groß. „Unser umfangreiches Spektrum an Angeboten zieht an. Was wir drin tun und leben, dringt nach außen.“ Annett Calvano berichtet von einem großen Miteinander, flachen Hierarchien, transparenter Kommunikation und Offenheit. Die Angestellten würden übergreifend arbeiten. „Es klappt nur, wenn wir uns als großes Ganzes sehen“, sagt Patricia O’Rourke. Sie leitet den Spitalhof seit der Eröffnung im Jahr 2006. Trotzdem, von Vorzeigeeinrichtung mag sie nicht sprechen. Die Chefin formuliert es so: „Wir gehen mit gutem Beispiel voran.“ Denn der Pflegenotstand mache auch dem Spitalhof zu schaffen. „Wir haben nicht mehr Personal als andere Einrichtungen“, betont Patricia O’Rourke. Die drei offenen Stellen würden über Zeitarbeit besetzt. Lieber frage sie sich immer, was ihr Team bewirken könne.

Neben der Kunst spielt die Musik eine große Rolle. Es gibt Aromatherapie, Kochen und Backen, Gartenpflege – alles Türöffner in die ganz eigene Welt der Demenzkranken. Lieder wecken ebenso Erinnerungen wie Bilder oder Gerüche und führen zu positiven Gefühlen. „Wir betreten den Raum der Menschen, motivieren sie und versuchen Isolation zu verhindern“, sagt Annett Calvano. Die Bewohner kämen oft sehr unruhig und verwirrt im Spitalhof an. „Es ist toll, wie sich das verändert.“ Sie sei erstaunt, wie textsicher beim Singen demente Menschen auf einmal sind. Im Prinzip helfe schon bloßes Mitwippen, sagt Ute Mannsdörfer, die die soziale Betreuung leitet. „Das entspannt die Menschen, die Atmung wird gleichmäßiger, Erinnerungen werden angeregt.“

Pflegeheim ist die letzte Heimat

Ohne Regelmäßigkeit und Konstanz geht es nicht, darin sind sich die Mitarbeitenden einig. „Wir müssen da sein, wo die Leute uns brauchen“, sagt Annett Calvano. Die Bewohner hätten Interessen, Anforderungen. Diese wahrzunehmen, sei wichtig. „Wir müssen auf die Persönlichkeit eingehen“, sagt Ute Mannsdörfer. Es sei eine Frage des Blickwinkels: „Schaue ich auf die Defizite oder darauf, was noch geht?“ Annett Calvano ergänzt, im Spitalhof schreibe man eine ganzheitliche Betrachtung groß. Gesundbleiben und -werden stehe im Vordergrund. Zumal das Heim die letzte Heimat der Bewohner ist. „Sie müssen sich wohlfühlen. Wir müssen sie gut und würdevoll begleiten. Wir müssen sie annehmen, wie sie sind“, sagt Patricia O’Rourke.

Unterschiedlicher Umfang der Beschäftigungs- und Betreuungsleistungen

Kein Mindeststandard
 Die Heimaufsicht obliegt im Kreis Ludwigsburg dem Landratsamt. Nach dem elften Sozialgesetzbuch hätten alle Pflegebedürftigen in teil- und vollstationären Einrichtungen einen Anspruch auf Maßnahmen der zusätzlichen Betreuung und Aktivierung, teilt die Sprecherin Franziska Schuster mit. „Pro 20 Bewohnerinnen und Bewohnern braucht es eine zusätzliche Betreuungskraft.“ Die Finanzierung der Angebote sei im Pflegesatz enthalten. Ein Mindeststandard sei nicht festgelegt. „Aber alle Einrichtungen im Kreis bieten Aktivierungs-, Beschäftigungs- und Betreuungsleistungen an.“ Jedoch in unterschiedlichem Umfang. „Der Spitalhof legt Wert auf ein vielfältiges Angebot“, bekräftigt Franziska Schuster.

Keine Einheitlichkeit Die Angebote und Betreuungen unterscheiden sich in den einzelnen Einrichtungen. Sie orientieren sich laut Schuster an den Erwartungen, Wünschen, Fähigkeiten und Befindlichkeiten der Pflegebedürftigen unter Berücksichtigung ihrer jeweiligen Biografie. Zudem würden die Bedürfnisse von Menschen mit Demenz gesondert berücksichtigt. Zusätzlich böten einige Einrichtungen weitere Angebote an, unterstützt durch Ehrenamtliche oder bürgerschaftlich Engagierte. Umfang und Ausgestaltung würden von der Gemeinde, Einbindung ins Gemeinwesen und dem Engagement sowie der Anzahl der ehrenamtlichen Unterstützer abhängen.

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