Ernährung Besessen vom gesunden Essen

Von Christine Pander 

Manche Menschen werden krank, weil sie sich zwanghaft und mit allen Mitteln gesund ernähren wollen. Das Essen ist nicht mehr nur Lebensmittel, sondern Lebensmittelpunkt.

Gemüse ist gesund. Aber man kann gesunde Ernährung  auch übertreiben. Foto: dpa
Gemüse ist gesund. Aber man kann gesunde Ernährung auch übertreiben. Foto: dpa

Stuttgart - Kein Zucker, keine Konservierungsstoffe, fleischlos oder am besten gleich vegan? Es gibt wenig, über das sich so trefflich diskutieren lässt wie über den „richtigen“ Ernährungsstil. Gesund soll er sein – das geben auch jene in Straßenumfragen an, die gleichzeitig mit Fast Food in der Hand in die Kamera lächeln. Der große Teil der Konsumenten macht sich aber durchaus Gedanken über den Speiseplan. Das zeigt der Run auf die Ratgeberliteratur und die Kursangebote zu den Themen Ernährung, Diät und Kochen.

Manche verrennen sich dabei aber so sehr, dass sie das Verlangen nach gesundem Essen – was auch immer der jeweiligen ­Definition zugrunde liegt – krank macht. In einzelnen Fällen führt das zur Obsession: Essen ist nicht mehr nur Lebensmittel – sondern Lebensmittelpunkt.

Eine Essstörung namens Orthorexia nervosa

Orthorexia nervosa heißt die Störung, die der amerikanische Arzt Steven Bratman erstmals 1997 in seinem Buch „Health Food Junkies“ beschrieben hat. Abgleitet wird die Wortkombination vom griechischen „orthos“ für richtig und „orexis“ für Appetit – Bratman versteht darunter die „übersteigerte Fixierung auf gesunde Lebensmittel“. Die Betroffenen setzen sich so sehr unter Druck, gesund zu essen, dass das Verlangen krankhaft wird.

Offiziell gibt es die Diagnose nicht. Unter Experten ist sie bekannt, aber umstritten. In einer belgischen Studie gaben mehr als 100 Experten an, orthorektische Patienten behandelt zu haben. Genauso viele forderten, das Phänomen müsse mehr beachtet werden. Ein Viertel hielt die Störung für eine reine Erfindung der Medien.

Für Bratman ist es keine Frage, ob es die Störung gibt. Er hat selbst darunter gelitten. Vor seiner Karriere als Alternativmediziner arbeitete er als Koch – und wurde orthorektisch. Gemüse musste nach dem Ernten aus dem eigenen Garten innerhalb von 15 Minuten verarbeitet sein, am liebsten aß er alleine, um Ruhe für die optimale Verdauung zu haben. Jeden Bissen kaute er 50-mal. Abweichungen von den strengen Essgeboten wie Einladungen empfand er als sündhaft und bestrafte sich durch Fasten. „Es war ein weiter Weg, bis ich wieder genießen konnte“, sagt er.

Subjektive Einordnung in gut und schlecht

Orthorektiker vermeiden alle Lebensmittel, die sie als ungesund einstufen. Das kann sich auf Fett, behandelte oder konservierte Produkte, Zucker oder Süßigkeiten beziehen. Die Einordnung in gute und schlechte Waren ist subjektiv. Wie bei der Bulimia nervosa und der Anorexia nervosa räumen die Betroffenen dem Essen einen extrem hohen Stellenwert ein. Während Magersüchtige aber versuchen, wenig zu essen, steht bei Orthorektikern die Qualität des Essens im Vordergrund.

Ein weiterer Unterschied ist wesentlich: Wer wie bei der Magersucht unter einer Zwangsstörung leidet, empfindet diesen Zwang als fremdartig. Selbst wenn es das Bewusstsein dafür gibt, dass das Verhalten unsinnig ist, können die Patienten nicht anders. Orthorektiker dagegen sind überzeugt davon, dass ihr Verhalten alternativlos das einzig richtige ist – im sozialen Umfeld werden sie daher auch gerne missionarisch tätig; oder sie wenden sich im Laufe ihres „Foodamentalismus“ von Menschen ab, die anders ticken.

Vom Wunsch zur Kontrolle zum Zwang zur Kontrolle

Doch nicht jeder, der sich bewusst ernährt, ist auf dem Weg, automatisch ein Orthorektiker zu werden. Bedenklich wird es erst, wenn der Wunsch nach Kontrolle umschlägt in einen Zwang zur Kontrolle: beispielsweise wenn Restaurantbesuche quälend sind, weil die Betroffenen nicht überprüfen können, woher die Speisen kommen und wie sie zubereitet wurden; oder wenn Partys und Familienfeiern gemieden oder mit dem eigenen Proviantkorb beehrt werden.

Orthorektiker stecken viel Zeit in die Planung und Organisation des eigenen Speiseplans – die Nährwerttabelle wird zum treuen Begleiter. „Die Betroffenen haben eine zwanghafte Persönlichkeit“, sagt Martina de Zwaan, die Direktorin der Klinik für Psychosomatik und Psychotherapie der Medizinischen Hochschule Hannover. Was genau der Auslöser für die intensive Beschäftigung mit der Ernährung ist, wissen die Experten nicht. Aber weder das Schönheitsideal noch Berichte in den Medien über Lebensmittelskandale reichen de Zwaan zufolge aus, um aus einem Gesunden einen Orthorektiker zu machen.

Anlagen zur Störung dürften in der Persönlichkeit liegen

Wer unter einer Lebensmittelunverträglichkeit leidet und sowieso schon gezielt auf seine Nahrung achten muss, kann unter Umständen eher zur Störung neigen – aber auch nur, wenn die Anlagen in der Persönlichkeit dafür gegeben sind. Pro Jahr suchen fünf bis sechs Betroffene mit Orthorexia nervosa in der Klinik bei de Zwaan Hilfe. Manche sind sozial isoliert. Andere mangelernährt. „Betroffen sind vermutlich viel mehr, bei uns landen sie erst, wenn sie im Alltag nicht mehr zurechtkommen.“ De Zwaan vermutet, dass Orthorektiker zunehmend zur Klientel von Ernährungsberatern und Diätassistenten gehören, „um sich noch mehr Infos über gesunde Ernährung zu beschaffen“.

Experten gehen mit dem Begriff Orthorexia nervosa noch sehr vorsichtig um. Carlo Canella vom Institut für Ernährungswissenschaften der römischen Universität La Sapienza hat vor zwei Jahren die erste Studie über die krankhafte Fixierung aufs Essen publiziert. Sein Team befragte 404 Personen zu ihrem Essverhalten. Sieben Prozent davon stuften sie als orthorektisch ein. Der Vorsatz, „absolute Gesundheit“ erreichen zu wollen, und der Drang nach „totaler Kontrolle“ siegen bei den Betroffenen über die Vernunft, schrieben die Forscher.

Kenntnis alleine reicht jedenfalls nicht aus: Im Jahr 2005 ergab eine Studie aus Österreich, dass gerade Diätassistentinnen besonders gefährdet sein könnten, an Orthorexia nervosa zu erkranken.