Entzückendes Duo in Leonberg Die besondere Freundschaft einer 12- und einer 102-Jährigen

Bei der nachträglichen Geburtstagsfeier im Samariterstift stoßen Antonia List und Frida Witzemann an – mit Apfelsaft und Sekt. Foto: Simon Granvill/e

Die zwölfjährige Antonia und die 102-jährige Frida Witzemann – genannt „Oma Friedel“ – pflegen eine Freundschaft, die kein Alter kennt. Besonders verbinden die beiden Freundinnen zwei Leidenschaften.

Leonberg: Sophia Herzog (she)

Richtig viel los ist an diesem Mittwoch in dem Zimmer, das Frida Witzemann im Leonberger Samariterstift in der Seestraße bewohnt: Alle Stühle sind besetzt, ein Hocker wird dazu geholt, und sogar das Bett wird zur Sitzmöglichkeit umfunktioniert. Frau Witzemann hat Besuch – und zwar so viel, dass sie später sogar die anderen Hausmitbewohner darauf ansprechen werden. „Was ist denn da los gewesen?“, wird sie dann gefragt. Es gab hohen Besuch: Eine Freundin war zu Gast.

 

Und diese Freundin ist 90 Jahre jünger als Witzemann: Die zwölfjährige Antonia List und die 102-jährige Seniorin pflegen eine Freundschaft, seit Frida Witzemann – von allen meist „Friedel“ genannt – vor rund drei Jahren zu ihrer Tochter nach Warmbronn gezogen ist.

Vorher lebte die 102-Jährige fast 30 Jahre auf Gran Canaria, zunächst mit ihrem Mann, dann alleine. „Es ist lockerer da unten“, sagt Witzemann über ihre Zeit auf der Insel. „Die Zeit, die ich unten war, möchte ich nicht mehr missen.“ Aber das Älterwerden – vor dem die gebürtige Stuttgarterin großen Respekt hatte, wie sie erzählt – kam dem Leben im Süden irgendwann doch in die Quere. Zurück in Deutschland zog sie bei ihrer Tochter ein. Und diese, so verhielt es sich damals, lebte schon lange neben guten Freunden – den Großeltern der zwölfjährigen Antonia. Weil Witzemann auch bis dahin jedes Jahr einige Wochen nach Deutschland gereist war, kannten sie und Antonia sich bereits. Mitten in der Coronapandemie freundeten sie sich dann aber richtig an und grüßten und winkten sich immer wieder über den Zaun zu.

Eine Freundschaft entsteht über den Gartenzaun

Wenn Antonia Muffins backte, dann wurden prompt welche an Witzemann und ihre Tochter geliefert. Bei der Arbeit im Garten der Großeltern oder bei der Eiersuche an Ostern war Witzemann immer mit dabei – und leistete der Zwölfjährigen über den Gartenzaun Gesellschaft. Einmal, daran erinnert sich auch Antonias Oma Christa List, besuchte Antonia die 102-Jährige. „Und ein paar Stunden später saßen die beiden immer noch am großen Tisch im Wohnzimmer und haben gebastelt“, so List. Witzemann, die selbst mit knappen 100 Jahren noch aufwendige Bilder malte, schenkte Antonia sogar eines ihrer Werke: Das Gemälde eines Straußes Kirschblüten hat die Zwölfjährige sich in einem weißen Rahmen aufgehängt.

Was Antonia so an Frida Witzemann schätzt? „Dass sie so gut basteln kann“, sagt sie. Das gemeinsame Malen und Basteln verbindet die beiden, berichtet Antonia. Zusammen reden die beiden Freundinnen aber auch mal über andere Dinge, etwa die Schule. Antonia besucht das Albert-Schweitzer-Gymnasium in Leonberg, ihr Lieblingsfach: „Französisch“, erklärt sie. Über den Unterricht unterhalten sich Antonia und ihre „Oma Friedel“ aber nur auf Deutsch, nicht auf Französisch – davon, so sagt Witzemann, „kann ich nämlich gar nichts“.

Gemeinsam wird auch Geburtstag gefeiert

Wegen eines Frankreichaufenthalts konnte Antonia ihren Geburtstag nicht mit Witzemann feiern. Beim Besuch im Samariterstift, wo die 102-Jährige seit einem Sturz vor rund einem Jahr wohnt, wird aber nachgefeiert. Als Antonias Opa die Sektflasche öffnet, knallt der Korken, ein Jubeln geht durch den Raum, der bis auf den letzten Platz mit Familie gefüllt ist. Mit ihrer Oma Friedel stößt freilich auch Antonia, gewappnet mit Apfelsaft, an. Und ganz in alter Tradition hat die Zwölfjährige der Seniorin auch Muffins mitgebracht. Die wiederum trinkt einen Sekt und reißt fröhlich den ein oder anderen Witz. Wenn sie einmal ins Rollen kommt, erzählt sie viel: von ihrer Zeit auf Gran Canaria, vom Alltag im Samariterstift, vom Mittagessen („Sauerkraut“) und davon, was sie an Antonia so besonders mag („alles“). Ihr Alter merkt man ihr höchstens dann an, wenn sie sich mit dem rechten Ohr, das nicht mehr ganz so gut hören mag, ein wenig in Richtung der Konversation drehen muss.

Ein Tipp fürs lange Leben: Positiv bleiben

Für Antonia hat Witzemann zum Geburtstag auch eine kleine Lebensweisheit parat: „Positiv in die Welt reingucken“, sagt die 102-Jährige mit viel Überzeugung und schwäbischem Dialekt. „Alles andere hinter sich lassen und positiv sein. So leb’ ich auch“, sagt sie. Ihren Tipp fürs Altwerden – hin und wieder ein Gläschen Williamsbirne zu trinken – muss sich Antonia allerdings noch ein wenig aufsparen. Das Thema liefert beim Besuch im Samariterstift gleich Diskussionsstoff. Weil es dort keinen „Willi“ gibt, soll die Tochter Gisela Schöttle beim nächsten Besuch einen mitbringen. „Am Wochenende kriegst du dein Schnäpsle“, verspricht diese. „Aber bald“, sagt Witzemann. Zum Abschied begleitet die 102-Jährige Antonia und ihre Familie zum Fahrstuhl, dort gibt es noch einmal eine enge Umarmung. Sie wollen sich bald einmal wieder besuchen – dann wird vielleicht auch wieder gebastelt.

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