Erinnerung an Eugen Gottlob Winkler Dandy und Rebell in finsteren Zeiten

Von Rolf Spinnler 

Das Marbacher Literaturarchiv erinnert an den Lyriker, Erzähler und Essayisten Eugen Gottlob Winkler. In diesen Tagen wäre er hundert geworden.

Mit 24 Jahren gestorben: Eugen Gottlob Winkler Foto: DLA Marbach
Mit 24 Jahren gestorben: Eugen Gottlob Winkler Foto: DLA Marbach

Marbach - Jetzt wäre er hundert Jahre alt geworden: Eugen Gottlob Winkler, geboren am 1. Mai 1912 in Zürich und am 26. Oktober 1936 erst 24-jährig in München freiwillig aus dem Leben geschieden. Der Lyriker, Erzähler, Essayist und Reiseschriftsteller gehört zur Schar jener Dichter, denen es nicht vergönnt war, ein repräsentatives Werk vorzulegen. Bis heute ist er unter Literaturkennern ein Geheimtipp geblieben. Ein Großteil von Winklers Nachlass wird im Marbacher Literaturarchiv aufbewahrt. Dort haben jetzt Heike Gfrereis, Ellen Strittmatter und Enite Giovanelli seinen Geburtstag zum Anlass genommen, unter dem etwas reißerischen Titel „Harakiri mit einem 1912er“ eine „Zeitkapsel“ mit Fotos, Zeichnungen und Manuskripten des Dichters zu öffnen. Dass der Abend dann doch nicht reißerisch wurde, war vor allem Enite Giovanelli zu verdanken, die an der Uni Tübingen an einer Doktorarbeit über den Dichter schreibt.

Winkler zog mit seinen Eltern im Alter von drei Jahren nach Stuttgart-Wangen und machte am heutigen Zeppelin-Gymnasium das Abitur. In Tübingen, Köln, München und Paris studierte er Germanistik, Romanistik und Kunstgeschichte und promovierte 1933 bei dem berühmten Romanisten Karl Vossler. Schon als Schüler entwickelte er künstlerische Ambitionen, schwankte aber zunächst zwischen der Malerei und der Literatur, ehe er sich schließlich fürs Schreiben entschied. Die Fotos zeigen einen gut gekleideten jungen Mann mit Dandy-Habitus, der sich, dem zeitgenössischen Trend zur Freikörperkultur folgend, auch mal im Adamskostüm ablichten ließ. Winklers Zeichnungen weisen deutliche Anklänge an den Expressionismus auf, etwa an die Spießer-Karikaturen von George Grosz. Sein literarischer Geschmack und Stil war dagegen eher klassizistisch. Die Kategorien, von denen er sich in seiner Lyrik und Prosa leiten ließ, fasste er einmal so zusammen: Reinheit, Klarheit, Helligkeit, Ordnung und Stille.

Winklers Flucht war gegen nationalistischen Zeitgeist gerichtet

War Winkler also ein unpolitischer Dichter, wie das Durs Grünbein in einem Nachwort zu einer Werkauswahl behauptet hat? Hätte er besser in die vorhergehende Generation des Jugendstils gepasst? Obwohl Winkler über Stefan George einen Essay verfasst und auch mit George’schen Schrifttypen experimentiert hat, widersprach Enite Giovanelli dieser Einschätzung entschieden. Winkler sei viel nüchterner als die Jugendstil-Generation gewesen und habe sich auch für die neuen Medien Kino und Radio interessiert. Und er war ein politisch wacher Kopf, der in einem (nie gedruckten) Zeitungsartikel aus dem Jahr 1931 schonungslos den „Kulturfaschismus“ geißelte, den er an der Münchner Universität unter seinen „national verseuchten“ Professoren und Kommilitonen mit ihren „verschimmelten Ideen“ diagnostizierte.

Konnte es für so jemanden eine Zukunft unter dem NS-Regime geben? Winklers Flucht in die „Welt des reinen Geistes“ und seine Vorliebe für die romanischen Literaturen war gegen den nationalistischen Zeitgeist gerichtet. Doch mit diesem Lebensentwurf konnte der Dichter, der schon früh eine Sympathie mit dem Tode verspürte, unter den neuen politischen Verhältnissen nicht Fuß fassen. Bereits 1933 war er einmal kurzzeitig verhaftet worden; 1936 nahm er sich mit einer Überdosis Schlaftabletten das Leben.