Erfindung eines Regierungsmodells 100 Jahre große Koalition

Gustav Stresemann Foto: AFP

Gustav Stresemann hat vor 100 Jahren die große Koalition erfunden. Der Liberale bewältigte mit diesem Regierungsbündnis die Hyperinflation und wehrte Putschversuche von links und rechts ab.

Titelteam Stuttgarter Zeitung: Armin Käfer (kä)

Das Jahr 1923 wurde zum Stresstest für die erste Demokratie in Deutschland: Fremde Soldaten besetzten das industrielle Herz des Landes. Die Inflation schuf eine schier endlos wachsende Zahl von Nullen auf Banknoten und Preisschildern. Putschisten von links und rechts versuchten, die Republik aus ihren Angeln zu heben. Das alles hat der damalige Reichskanzler Gustav Stresemann, dem später der Friedensnobelpreis verliehen worden ist, mit einem Regierungsmodell bewältigt, das inzwischen in Verruf geraten ist: der großen Koalition.

 

Die erste große Koalition wurde Mitte August 1923 installiert. Die SPD verbündete sich mit dem katholischen Zentrum, der linksliberalen Demokratischen (DDP) und der nationalliberalen Volkspartei (DVP), sie wollte kurioserweise das Kanzleramt als stärkste dieser Koalitionsparteien nicht selbst übernehmen. Der DVP-Politiker Stresemann galt als Mann der Stunde. Er sei die „letzte Reserve, die der deutsche Parlamentarismus zu vergeben hat“, schrieb die Zeitung „Tage-Buch“. Mit seinen zwei großkoalitionären Kabinetten, die jedoch nur dreieinhalb Monate durchhielten, wehrte er Putschversuche von Hitler und von Kommunisten ab, stellte die Weichen für ein Ende der Inflation und der Ruhrbesetzung.

Stresemanns Groko scheiterte an einer Vertrauensfrage. „Was euch veranlasst, den Kanzler zu stürzen, ist in sechs Wochen vergessen, aber die Folgen eurer Dummheit werdet ihr noch zehn Jahre lang spüren“, schimpfte damals Reichspräsident Friedrich Ebert (SPD) mit seinen Genossen. Der von Ebert gerügte Mangel an Konsens über das eigene Lager hinaus führte letztlich zum Untergang der Weimarer Republik. Es sollten 43 Jahre bis zur nächsten großen Koalition vergehen.

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