Gegen Stress Warum uns schon ein bisschen Natur gesünder macht

Mancherorts gibt es Natur bereits auf Rezept. Foto: imago/Action Pictures

Schon ein Bild von Wiesen und Bäumen macht uns ruhiger, und Klinikpatienten mit Blick ins Grüne genesen schneller: Die positive Wirkung von Natur auf die Gesundheit ist vielfach bewiesen. Aber nicht alle Menschen profitieren gleich stark davon.

Psychologie/Partnerschaft: Florian Gann (fga)

Ein Krankenhauszimmer mit Blick ins Grüne lässt Menschen schneller gesund werden. Und sie brauchen weniger Schmerzmittel als Patientinnen und Patienten, die von ihrem Krankenbett durchs Fenster nur andere Gebäude sehen. Zu dem Ergebnis kam der schwedische Wissenschaftler Roger Ulrich schon in den 1980er-Jahren. Ein früher Hinweis darauf, dass die Natur wie eine Wunderpille wirken kann.

 

Seither kamen dutzende Belege für die wohltuende Wirkung der Natur hinzu. Zahnarztpatienten, die während der Behandlung Natureindrücke über eine Virtual-Reality-Brille gezeigt bekamen, verspürten weniger Schmerzen. Das ergab eine Studie von Forscherinnen und Forschern der Plymouth University im Jahr 2017.

20 Minuten in der Natur machen uns schon entspannter

Vor allem aber hilft ein wenig Zeit zwischen Bäumen, an Seen oder auf Wiesen, um Stress zu regulieren. 20 Minuten in der Natur reichen etwa, um den Spiegel des Stresshormons Cortisol deutlich zu senken, hieß es 2019 in einer im Fachblatt Frontiers of Psychology veröffentlichten Studie. Zumindest, wenn man währenddessen nicht telefoniert, nicht durch soziale Medien scrollt, keinen Sport macht, nicht liest und auch nicht redet – das alles war den Probandinnen und Probanden untersagt. Selbst Zimmerpflanzen und Naturbilder haben einen ähnlichen Effekt.

Weil ein dauerhaft hohes Stressniveau Übergewicht, Herz-Kreislauf-Störungen und psychische Erkrankungen wie Depressionen und Angststörungen auslösen kann, ist Zeit in der Natur ein gutes Präventionsprogramm gegen diese Krankheiten. In Japan ist Shinrin-yoku, also Waldbaden, deswegen seit den 1980er-Jahren Teil der Gesundheitsvorsorge. Und in Kanada können Ärztinnen und Ärzte seit 2022 Zeit in der Natur verschreiben, mit dem Rezept kommt man etwa gratis in Nationalparks.

Selbst weiter entfernte Grünflächen sorgen für Entspannung

Damit die Natur ihre positiven Effekte entfalten könne, müsse man aber nicht einmal direkt von ihr umgeben sein, sagt der Psychiater und Stressforscher Mazda Adli. Der Chefarzt der Fliedner Klinik Berlin und Professor an der Charité-Universitätsmedizin hat mit einer Forschergruppe in Berlin lebende Versuchspersonen Stresstests ausgesetzt und dabei mittels eines Scanners Hirnregionen untersucht, die in der Stressverarbeitung eine wichtige Rolle spielen. Jene Menschen, die in grüneren Gegenden wohnten, haben die Testsituation zwar ebenso als stressig wahrgenommen, aber der Gehirnscan ergab: Stressregulierende Hirnregionen waren bei ihnen aktiver als bei Menschen aus weniger grünen Gegenden, das Gehirn war also stärker mit dem Verarbeiten von Stress beschäftigt. „Es wirkt sich bereits positiv aus, wenn Grünflächen in der Nähe sind“, ordnet Adli diese Ergebnisse ein. „Selbst eineinhalb Kilometer entfernte Grünflächen zeigen positive Effekte.“

Wie dieses Phänomen entsteht, ist noch nicht ganz geklärt. „Es kann daran liegen, dass selbst die weiter entfernt liegenden Grünflächen für ein ausgeglicheneres Mikroklima, für sauberere Luft oder mehr Bewegungsangebote sorgen. Genau können wir es noch nicht sagen – aber wir wissen, es hat einen Einfluss“, sagt Adli.

Wo der Stadtstress am größten ist, gibt es weniger Grünflächen

Der Zugang zu Grünflächen betrifft in erster Linie das Leben in Städten. „Wir wissen, dass Menschen in Städten ein größeres psychisches Erkrankungsrisiko haben, und dass das etwas mit Stress zu tun hat“, sagt Adli. Die Lösung sei aber nicht, aufs Land zu ziehen, Städte würden nicht per se krank machen. „Das Leben in der Stadt führt vielmehr dazu, dass unsere Stressantennen empfindlicher werden – möglicherweise ein Anpassungseffekt an mehr Dichte und Betriebsamkeit. Diese empfindlichen Stressantennen können gleichzeitig zu Eingangspforten für psychische Erkrankungen werden, wenn andere Risikofaktoren wie Armut noch hinzukommen“, sagt Adli.

„Ein grundlegendes Problem in unseren Städten ist, dass der Zugang zu Grünflächen gerade dort fehlt, wo die Wohnverhältnisse beengter und die Einkommen niedriger sind“, sagt Adli. Man könne davon ausgehen, „dass es vor allem sozial benachteiligte Gruppen sind, die sozialem Stress in der Stadt ausgesetzt sind“, sagt Adli. Und gerade sie könnten dem gleichzeitig wenig entgegensetzen, „weil sie einen schlechteren Zugang zu den urbanen Ressourcen – auch zu Grünflächen – haben“, sagt Adli. Dieser Aspekt wird seit längerem unter dem Schlagwort Umweltgerechtigkeit diskutiert. Das Bewusstsein dafür wachse immerhin, meint Adli.

Am besten, man baut selbst etwas an

Wer Zugang zu Grünflächen hat, kann sich diese unterschiedlich zunutze machen. „Handeln ist immer besser als nicht handeln“, sagt Adli. Selbst etwas anzupflanzen, Blumen zu pflegen, Tomaten hochzuziehen sei gut, „weil man mehr Selbstwirksamkeit spürt und sich stärker verbunden und zuhause fühlt.“ Konsumiert man die Natur nur, mache die Art und Weise trotzdem einen Unterschied. „Wenn wir rausgehen, sollten wir die Natur bewusst wahrnehmen, selbst wenn es nur ein einzelner Baum ist“, sagt Adli: „Eine bewusste und achtsame Auseinandersetzung führt zu mehr Wohlbefinden und Gelassenheit.“ Aber in einem gewissen Ausmaß wirke der Baum auch dann, „wenn er nur dasteht und Sie ihm den Rücken zugekehrt haben“.

Warum uns die Natur gut tut

Biophilie
Es gibt verschiedene Erklärungsansätze, warum uns die Natur guttut. Etwa die Biophilie-Hypothese von Edward O. Wilson. Der Biologe meinte, Menschen hätten eine angeborene Affinität zu den verschiedenen Formen des Lebens, deswegen würden wir die Verbindung zur Natur suchen. Das habe sich im Laufe der Evolution entwickelt.

Attention Restoration Theory
Die sogenannte Theorie der Wiederherstellung der Aufmerksamkeit (Engl. Attention Restoration Theory) besagt, dass sich Menschen in der Natur besser konzentrieren können. Vorbeiziehende Wolken, im Wind wiegende Bäume oder Wellen am Strand sind demnach sogenannte sanfte Faszinationen, die unsere Aufmerksamkeit weg von negativen Gedanken oder Emotionen lenkt. Das funktioniert, ohne sich darauf zu konzentrieren, weswegen es eine Art mentale Pause darstellt – so wird die Aufmerksamkeit regeneriert.

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