Erdhebungen in Böblingen Betroffene mussten Haus neu bauen

Der Rentner Johann Binder steht vor seinem neuen Haus. Er wünscht sich, wieder zur Ruhe kommen zu können. Foto: Eibner-Pressefoto/Roger Bürke

Vor mittlerweile zehn Jahren entdeckten zahlreiche Böblinger Risse in ihren Häusern. Die Erde hob sich. Ein millionenschweres Entschädigungsverfahren folgte. Wo stehen die Beteiligten jetzt?

Böblingen: Julia Theermann (the)

Nach und nach bilden sich Risse in Johann Binders Haus in Böblingen. Zuerst sind sie fein, werden mit der Zeit aber so breit, dass er die Hand hindurchstecken kann. Bald kommt der Verdacht auf, dass die Erdwärmebohrungen in der Nähe dahinterstecken. Der wird sich bestätigen. Fenster und Türen öffnen sich von selbst. Stabilisiert wird das Haus nur von fünf massiven Stützen.

 

Das war 2013. Inzwischen haben Binder und seine Frau das Haus, das sie sich als Altersruhesitz gekauft hatten, abreißen lassen müssen. Jetzt sind sie in ihren Neubau eingezogen. Das Leben im Haus mit Totalschaden hat Spuren hinterlassen: „Ich passe jetzt noch auf, wenn ich die Fenster aufmache, ob sie mir entgegenkommen“, sagt Binders Frau Krista. Der Garten ist noch kahl. Um ihn will sich der Rentner im Frühjahr kümmern.

Einen Teil des Schadens haben sie von der zuständigen Allianz-Versicherung ersetzt bekommen. Aber längst nicht genug, findet Binder. „Nach den Gerichtskosten sind etwa 36 Prozent des Gebäudeschadens bei uns angekommen“, sagt er. Dabei sei seines das am zweitstärksten in Mitleidenschaft gezogene Haus im Hebungsgebiet Nord. Er spricht von einer Summe von mehr als einer halben Million Euro. Ursprünglich habe ihm die Versicherung 64 Prozent des Schadens versprochen. Einen Großteil des Neubaus habe das Ehepaar nun aus eigener Tasche zahlen müssen. „Unser ganzes Erspartes ist jetzt weg“, sagt der 69-Jährige.

Entschädigung wurde aufgeteilt

Familie Binder ist in ihrer Nachbarschaft mit ihrem Schadenfall nicht allein. Hunderte Hausbesitzer sind zwischen der Stuttgarter Straße und der Bunsenstraße im Norden und der Schwabstraße und dem Herdweg im Süden in den vergangenen fast zwei Jahrzehnten Opfer von sogenannten Erdhebungen geworden. Die Betroffenen haben sich in der Interessengemeinschaft Erdhebungen Böblingen (IGE) organisiert und sich mit der Versicherung angelegt.

Dass Binder und die anderen Geschädigten nur einen Teil ihres finanziellen Schadens ersetzt bekommen haben, hat einen einfachen Grund, wie die Pressesprecherin der Allianz, Sabine Schaffrath, sagt. Weil die Versicherungssumme von fünf Millionen Euro, die für jedes der beiden Schadengebiete im Stadtgebiet vorgesehen war, hinten und vorne nicht reicht, um die Schäden zu reparieren, gab es ein Kostenverteilungsverfahren. Jeder Geschädigte würde also abhängig von der Schwere des Schadens an seinem Haus die „richtige Quote“ bekommen, so Schaffrath. Die habe auch im Laufe des Verfahrens angepasst werden müssen.

Fünf Millionen Euro seien nun für das Gebiet Nord ausgezahlt, stellt Schaffrath fest. Eine weitere Million stehe aber noch zur Zahlung aus, ebenso im Süden, sagt sie weiter. Durch eine Gesetzesänderung müsse eine Firma im Schadenfall verschuldensunabhängig ebenjene Summe zahlen. „Diese eine Million on top können wir aber noch nicht anfassen“, erklärt sie. Das liege an der noch nicht abschließend geklärten Situation im südlichen Hebungsgebiet. Auch dort reicht die Versicherungssumme von fünf Millionen nicht ansatzweise aus. Ebenso wie im nördlichen Gebiet müsste also eine Quote angesetzt werden, sodass die Geschädigten entsprechend ihrer Bedarfe ausgezahlt würden. Auch hier, sagt ein anderer Sprecher der Allianz, seien mittlerweile die fünf Millionen Euro ausgezahlt worden.

Betroffener wünscht sich Hilfe vom Land

Für Johann Binder und seine Familie ist mit der Schadenersatzzahlung und dem Einzug in das neue Heim die Sache noch nicht erledigt. Er sieht auch das Land in der Pflicht. „Bei den Bohrungen hätte ein Geologe dabei sein müssen“, sagt er. In ähnlichen Fällen in anderen Regionen habe das Land sich schließlich um Entschädigung bemüht. Es sei traurig, dass das Land nicht reagiere, so Binder. „Wir sind die Depperten geblieben.“ Auch von der Interessengemeinschaft IGE fühle er sich alleingelassen.

Noch steht im neuen Haus nicht alles an seinem richtigen Platz. Die Deckenlampe im Wohnzimmer hängt auch noch nicht. „Wenn ich mein Werkzeug gebraucht habe, wusste ich immer gleich, wo es ist. Jetzt muss ich suchen“, sagt er. Seine nächste Baustelle seien Baumängel an dem Neubau – er hat sie auf mehreren DIN-A4-Seiten dokumentiert. In der Küche beispielsweise kann man sehen, dass eine Aussparung in die Arbeitsplatte geschnitten werden musste – sonst hätte sie nicht neben das Fenster gepasst. Er wünscht sich, dass die Baufirma die Verantwortung übernimmt. „Rückgängig machen kann man das nicht mehr“, sagt er.

Die ganze Geschichte hat Binder ziemlich mitgenommen. Seine Hoffnung sei nun, bald im neuen Zuhause an- und seelisch wieder etwas zur Ruhe zu kommen, sagt er. „Im Alter will man ja eigentlich abschalten.“

Weitere Themen