Entwicklung in Ludwigsburg Die Stadt lotet ihre Wachstums-Grenzen aus

Auf der Hartenecker Höhe (weiße Flachdachgebäude) wurde schon viel gebaut, der Fuchshof (links) ist als nächstes dran. Foto: Werner Kuhnle

Die Ludwigsburger Gemarkung ist begrenzt. Gleichzeitig gibt es wachsenden Flächenbedarf für bezahlbaren Wohnraum, Infrastruktur, Wärmewende. Kriegt man das alles unter einen Hut, oder verliert die Stadt dadurch ihre Lebensqualität?

Ludwigsburg: Sabine Armbruster (sar)

Wie soll Ludwigsburg wachsen, welche Entwicklung wie schnell nehmen? Und zwar im Hinblick auf Wohnen und Mobilität, Grünflächen, Wirtschaft, Arbeit und Tourismus sowie Kultur, Bildung, Sport und Soziales. Dazu hat das Rathaus verschiedene Teilbereiche nun erstmals nicht nur in Textform, sondern anhand von Karten dargestellt. „Räumliche Perspektive Ludwigsburg“ nennt sich das komplexe Machwerk, das unter anderem deutlich machen kann, wo es Zielkonflikte gibt.

 

Denn die Aufgaben sind groß und in vielen Teilen widersprüchlich. Mit einer Nachverdichtung im Innenbereich will man Begrünung und nachhaltige Mobilität kombinieren, die Stadtteilzentren sollen ausgebaut und attraktiver werden, ein verbesserter Zugang zum Neckar soll für einen Landschaftsraum am Fluss sorgen, doch zugleich soll der Neckar über Hochleistungsturbinen für die Wärmegewinnung herhalten. Die Gewerbegebiete sollen gesichert und zukunftsfähig gemacht, aber auch zum Teil entsiegelt und begrünt werden, die Innenstadt soll attraktiv bleiben, aber in erster Linie mit öffentlichen Verkehrsmitteln, zu Fuß oder mit dem Rad erreicht werden. Auch als Hochschulstandort soll die Stadt mehr als bisher wahrgenommen werden.

Gegensätzliche Interessen

Neue Baugebiete und das Schließen von Baulücken könnten für Wohnraum sorgen. Das ist laut Baubürgermeisterin Andrea Schwarz selbst dann notwendig, wenn man nur dafür sorgen wolle, dass jedes Ludwigsburger Kind auch als Erwachsener hier noch leben könne. Dabei gehe man bis zum Jahr 2035 von einem Bedarf von 3600 neuen Wohnungen aus. Die Ludwigsburger jedoch haben sich bei einer Bürgerbefragung gegen eine weitere Bebauung ausgesprochen. Denn jedes Gebäude, jede versiegelte Fläche vermindert die Durchlüftung in der Stadt und führt bei Starkregenfällen zum Problem. Also braucht es grüne Ausgleichsflächen, die auch der Naherholung und Freizeitgestaltung dienen– aber wo? Angedacht sind zudem Photovoltaikanlagen im Außenbereich auf Freiflächen – doch die Landwirtschaft wird ohnehin schon von allen Seiten in die Zange genommen.

Das Ganze klingt nach der berühmten Eier legenden Wollmilchsau und ist es ein Stück weit auch. Soweit möglich, sollen die vorhandenen Flächen mehrfach genutzt werden. Das Krone-Areal an der Ludwigsburger Straße beim Osterholz etwa wird derzeit nur gewerblich genutzt; hier könne man aber auch eine Wohnbebauung ermöglichen, führte Albrecht Burkhardt vom Fachbereich Stadtplanung aus. Auch im geplanten Neubaugebiet Oßweil Süd-Ost könnte man Wohnungen und Gewerbe ansiedeln, desgleichen auf dem Franck-Areal oder dem alten Gelände von Württembergischer und Wüstenrot (W&W).

Was bringt der grüne Ring?

Eine weitere Lösung sieht man in dem sogenannten „grünen Ring“. Der soll Lücken in den Alleen schließen, die Stadt vom Favoritepark bis zum Salonwald und vom Osterholz bis zum Stadion umgeben und mit einem Abstecher zum Monrepos ein durchgängiges grünes Wegenetz bilden. Zugleich soll er in Teilen Aufenthaltsqualität haben und die Hitze in der Stadt mildern. Bei künftigen Bebauungen sollen zudem die Kaltluftschneisen berücksichtigt werden.

„Wir haben immer noch nicht die perfekte Lösung, das ist nur ein Orientierungsrahmen“, sagte die Ludwigsburger Stadtplanerin Anne Mayer-Dukart, und: „Manche Maßnahmen gehen in der Bereich der Vision, aber man darf das langfristige Ziel nicht aus den Augen verlieren.“

Zu wenig preiswerter Wohnraum für Berechtigte

So widersprüchlich die unterschiedlichen Entwicklungsziele scheinen, so konträr war auch die Meinung der Gemeinderäte in ihrer Sitzung am Mittwoch. Gerade auch vor dem Hintergrund, dass in Ludwigsburg im letzten Jahr 770 Berechtigungsscheine für eine Sozialwohnung ausgestellt wurden, die Zahl der Sozialwohnungen sich aber nur um 51 erhöhte, sodass viele leer ausgingen. Bei der Wohnungsbau Ludwigsburg (WBL) seien derzeit 1700 Haushalte auf der Interessentenliste, sagte Sonja Thüry von der Geschäftsstelle Wohnen, davon etwa 75 Prozent mit Anrecht auf eine Sozialwohnung.

Florian Sorg (Grüne) sah darin einen Anlass, bei Neubauten eine Sozialwohnungsquote von 60 Prozent zu fordern, Daniel O’Sullivan (SPD) hielt „bauen, bauen, bauen!“ für die einzige Lösung des Dilemmas. Hingegen fragte Adelheid Kainz (Lubu), wie viel Bebauung Ludwigsburg noch vertrage. Mehr Einwohner zögen hohe Folgekosten für Kitaplätze und andere Infrastruktur nach sich. Und Klaus Herrmann (CDU) sagte, selbst wenn man die 1700 fehlenden Wohnungen neu baue, würden bald wieder ebenso viele Wohnungen fehlen, weil die Stadt attraktiv sei. Im Moment halten allerdings die hohen Kosten und Zinsen viele ohnehin vom Bauen ab – private Investoren ebenso wie die kommunale WBL.

Bürger sollen beteiligt werden

Zukunftsdialog
 Am 28. Juni soll die räumliche Perspektive Ludwigsburg etwa 100 Personen vorgestellt werden. Bürgerinnen und Bürger, Gemeinderäte und verschiedene Institutionen sollen daran teilnehmen, Stellung beziehen und Wissen einbringen können. Weil das Thema so komplex ist, gibt es schon Infos im Vorfeld.

Stadtgespräche
 An fünf Tagen im Juli fährt ein Beteiligungsmobil zentrale Plätze wie Marktplatz oder Bahnhof an und informiert über einzelne Themen, um ein Stimmungsbild einzuholen.

Stimmungsbild meinLB Drei Wochen gibt es eine eigene Seite auf der Beteiligungsplattform meinLB – zur Info und für Rückmeldungen.

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