Erdgas Deutsche Firmen helfen Gazprom

Von Roland Knauer 

Durch die Nordstream-Pipeline in der Ostsee soll demnächst Erdgas aus dem hohen Norden Russlands strömen. Dort haben Eon Ruhrgas und Wintershall in neue Fördertechnik investiert. Ein Besuch in der Tundra Sibiriens.

In Anlagen wie dieser wird das Erdgas für den Transport aufbereitet. Foto: Knauer
In Anlagen wie dieser wird das Erdgas für den Transport aufbereitet. Foto: Knauer

Begleitet vom infernalischen Dröhnen der Rotoren und dem beißenden Gestank nach Maschinenöl gleitet unter dem Helikopter eine weite, urtümliche Ebene vorbei, zu der Begriffe wie „Technik“ und „Zivilisation“ nicht zu passen scheinen. Verkrüppelte Birken und mickrige Lärchen stehen auf dem hellgrünen Moos und gelben Sand so weit auseinander, dass die Gegend eher an eine Steppe erinnert als an einen Wald. Wenn da nicht die unzähligen Flüsse, Bäche, Seen, Tümpel und Sümpfe wären, die fast die Hälfte der Fläche bedecken.

„Tundra“ nennen Geobotaniker diese karge Landschaft, in der plötzlich ein Gebäudeblock auftaucht. Weit dahinter schimmert ein großes Fabrikgelände mit riesigen Rohrleitungen im Licht der Mitternachtssonne. Hier, im Krasnoselkupski-Distrikt unmittelbar nördlich des Polarkreises, holt das russisch-deutsche Unternehmen Severneftegazprom Erdgas aus natürlichen Lagern tief unter dem Dauerfrostboden Sibiriens.

In den drei Monaten des Sommers attackieren aggressive Stechmücken pausenlos Mensch und Tier, und im Winter, der ein gutes halbes Jahr dauert, bleiben die Temperaturen praktisch immer unter der Marke von minus zwanzig Grad. Doch in einer Tiefe von 800 Metern beginnt das Gasfeld Juschno-Russkoje mit seinen weit mehr als tausend Milliarden Kubikmetern Erdgas. „Seit Dezember 2007 haben wir 143 Bohrungen in Betrieb genommen, die jedes Jahr gut 25 Milliarden Kubikmeter Gas liefern“, sagt der stellvertretende Chefingenieur von Severneftegazprom, Andrei Kasianenko. Das reicht, um mehr als zehn Millionen Haushalte in Europa mit Gas zu versorgen. Das Juschno-Russkoje-Gasfeld ist einer der wichtigsten Lieferanten für die Nordstream-Pipeline, durch die am Grund der Ostsee vom Herbst an jedes Jahr bis zu 55 Milliarden Kubikmeter Erdgas von Russland nach Lubmin bei Greifswald im Nordosten Deutschlands strömen sollen. Von dort wird das Gas in verschiedene Länder der Europäischen Union weitergeleitet.

Die Anlage ist bunt und blitzsauber

Dieser Zusammenhang zwischen dem sibirischen Gasfeld und der EU war der entscheidende Grund für die deutschen Gasunternehmen Wintershall in Kassel und Eon Ruhrgas in Essen, mit jeweils 25 Prozent bei Severneftegazprom einzusteigen. Die andere Hälfte des Unternehmens plus zwei Aktien dagegen gehört dem halbstaatlichen russischen Unternehmen Gazprom, das als größter Erdgasförderer der Welt gilt und das auch 51 Prozent der Anteile an Nordstream hält.

Die Beteiligung der beiden deutschen Unternehmen sichert dem russischen Giganten moderne Bohrtechnologien. Das zeigt ein Besuch bei der Bohrung 94 im Juschno-Russkoje-Feld, die 170 Kilometer oder eine gute Helikopterstunde von der nächsten Stadt Nowy Urengoi entfernt ist. Eine der Bohrungen kommt dort als mannsdickes, graues Rohr aus 913 Metern Tiefe an die Oberfläche. Darüber türmen sich rund ein Dutzend ebenso große, tiefblaue Absperrventile, die mit roten Steuerrädern per Hand bedient werden können. Alles ist blitzsauber und bietet Kennern russischer Industrieanlagen aus der Sowjetzeit einen eher ungewohnten Anblick.

Gashydrate drohen, die Leitungen zu blockieren

Ein Problem dieser Förderung im Norden Sibiriens sind sogenannte Gashydrate. Die Lagerstätten liegen unter einem dauerhaft gefrorenen Boden und sind mit geschätzten 15 Grad entsprechend kalt. Wird diese Schicht angebohrt, schießt das Gas unter dem enormen Druck der Tiefe in die Höhe und kühlt dabei aber weiter ab. Unter Umständen bilden sich dann aus dem Erdgas und in geringen Mengen mitgerissenem Wasser kleine Kristalle, die Chemiker Gashydrat nennen. Die Kristalle stören den weiteren Transport erheblich.

In etwa der Hälfte der vorhandenen Bohrungen können Gashydrate entstehen. „Wir leiten dann Methanol ein, um das zu unterbinden“, erklärt Roman Balko, der Chefingenieur der Gasfelder. Wie jeder Alkohol zieht auch diese im Volksmund Holzalkohol genannte Flüssigkeit Wasser an und bildet mit ihr ein Gemisch, das die Ingenieure abpumpen können. Fehlt das Wasser, können sich keine störenden Gashydrate mehr bilden.