Der Rechtsstreit um die massiven Schäden an Häusern in Böblingen durch fehlerhafte Erdwärmebohrungen zwischen 2006 und 2008 ist nach mehr als zwei Jahren beigelegt. Zahlreiche in einer Bürgerinitiative organisierte Betroffene hatten jahrelang für eine Entschädigung gekämpft und schließlich die ausführende Firma Gungl verklagt. Weil die inzwischen insolvent ist, wurde sie von der Allianz Versicherungs-AG vertreten. Jetzt ist das Verfahren mit einem Vergleich zu Ende gegangen – und mit mehr Geld für die Betroffenen.
Vier Millionen Euro zusätzlich
Wie die Allianz am Freitag mitteilte, habe man bereits Anfang Dezember mit dem Anwalt der Interessengemeinschaft Erdhebungen Böblingen (IGE-BB) einen Vergleich ausgearbeitet. „Zusätzlich zu den jeweils rund fünf Millionen Euro Versicherungssumme für das Hebungsgebiet Nord und Süd, welche in einem Kürzungs- und Verteilungsverfahren an die Geschädigten ausbezahlt wurden, wird die Allianz Versicherungs-AG einen weiteren Gesamtbetrag von vier Millionen Euro auszahlen“, heißt es.
Zwei Hebungsgebiete – oder drei?
Hintergrund der Geothermieschäden ist die Beschaffenheit des Bodens. Böblingen liegt teilweise auf Gipskeuper, in dem das Mineral Anhydrit enthalten ist. Erdwärmebohrlöcher dort müssen deshalb wasserdicht versiegelt werden. Sonst verwandelt sich bei Wassereintritt Anhydrit in Gips und quillt auf. Straßen, Leitungen, aber auch Häuser werden angehoben und beschädigt.
Die Orte, an denen sich die Erde gehoben hatte, wurde in zwei Hebungsgebiete eingeteilt – Nord und Süd. Fünf Millionen Euro wurden den Geschädigten je Gebiet zugesagt. Eine Zeit lang hatte es unterschiedliche Ansichten gegeben, ob es nicht doch drei Hebungsgebiete gebe. Ein Gutachten hatte nahegelegt, dass im südlichen Hebungsgebiet zwei Schadensereignisse vorlägen – das bedeute, dass die Versicherung dort zehn Millionen statt fünf Millionen Euro zahlen müsse. Die Allianz hielt mit einem eigenen Gutachten dagegen.
Sie hafte für alle Schäden, die zwischen Oktober 2011 und Dezember 2014 eingetreten seien. Im südlichen Hebungsgebiet hätte sich die Erde offenbar vorher schon gehoben – zudem hatten auch andere Firmen in Böblingen gebohrt. Dafür sei die Versicherung nicht verantwortlich. Durch die Einigung nun wurde laut Allianz von der Klärung der Frage abgesehen, ob es im südlichen Gebiet einen zweiten Versicherungsfall gibt.
Anteilige Summen für die Opfer
Viele Hausbesitzer haben jahrelang mit stabilisierenden Stützen in ihren Wohnräumen gelebt. Mindestens ein Haus wurde abgerissen. Nicht nur Privatpersonen, auch Stadt und Landkreis hatten mit Schäden zu kämpfen. Diese hatten aber auf ihre Forderungen verzichtet. Für die Opfer gibt es jetzt weitere anteilige Zahlungen.
Um sicherzustellen, dass auch die nicht in der IGE-BB organisierten Geschädigten von dem Vergleich erfahren, habe die Allianz sie alle angeschrieben. „Inzwischen können wir mitteilen, dass sämtliche Geschädigte diesem Vorgehen zugestimmt haben“, sagte der Leiter der Unternehmenskommunikation, Christian Weishuber. Die Geschädigten im Hebungsgebiet Süd, das sich halbmondförmig zwischen Herdweg und Schwabstraße erstreckt, sollen insgesamt 2,9 Millionen Euro bekommen. Für das kleinere Hebungsgebiet im Norden zwischen der Stuttgarter Straße und der Bunsenstraße sollen 967 500 Euro ausgezahlt werden. Die IGE-BB erhält eine Zahlung von 130 000 Euro für „interne Kosten“, wie die Versicherung schreibt.