Erdhebungen in Böblingen Die Risse sind noch lange nicht alle erfasst

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Wenn ein neues Gutachten zu den Böblinger Erdhebungen Bestand hat, bekommen die betroffenen Hausbesitzer wohl mehr Geld von der Versicherung als sie bisher zahlen will. Doch diese überprüft die Analyse erstmal. Wann Geld fließt, ist offen.

Die  Größe der teilweise  fingerdicken Risse wird bei Messungen exakt erfasst. Foto: factum/Archiv
Die Größe der teilweise fingerdicken Risse wird bei Messungen exakt erfasst. Foto: factum/Archiv

Böblingen - Für Hans-Peter Braun ist die Nachricht kein Grund zum Jubeln. Der durch Erdhebungen geschädigte Hausbesitzer in der Böblinger Kniebisstraße hat zwar davon gehört, dass jetzt das Gutachten des Landesamts für Geologie, Rohstoffe und Bergbau (LGRB) fertig ist und dem Landratsamt vorliegt. Dessen Ergebnis könnte immerhin bedeuten, dass die rund hundert Hauseigentümer im Süden Böblingens mehr Geld für die Sanierung erhalten. Doch es ist noch lange nicht soweit. Bisher ist noch gar kein Geld geflossen, obwohl sich in den Häusern mehr als fingerdicke Risse gebildet haben und sich die Gebäude teilweise zur Seite neigen.

Ein Hebungsgebiet mehr bedeutet für Hausbesitzer mehr Geld

Die Allianz war bisher von einem Hebungsgebiet im Süden ausgegangen. Das hätte bedeutet, dass sie Schäden bis zu einer Summe von insgesamt fünf Millionen Euro hätte tragen müssen. Eine weitere Million Euro hätte aus einem anderen Versicherungstopf zur Verfügung gestanden. Laut dem so genannten Sachstandsbericht des Landesamts jedoch handelt es sich um zwei Schadensgebiete, wodurch insgesamt zwölf Millionen Euro fällig würden. „Das heißt trotzdem noch lange nicht, dass alle Betroffenen angemessen entschädigt werden“, vermutet Braun.

Eine grobe Erhebung der Schadenssumme im Norden Böblingens hatte für die dort ebenfalls rund hundert Hausbesitzer nämlich 6,7 Millionen Euro ergeben. Für dieses Gebiet, wo nach Geothermiebohrungen durch den Gipskeuper die Erde ähnlich aufquoll wie im Süden, werden die Schäden von der Allianz ebenfalls nur bis zu einer Höhe von fünf Millionen Euro ausgeglichen. Eine Million Euro gibt es für weitere Kosten. Das heißt aber, dass das Geld aus den Töpfen der Versicherung kaum reichen wird.

Möglicherweise wird nur ein Teil der Schäden ersetzt

Die Allianz hält sich bisher bedeckt. Erstens habe sie das Gutachten des LGRB erst am Donnerstag erhalten, sagt ihr Sprecher Christian Weishuber. Sie müsse nun erst prüfen, ob im Süden tatsächlich zwei Hebungsgebiete für die Entschädigung zugrunde gelegt werden müssten. Und zweitens werde, was den Norden betreffe, noch ein Verteilungsverfahren entwickelt, damit das Geld gerecht und analog zu den von der Allianz erstellten Gutachten an die Hausbesitzer fließen könne. „Das kann schnell gehen, kann aber auch noch lange dauern“, erklärt Weishuber.

Bernd Hommel von der Interessengemeinschaft Erdhebungen Böblingen (IGE-BB), will niemandem etwas vormachen: „Wenn das Geld der Versicherung nicht reicht, wird eine Quote gebildet.“ Dann würden die Schäden eben nur zu 90, 80 oder 70 Prozent übernommen. Ein Hauen und Stechen unter den Hausbesitzern werde es deshalb aber nicht geben, mutmaßt Hommel. Er hat zudem Verständnis dafür, dass die Allianz im Süden noch keine Gutachten in Auftrag gegeben hat: „Es ist erst dann an der Zeit, die Schäden zu erheben, wenn es keine Erdhebungen mehr gibt.“

Die Gutachter lassen auf sich warten

Wie im Norden hebt sich die Erde nach der Sanierung der Bohrlöcher auch im Süden jetzt aber so gut wie nicht mehr. Dort waren die Arbeiten im vergangenen August beendet. „Ich habe bei mir für das gesamte vergangene Jahr nur einen Millimeter gemessen“, sagt Hans-Peter Braun. Das lange Warten, bis die Allianz-Gutachter anrücken und endlich Geld fließt, wird für ihn und einige andere Hausbesitzer langsam unerträglich. „Das geht doch schon seit Jahren“, sagt der 61-Jährige.

Der Ingenieur, der als bautechnischer Berater tätig ist, hat in eigener Regie Sanierungsarbeiten vornehmen lassen und nach eigener Aussage 10 000 Euro ausgegeben. Das sei aber erst der Anfang. Seine Terrasse welle sich, einige seiner Gäste seien schon gestolpert, berichtet Braun. Er ist ziemlich frustriert: „Wir sind in einen Neubau eingezogen und schauen jeden Tag auf die Risse, die überall entstanden sind.“

Hausbesitzer nehmen die Politik in die Pflicht

Für das IGE-BB-Mitglied Braun sowie für einige Mitstreiter, die einen Hilfsfonds des Landes forderten, agiert die IGE-BB-Führungsspitze zu zahm. Diese tat sich bisher schwer damit, staatliche Hilfe zu verlangen, und verwies darauf, dass die Allianz zahlen müsse. „Man muss abwarten, bis man die Schritte machen kann, die sinnvoll sind“, erläutert Hommel. Dass nun die LRGB von zwei Hebungsgebieten im Süden ausgehe, „ist sehr in unserem Sinne“, fügt er hinzu. Wenn die Allianz nicht alles bezahle, gebe es auch noch eine politische Verantwortung, räumt Hommel nun ein.

Er gibt sich kämpferischer. „Wir sind immer dafür eingetreten, dass die Schäden komplett ausgeglichen werden“, unterstreicht der IGE-BB-Führungsmann. Letztlich sei dafür auch die „öffentliche Hand“ zuständig.




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