Stuttgart - Internationales Flair kommt ins Hospitalviertel: Im Juni gastiert eine hochkarätige Kunstausstellung im Quartier, die bereits weltweit Aufmerksamkeit genießt. Es geht um den Holocaust, den der Künstler Luigi Toscano in seinem Projekt „Gegen das Vergessen“ aufarbeitet. Die Unesco nahm ihn daher in die Liste der „Artists for Peace“ auf.
Toscano fotografiert Überlebende der Shoah. Doch nicht nur die Bilder wirken, sondern auch die Dimensionen. Toscano zeigt großformatige Porträtfotos von Menschen, die das Grauen gesehen und das Unvorstellbare durchlebt haben. Alles Gesichter, durchweg Nahaufnahmen, zweieinhalb Meter hoch. Von den insgesamt über 400 Exponaten zeigt der Künstler allerdings nur etwa 100 im Hospitalhof. Toscano verbindet damit seine „Selbstverpflichtung, auch weiterhin für Menschlichkeit und Frieden einzustehen“.
Toscanos eigene Vita machte ihn sensibel
Wenn er generell über seine Arbeit spricht, spürt man gleichzeitig seine Begeisterung und den Stolz eines erfolgreichen Künstlers. Kommt die Rede dagegen auf die Holocaust-Überlebenden zeigt er sich betroffen und demütig. Eine Haltung, zu der er sich als Chronist der Shoah verpflichtet. Die Verbundenheit und Sensibilität mag aus seiner eigenen Geschichte stammen: Toscano, geboren Anfang der Siebzigerjahre in Mainz, aufgewachsen als Gastarbeiterkind, hatte es nicht leicht. In seiner Jugend erfuhr auch er, wenngleich in deutlich milderer Form, Ausgrenzung. Sein Weg zum Renommee war lang. Bevor Toscano zur Kunst kam, arbeitete er als Dachdecker, Fensterputzer und Türsteher. Mit „Gegen das Vergessen“ scheint er bei sich selbst angekommen zu sein. Doch das ambitionierte Projekt lässt ihm kaum Ruhe. Denn er will den letzten Überlebenden der Shoah ein Gesicht geben – er möchte, dass kein einziges vergessen wird. Toscanos Werk erschöpft sich dabei nicht im Fotografieren. Er nimmt sich Zeit, hört zu, fragt nach. Mit den Porträtierten hat er oft Tage verbracht. Immer wieder muss er gegen menschliche Bequemlichkeit und behördliche Trägheit kämpfen. Toscano verliert dabei nie aus den Augen, worum es geht: „So etwas darf nie wieder geschehen.“
Dass die Ausstellung nun auch in Stuttgart zu sehen ist, liegt auch an dem Theater-Ensemble Lokstoff. „Wir wollen bei der Präsentation des Werks neue Wege erproben“, sagt Dramaturgin Alexa Steinbrenner: „Unser Jugendensemble soll durch die Ausstellung führen.“ Jugendliche sollen so als Sprechende zu den jüngeren Pendants der Überlebenden und damit selbst Teil des Kunstwerks werden. Dabei tragen sie nicht nur die Schicksale und Geschichten einzelner Überlebender vor, sondern auch den Text „Brauner Morgen“ von Franck Pavloff. Der Lyriker reagierte damit auf das Erstarken des „Front National“ und der sogenannten „Nouvelle Droite“ in Frankreich.
Das Konzept soll Schule machen
Geplant ist außerdem noch ein mobiles Konzept, bei dem das Jugendensemble die Ideen und Inhalte von „Gegen das Vergessen“ in Schulen trägt, dann natürlich mit etwas kleineren Fotografien. Der Anteil von Lokstoff geht damit über die reine Veranstaltung hinaus. Alexa Steinbrenner und Luigi Toscano sprechen aus diesem Grund unisono von einem „Experiment, das bei einem Erfolg als Blaupause für weitere Städte dienen könnte“. Schon jetzt wird laut Steinbrenner deutlich, „dass die Ausstellung riesig ist, ihre Wucht gewaltig und doch alles konzentriert auf den Punkt gebracht wird“. Fest steht schon jetzt, dass die Gegenwart, die von einem wachsenden Antisemitismus geprägt ist, das langfristige Konzept eingeholt hat. Was einerseits die Relevanz dieser Ausstellung verstärkt, schürt auch Ängste bei den Veranstaltern. Es sei nicht auszuschließen, dass es zu antisemitisch motivierten Angriffen komme. Bereits an anderen Orten wurden Werke mit Nazisymbolen beschmiert, in Wien bei einigen gar die Gesichter herausgeschnitten. „Freiwillige haben mir geholfen, die Schäden zu reparieren und die Werke fortan zu bewachen. Das hat mich sehr berührt“, berichtet Toscano. Für den Künstler war es am Ende jedoch eher eine Bestätigung seiner Arbeit und ein Ansporn, weiterzumachen. In seinem Umfeld nennen manche diesen Einsatz gegen das Vergessen „Heldenmut“. Aber es ist mindestens genauso respektabel, wenn man es nur als notwendige Zivilcourage bezeichnet.